"Gespräche über die Länge des Minaretts sind absurd"

30. August 2010, 20:51
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Avantgardistische Moscheenarchitektur findet man vor allem in konservativen Ländern, behauptet der niederländische Architekturdozent Hüsnü Yegenoglu

STANDARD: Was genau macht eine Moschee zu einer Moschee?

Yegenoglu: Es gibt drei verbindliche Elemente. Das ist die Gebetsnische Mihrab, die man in jeder Moschee vorfindet, die sogenannte Minbar, also die Kanzel, sowie die nach Mekka ausgerichtete Qibla-Wand. Alle anderen Elemente wie etwa Kuppel oder Minarett sind im Laufe der Zeit entstanden und sind kulturell bedingt. Sie können zwar sein, aber sie müssen nicht. Wenn man sich nur noch über die Länge des Minaretts unterhält, dann wird die Diskussion absurd.

STANDARD: Dennoch wird zwischen Muslimen und Nichtmuslimen oft genau darüber diskutiert. Warum?

Yegenoglu Das muss man verstehen. Wir sprechen hier von Migrantengruppen, die sich infolge ihrer Entwurzelung nach entsprechenden Symbolen sehnen. Das sind Minarette, das sind Kuppeln, das sind ganz bestimmte Ornamente. In der Fachwelt gibt es dafür auch den Ausdruck der "Heimweh-Moschee". Ich mag das Wort allerdings nicht.

STANDARD: Bedeutet das, dass Moscheen in islamischen Ländern oft moderner sind als etwa in Deutschland oder Österreich?

Yegenoglu Ja. Auch wenn es paradox klingt: Avantgardistische Moscheen werden hauptsächlich in traditionalistischen islamischen Ländern errichtet. Ich denke da etwa an die Weiße Moschee, die 1980 in Sherefudin in Bosnien-Herzegowina gebaut wurde. Auch der Entwurf der irakischstämmigen Architektin Zaha Hadid für eine Moschee in Kuwait ist absolut zeitgenössisch und gibt keinerlei verweis auf traditionelle Moscheenarchitektur.

STANDARD: In einem Vortrag letztes Jahr haben Sie einmal über sogenannte "Poldermoscheen" gesprochen. Was versteht man darunter?

Yegenoglu Das ist ein holländischer Ausdruck und beschreibt einen Moscheen-Typus, der nicht nur aus einem Gebetsraum besteht, sondern auch aus einem Kulturzentrum, einem Health-Center, ja vielleicht sogar aus einem Bowling-Club. Der Typus der Polder-Moschee richtet sich in den Niederlanden vor allem an Türken und Marokkaner der zweiten und dritten Generation. Entsprechend modern ist die architektonische Gestaltung.

STANDARD: Eine moderne Architek-tursprache hilft auch nicht immer weiter. In Köln befindet sich derzeit eine der größten Moscheen Europas in Bau. Die Auftraggeberin Ditib und Architekt Paul Böhm mussten dennoch gegen starke Ressentiments der Kölner ankämpfen.

Yegenoglu: Wie man es macht, man macht es falsch! Wir leben in einem Zeitalter, in dem Moscheen eine gewisse gesellschaftliche Irritation auslösen. Der Islam macht vielen Leuten immer noch Angst. Das merkt man schon daran, dass man beim Wort "Moschee" in erster Linie an Innenpolitik denkt - und nicht an das Bauwerk an sich. Auch bei der Moscheendiskussion am Ground Zero hört man in erster Linie die Ängste der New Yorker Bevölkerung heraus. (Wojciech Czaja/DER STANDARD-Printausgabe, 31.8.2010)

HÜSNÜ YEGENOGLU (53), geboren in Istanbul, ist Dozent für Architektur an der TU Eindhoven.

  • Architekt Hüsnü Yegenoglu: "Wenn man sich nur noch über die Länge des Minaretts unterhält, dann wird die Diskussion absurd."
    foto: privat

    Architekt Hüsnü Yegenoglu: "Wenn man sich nur noch über die Länge des Minaretts unterhält, dann wird die Diskussion absurd."

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