Aufklärung als Menschenrecht

27. August 2010, 10:05
5 Postings

Kornelia Hauser über Schlüsse aus der aktuellen Studie "Menschenrechte in Österreich" - Fehlende Mündigkeit greift zu kurz, solange es so schwierig ist, mündig zu sein

Wenn - angesichts der geringen "Kenntnisse" bezüglich der Menschenrechte - in den Medien nach der Benennung des "Problems" sofort die Lösung in demselben Beitrag zu lesen ist (Studie Menschenrechte: Österreicher wissen wenig über Asyl), zum Beispiel "den Jüngeren fehlt vielfach grundlegendes Wissen", muss doch gestutzt werden. Ein so grundlegendes Problem, Unmündigkeit, hat tatsächlich einen einzigen Grund, dessen Beseitigung ins aufgeklärte Licht führt?

Circa 250 Jahre währt der Versuch, aus der "selbstverschuldeten Unmündigkeit" auszutreten. Viele Rückschläge lassen sich feststellen und manchmal sogar die Abwesenheit des Gedankens und der Praxis, dass Mündigkeit ein staatsbürgerliches Recht und eine Pflicht in Demokratien ist. Zum Beispiel in Österreich. Claudio Magris, bei den Salzburger Festspielen in diesem Jahr ein gefeierter Autor, hat es in seinem Buch "Der habsburger Mythos in der modernen österreichischen Literatur" als Problem entfaltet, dass in Europa die Aufklärung vollzogen wurde, während das habsburger Reich sie erfolgreich bekämpfte - und dies in Tirol bis heute mit grossem Pomp feiert - und Österreich so eine "oberflächliche, rückständige, sorglos hinter der Zeit hergebliebene Welt" wurde und blieb.

Untertanenmentalität verunmöglicht Gemeinsinn

Katholizismus und Untertanenmentalität, die Entlastung der BürgerInnen - auch nach dem II Weltkrieg, von gesellschaftlichen Problemen durch eine Kammerpolitik, die die politische Klasse - egal welcher Colour - ausschliesslich mit Lösungen auf die Bühne treten lässt, verunmöglicht den Gemeinsinn und die Selbstverantwortung. 34 Prozent sahen es als Menschenrecht an, die gesellschaftlichen Probleme nicht bloss zu erleiden, sondern an ihren Lösungen aktiv beteiligt zu sein und dies - so es nicht erwünscht ist - hoffentlich dann zu erstreiten.

Auch eine "hoch" anmutende Zahl (53 Prozent) von Menschen, die die Meinungs- und Pressfreiheit für wichtig befindet, ist angesichts der Meinungseinfalt (d.h. der bekannten Mediensituation im Land) doch eher erschreckend. Fast die Hälfte der Befragten muss ganz offenbar gelernt haben, dass ihre Meinung bedeutungslos ist. Nicht nur für sie selbst, sondern auch für andere. Ein interessantes Resultat für jedwede Schul- und Bildungsreform.

Wenn in der genannten Studie nur 20 Prozent der Befragten "Kultur" für bedeutsam hält könnte dies bedeuten, dass sie selten damit Kontakt haben oder sie nicht erkennen können und/oder, dass das "Wissen", dass Geld um eine vielfaches mehr zählt als "Kultur", schon selbstverständlich wurde, so dass der "Zusammenhang" von Geld und Kultur nur als messbare Grösse verstanden wird: wer genug Geld hat - und somit Zeit - wird sie sich leisten können. Also das, was die Menschenrechte achten hülfe, wird gering geachtet. 

Mediale Erscheinung von Menschenrechten

Versucht man sich zu vergegenwärtigen, in welchen Verkleidungen "Menschenrechte" medial auftreten stellt man fest, dass sie zumeist negativ auftreten: entweder als Abwesenheit, oder als "verletzte", oder "noch nicht" gekannte Menschenrechte sind sie auf der medialen Bühne. Das Abwesende ist selten interessant, wenn man ihm nicht selbst als möglich Anwesendes (wie bei Sex und Geld) hinterher jagd.

Manchmal sind sie auch verstörend: man muss offenbar die Rechte von Frauen nicht als Teilmenge der Menschenrechte erkennen müssen, um gleich mehrere Kriege als "begründet" durch "den Kampf um Rechte für Frauen" (Afghanistan, Irak) anzuerkennen. 

Die verästelte Verrechtlichung der Menschenrechte als auf Dauer gestellte Anforderung, sie zu erfüllen (Frauenquoten, Kinder-Behinderten-AusländerInnern usw.- Rechte) erlebt sich, wenn die Einsicht in Menschenrechte als Maßstab für das eigene Leben, das so eine Orientierung erhalten kann, fehlt, als Zunahme an Verkomplizierung (politisch korrektes Auftreten) und als Anmassung von immer mehr Gruppen, die ihre "zusätzlichen" Rechte beanstanden oder einklagen. Anerkennung ist den Sozialwissenschaften im Augenblick das Zauberwort dazu. Der Verkennungseffekt scheint mir zu sein, dass verborgen bleibt, dass die einklagende Partei nicht nur für sich Anerkennung fordert, sondern dass in deren Anerkennung sich auch jene Gruppe erkannt und anerkannt begreifen kann, die dazu aufgefordert wird: erst mit Aufkommen von homosexuellen rechtlichen Forderungen wurde aus "Normalen" eine Gruppe, die ebenfalls eine Orientierung, die aus der "Naturwüchsigkeit" gerissen wurde: die Heterosexuellen waren "geboren". Die Diskussion um Rechte für AusländerInnen hilft enorm, sich die eigenen inländischen Rechte zu vergegenwärtigen und sogar sie in Anspruch zu nehmen (z.B.Wahlrecht.)

"Mut zur eigenen Meinung öffentlich machen"

Das Recht von Frauen, nicht benachteiligt zu werden weil sie sind, was sie unabänderlich sind, ist hilfreich auch für Nicht-Frauen über das Recht "anständig" und nach ihrer Qualifikation (anstelle nach Sympathie oder in Freunderlwirtschaft) beurteilt und bezahlt werden zu wollen.

Statt die Mündigkeit durch die bloße Zunahme von Wissen zu behaupten, könnten wir uns auch darüber auseinandersetzen, wie schwierig es ist, mündig zu sein, sich des eigenen Verstandes zu bedienen (d.h. ihn auch immer weiter mit Wissen zu füttern, um sich bilden zu können) und dass es dazu solche Dinge braucht, die von Kindesbeinen an gesellschaftlich in Demokratien vermittelt werden müssen: Den Mut zur eigenen Meinung und die Zivilcourage sie öffentlich zu machen.

Denn die eingangs eingeführte Idee, dass jemand eine Meinung zu etwas hat, was er/sie gar nicht kennt ist so abenteuerlich, wie die Tatsache, dass nach 250 Jahren in Österreich die Menschenrechte immer noch nicht angekommen sind als Lebensmittel, die die Lebensqualität steigern. (Kornelia Hauser, dieStandard.at, 27.8.2010)

  • Kornelia Hauser ist Professorin für Soziologie mit dem 
Schwerpunkt feministische Kulturwissenschaften am Institut für 
Erziehungswissenschaften der Universität Innsbruck.
    foto: privat

    Kornelia Hauser ist Professorin für Soziologie mit dem Schwerpunkt feministische Kulturwissenschaften am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Innsbruck.

Share if you care.