Stefan Ströbitzer - Amons Info-Schatten übernimmt Radio-Chefredaktion

2. September 2010, 15:53
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Wien - "Zeit im Bild"-Chef Stefan Ströbitzer (44) wird neuer Radio-Chefredakteur und folgt damit einmal mehr seinem Mentor und langjährigen Chef Karl Amon. Diesmal freilich mit umgekehrten Vorzeichen: Ströbitzer geht voran, Amon muss nächste Woche erst vom ORF-Stiftungsrat zum Radiodirektor bestellt werden. Seit Jahren arbeitet das Informations-Duo wie ein siamesisches Zwillingspaar zusammen und durchlief dabei verschiedene Stationen des öffentlich-rechtlichen Senders. Nun wechselt Ströbitzer auf jenen Platz, den Amon schon einmal innehatte.

"Meinungsvielfalt und journalistische Freiheit zulassen"

"Karl Amon und ich sind angetreten, um Meinungsvielfalt und möglichst viel journalistische Freiheit zuzulassen", meinte Ströbitzer einmal über die Aufgabe in der TV-Information. An dieser Ansage wird sich wohl auch nach dem gemeinsamen Wechsel ins Radio nicht viel ändern. Kritik seitens der Politik liege deshalb in der Natur der Sache. "Es gibt einen natürlichen Interessensgegensatz zwischen den Subjekten der Berichterstattung und den Berichterstattern. Pressesprecher, Parteisekretäre, Politiker handeln mit ihren Botschaften und hätten die gerne in allen Medien und damit auch im ORF untergebracht. Die machen ihren Job, und wir machen unseren Job. Wir prüfen auf Informationsgehalt und Relevanz und dann wird gesendet, was relevant ist", so Ströbitzer.

Studierte Rechtswissenschaften

Der gebürtige St. Pöltner absolvierte das Studium der Rechtswissenschaften an der Uni Wien und schnupperte schon bald nebenbei erste journalistische Luft bei bei den "Niederösterreichischen Nachrichten". Er arbeitete im Landespolitik-Ressort und war in der Schlussredaktion für die St. Pöltner Regionalausgaben der NÖN tätig. Das Gerichtspraxis-Jahr brachte Ströbitzer im Gerichtssprengel Wien hinter sich. Unmittelbar danach heuerte er 1994 als freier Mitarbeiter beim ORF-Landesstudio Wien an. Dort traf er auf Wien-Chefredakteur Karl Amon und stieg bis zum Chef vom Dienst auf. Nach Amons Wechsel in die Radio-Chefredaktion folgte Ströbitzer zu Ö3, übernahm dort zunächst die Verantwortung für alle journalistischen Elemente in den Ö3-Sendungen, vom "Wecker" bis zu "Frühstück bei mir", und wurde Info- und Wortchef des Musiksenders.

"Mehr Tiefe zu den wichtigen Tagesthemen"

Die nächste Station der beiden war die Fernseh-Information: Als Amon 2007 als TV-Chefredakteur auf den Küniglberg gewechselt war, ereilte Ströbitzer erneut der Ruf seines Chefs. Ströbitzer ließ Ö3 hinter sich, wurde ORF 2-Informationschef, stellvertretender Chefredakteur und zeichnete als solcher für die "Zeit im Bild" verantwortlich. Amon und er setzten eine umfassende Reform des öffentlich-rechtlichen Info-Flaggschiffs in Gang. "Mehr Tiefe zu den wichtigen Tagesthemen" lautete die journalistische Vorgabe. Studioanalysen, Liveschaltungen und Erklärgrafiken wurden forciert, die beim Publikum beliebten Doppelmoderationen wieder eingeführt, große Vidiwalls installiert, Design und Grafik der Sendung aufgemotzt, die Durchschaltung der "Zeit im Bild" auf dem Altar der "größten Programmreform aller Zeiten" geopfert.

Für die Roten ein Bürgerlicher, den Schwarzen zu SP-nah

Das Innsbrucker Institut für Medienanalysen MediaWatch attestierte der ORF-Hauptnachrichtensendung in der Folge mehr Politik-Berichterstattung, weniger Politiker-Sprechblasen und international gute Public Value-Werte. Den öffentlich-rechtlichen Auftrag verstand Ströbitzer stets als "kritisch distanziert gegenüber den Mächtigen - wir sind schließlich der Anwalt des Publikums". Politisch lässt er sich nicht gerne einordnen: "Ich versuche zu allen Parteien ein gleich kritisch-distanziertes Verhältnis zu haben und glaube, dass man mich aufgrund meiner bisherigen Arbeit in keine Schublade stecken kann." Journalisten-Kollegen bestätigen diese Sichtweise. Dennoch gab es in SPÖ und ÖVP zuletzt Versuche, Ströbitzer zu punzieren. Die SPÖ sieht in ihm einen gestandenen Bürgerlichen, die ÖVP will das so nicht gelten lassen und führt als Beleg Ströbitzers Sozialisierung im ORF-Landesstudio Wien an. Auch sei Ströbitzer eng mit Medien-Staatssekretär Josef Ostermayer befreundet, so der VP-Spin.

Tatsächlich stammt Ströbitzer aus einer bürgerlichen Familie. Ströbitzers Vater Hans war über viele Jahre NÖN-Chefredakteur und politischer Kommentator des ORF-Niederösterreich. Während seiner aktiven Zeit galt er als Chefideologe der früheren ÖVP-"Stahlhelmfraktion". Bei einer Ordensverleihung anlässlich des 80ers von Ströbitzer senior marschierten im Frühjahr neben Kanzler Werner Faymann und Laudator Erwin Pröll auch gleich die noch lebenden Alt-Landeshauptleute Niederösterreichs auf.

Ströbitzer junior kehrte dem schwarzen Niederösterreich journalistisch freilich bald den Rücken, erste Karrieresprünge machte er im roten Bundesland Wien bzw. im dortigen ORF-Landesstudio. Als er dort eine Serie zu juristischen Fragen rund ums Wohnen produzierte, lernte er zwangsläufig den im Büro des damaligen Wiener Wohnbaustadtrats Werner Faymann zuständigen Juristen Josef Ostermayer kennen. Seit damals gibt es eine gute Gesprächsbasis zum heutigen Medien-Staatssekretär und SPÖ-Medien-Chefstrategen. Dass Ströbitzer mit Ostermayer gemeinsam auf Urlaub war, wie gestreut wurde, stimmt freilich nicht. "Eine glatte Lüge", meinte Ströbitzer schon vor seiner Bestellung. Der neue Radio-Chefredakteur legt größten Wert auf seine Unabhängigkeit. Mit dem Finanzministerium unter Josef Pröll (V) gab es deshalb zuletzt Wickel um einen "ZiB"-Beitrag über eine mögliche höhere Besteuerung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Als das Ministerium im Vorfeld der Ausstrahlung im ORF intervenierte, gab Ströbitzer die Devise "jetzt erst recht" aus.

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz, dem sich durch die bevorstehenden Vakanzen in der Fernseh-Information bald ein neues Aufmarschgebiet der Parteizentralen auftun wird, sieht in Ströbitzer denn auch einen "Garant für unabhängigen öffentlich-rechtlichen Qualitätsjournalismus". Ströbitzer selbst will in seiner neuen Funktion die "unabhängige, aktuelle und rasche Information" der Radio-Nachrichtensendungen absichern und weiterentwickeln. Sein alter und dann neuer Chef Karl Amon soll ihm dabei bald folgen. (APA)

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