Sonne, Mond und Thor Steinar

3. September 2010, 15:01
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Rechtsextreme Symbole und Kleidermarken werden in Österreich offen getragen - derStandard.at-Lokalaugenschein beim FPÖ-Wahlauftakt

Auf seinen Wahlveranstaltungen seien "lauter anständige Bürger" beteuerte FPÖ-Chef Strache im März diesen Jahres und warf dem ORF-Schauplatz-Team Manipulation vor, weil junge Männer in seiner Anwesenheit Nazi-Parolen gerufen hatten. Das Gerichtsverfahren zur Causa ist nach wie vor nicht zu Gunsten oder gegen den ORF entschieden. Grund genug die Probe aufs Exempel zu machen und beim FPÖ-Wahlkampfauftakt zur Wien-Wahl nach rechtsextremen Codes, Symbolen und Modemarken zu suchen. DerStandard.at mischte sich mit einer Rechtsextremismus-Expertin unter die Menge und konnte einige interessante Entdeckungen machen.

Neben dem klassischen FPÖ-Outfit mit Kapperl und "Wir für Österreich"-T-Shirts ließen sich beim Wahlkampfauftakt in der Lugner-City die Fans von HC-Strache auch mit kreativen Eigenkreationen blicken. Ein älterer Herr etwa trug einen weißen Helm mit rotem Bürgermeistersessel, der von einem HC-Strache-Sägeblatt, das einem Zahnrad ähnlich sieht, zersägt wird. So weit so harmlos – zumindest auf den ersten Blick. Christa Bauer, Autorin des im Frühjahr erschienenen Buchs "Rechtsextrem", klärt auf, was es mit dem Zahnrad auf sich hat. Dieses Symbol wurde zur Zeit des zweiten Weltkrieges von der Deutschen Arbeiterfront, der größten NS-Massenorganisation, verwendet. Die NPD in Deutschland hat das Zahnrad wiederentdeckt und ebenfalls in Verwendung. "Verboten ist das Symbol aber nur in Kombination mit dem Hakenkreuz", erzählt Bauer.

foto: derstandard.at/eder

Zu relativ großer Bekanntheit hat es mittlerweile die rechtsextreme Modemarke Thor Steinar geschafft, die in der Lugner City ebenfalls offen sichtbar getragen wurde. Sie kann über rechtsextreme Versandhäuser oder direkt in einem der zwei österreichischen Thor-Steinar-Shops erworben werden. Der Name Thor Steinar stammt aus der nordischen Mythologie, dementsprechend repräsentiert die teure Marke "nordischen Flair". Im Jahr 2005 war die Firma aufgrund einer drohenden gerichtlichen Verurteilung gezwungen ihr Logo – die Gibor-Rune bzw. Wolfsangel – abzuändern. "Auch wenn TrägerInnen von Thor-Steinar-Kleidung nicht pauschal als Neonazis gesehen werden dürfen, steht Thor Steinar doch für 'rechtsextremen Chic'", sagt Bauer.

foto: derstandard.at/eder

"Schwarze Sonne" als Tattoo

Ein junger Mann fiel Christa Bauer wegen seines Tattoos auf. Halb verdeckt, aber doch erkennbar, zeigte es eine "schwarzen Sonne". Sie kann als zwölfarmiges Hakenkreuz oder Rad aus zwölf Sig-Runen gedeutet werden und wurde von der SS verwendet. In rechtsextremen Kreisen symbolisiert sie die "Verbundenheit mit der eigenen Art und mit den arteigenen Wertvorstellungen."

foto: derstandard.at/eder

Auf dem Unterarm eines Mannes vor der Festbühne war in Frakturschrift das Wort "Honour" zu lesen. Es ist ein Teil des typischen Emblems der rechtsextremen Netzwerks "Blood & Honour". Das Schriftdesign von "Blood & Honour" hat einen sehr hohen Symbolwert, sodass der Bezug auch ohne den Organisationsnamen deutlich wird. Im Gegensatz zu Österreich ist die Organisation in Deutschland auch behördlich verboten. Hierzulande werden von den Gruppierungen vor allem Konzerte mit rechtsextremen Bands organisiert.

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Weniger offensichtlich und auffällig ist die Abkürzung auf dem T-Shirt eines anderen jungen Mannes. A.C.A.B. liest man hier. "Das bedeutet 'All cops are bastards'", erklärt Christa Bauer. Das Kürzel wird allerdings nicht nur von der rechtsextremen Szene sondern auch von Punks und der autonomen Szene verwendet. Dennoch: diese Abkürzung wird in rechtsextremen Kreisen in verschiedensten Variationen wie z.B. auf Kleidungsstücken verwendet. "Mitunter wird der Slogan auch abgewandelt, zum Beispiel in AJAB – also 'All Jews are Bastards'", so Bauer.

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Kürzel und Chiffren: "All cops are bastards"

Eine Modemarke, die sich im Gegensatz zu den vorher erwähnten ausdrücklich von der rechtsextremen Szene distanziert, ist Lonsdale. Sie wurde in der Szene deshalb populär, weil bei einer halboffenen Jacke nur die Buchstaben NSDA des Schriftzuges zu sehen sind. Nachdem sich Lonsdale von der rechtsextremen Szene diszanziert hat, kreierte der Betreiber des rechtsextremen Patria-Versand die Marke Consdaple, die die Buchstaben NSDAP beinhaltet.

foto: derstandard.at/eder

Nur Hakenkreuz und Sig-Rune strafbar

Neben einem Lonsdale Pulli, der jedenfalls nicht automatisch als ein rechtsextremes Zeichen gewertet werden darf, wurden beim Rundgang durch die Lugner City auch Jacken und T-Shirts der Marken Pitbull und Alpha Industries gesichtet. Alpha Industries ist auch Ausstatter der US-Army, in der rechtsextremen Szene ist die Marke aufgrund ihres Firmenlogos, das dem Abzeichen der SA ähnelt, beliebt.

Mit entsprechenden Beweisfotos von rechtsextremen Symbolen zur Polizei zu gehen, nützt im gegebenen Fall nicht viel. "Verboten ist nur die doppelte Sig-Rune und das Hakenkreuz. Alles andere ist im Graubereich angesiedelt", erzählt Christa Bauer. (Teresa Eder/derStandard.at, 3.9.2010)

Info:

Buch "Rechtsextrem"

Hotline zum Thema Rechtsextremismus in Zusammenarbeit mit Rat auf Draht: 0810/500 199

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