Rundschau: Blaue Welten und andere

    11. September 2010, 10:33
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    Astrophysikalische Spekulationen und Romane unter anderem von Charles Stross, Ken Scholes, Liz Williams, Neal Asher und Sergej Snegow

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    coverfoto: blanvalet

    Ken Scholes: "Sündenfall"

    Broschiert, 540 Seiten, € 15,50, Blanvalet 2010.

    Bei Fantasy tue ich mir wesentlich seltener als bei anderen Genres den Aufwand an, ein Buch zwecks Auffettung der Rubrik aus dem Ausland zu bestellen (Eulen nach Athen tragen usw ...). Ken Scholes' "Lamentation" wurde allerdings - vorneweg: völlig zu Recht - derart mit Lob überschüttet, dass es einfach sein musste. Dummerweise ist's dann ein Jahr lang liegen geblieben und zack! ist auch schon die deutsche Übersetzung da. - Allzu viele AutorInnen werden von ihren Verlagen zu früh ins verkaufsträchtige Langformat getrieben und scheitern. Ken Scholes hingegen hat den Sprung von Kurzgeschichten und Novellen zum großen Epos mit Bravour vollzogen. Vielleicht hat's geholfen, dass der Autor aus Oregon schreiberisch insgesamt eher ein Spätzünder war. Vielleicht ist er auch einfach nur gut.

    Im Kurzformat hat Scholes bewiesen, dass er selbst in einem Science-Fiction-Kontext märchenhaften Glanz verbreiten kann. Der durchzieht auch "Sündenfall", das auf der drei Jahre älteren Erzählung "Of Metal Men and Scarlet Thread and Dancing with the Sunrise" basiert und Auftakt des Fantasy-Zyklus "Psalms of Isaak" ist, von Anfang an: Windwir ist eine Stadt aus Papier und Talaren und Stein, lautet der wunderschöne erste Satz. Unmittelbar darauf wird die Gelehrten-Stadt, Sitz des Androfranziner-Ordens und Bastion der Vernunft, von etwas vernichtet, das in seinen Ausmaßen einem Atomschlag gleichkommt. Große Wehklage über den unermesslichen Verlust erhebt sich in den Benannten Landen (weshalb der Originaltitel auch wesentlich besser gewählt ist als der deutsche), und schon bald schlägt diese in Wut um. Heere sammeln sich rings um die Stätte der Verwüstung, und mit diesen treffen nach und nach auch die Hauptfiguren des Romans ein. Wie Petronus, vermeintlich ein einfacher Fischer - in Wahrheit jedoch ein früherer Papst des Ordens, der amtsmüde geworden war und seinen Tod vortäuschte, um in die Anonymität abzutauchen. Jetzt plagen ihn Schuldgefühle - fast so sehr wie den jungen Novizen Neb, der Windwir kurz vor dessen Zerstörung verließ. Sein Vater wollte mit ihm auf Reisen gehen; doch weil Neb etwas in der Stadt vergessen hatte, kehrte er um und starb im Feuerregen.

    Einer, den keinerlei schlechtes Gewissen plagt, ist Sethbert, Aufseher eines Stadtstaaten-Bundes im Süden - im Gegenteil: Er brüstet sich damit die Zerstörung veranlasst zu haben und will sich an seinem "Erfolg" weiden. Zunächst als irrer Fresssack, der über zigtausende Leichen geht, gezeichnet, wird er später noch für die eine oder andere Überraschung sorgen. Zu Sethberts Gefolge gehört indessen auch seine Gespielin Jin Li Tam - und die ist keineswegs das Betthäschen, für das er sie hält. Als 42. von 53 Töchtern eines mächtigen Handelsherrn von der Smaragdküste (der auch über einige Dutzend Söhne verfügt und alle seine Kinder als AgentInnen einsetzt) erfüllt sie lediglich - kampf- und sexerfahren wie sie ist bzw. gemacht wurde - die aktuelle ihr zugewiesene Mission. Und trifft in Rudolfo, Herr der Neun Häuser der Neun Wälder oder einfach nur kurz der Zigeunerkönig, auf ihr männliches Pendant. Petronus beschreibt ihn treffend als wild und flink und skrupellos. "Sündenfall" zeichnet sich dadurch aus, dass es sich bei allen Hauptfiguren - mit Ausnahme des noch zu unerfahrenen Neb - um durch und durch politisch denkende Charaktere handelt. Rudolfo erweist sich dabei als besonders facettenreich: Er macht ungerührt mit den Spähern eines gegnerischen Heeres kurzen Prozess, zeigt aber auch staatsmännische Voraussicht, indem er Bündnisse schmiedet und einen Neuaufbau der Bibliothek von Windwir plant.

    In den Trümmern der alten stoßen sie schließlich auf die letzte zentrale Figur der Saga, und spätestens hier beginnen sich die "Psalms of Isaak" von herkömmlicher High Fantasy zu verabschieden. Isaak ist einer von 14 Mechoservitoren, künstlichen Menschen, die die archäologisch aktiven Androfranziner nach Plänen aus einem vergangenen Zeitalter nachgebaut haben. Isaak trägt von allen die schwerste Last - denn er befürchtet die Zerstörung ausgelöst zu haben, indem seine Register zur Rezitation eines verheerenden Bannspruchs manipuliert wurden. Er mag eine dampfbetriebene Maschine sein, doch geht seine Fähigkeit Gefühle zu empfinden weit darüber hinaus. Der abgebrühte Rudolfo wird sich an einer Stelle wünschen, er hätte irgendwann einmal in seinem Leben dieselbe Unschuld besessen wie Isaak ... und wird erst sehr viel später merken, dass sein Lebensweg dem von Isaak gar nicht so unähnlich war.

    Isaak und seine "Brüder", mechanische Vögel und Schiffe aus Metall ... es tauchen allerlei in einem Fantasy-Roman nicht erwartete Versatzstücke auf. Bezeichnend auch die recht nüchterne Philosophie der Androfranziner, die auf altes Wissen zurückzugehen scheint: Träume betrachtet man nicht als Botschaften oder Visionen, sondern schlicht als Verarbeitung von Signalen des Tages. Und der androfranzinische Fünffache Pfad der Trauer erinnert doch irgendwie verdächtig an Elisabeth Kübler-Ross ... Spätestens wenn Petronus den blaugrünen Mond betrachtet und sich daran erinnert, dass dieser in einem lange zurückliegenden Zeitalter, ehe er von den Jüngeren Göttern betreten wurde, ein lebloser grauer Stein war, zeichnet sich ab, dass die Benannten Lande in der Zukunft unserer oder einer sehr ähnlichen Welt liegen könnten. Fantasy-Autoren wie James Kahn oder "Shannara"-Schöpfer Terry Brooks haben dergleichen bereits entworfen, ohne allerdings Scholes in schreiberischer Qualität oder Ausgestaltung das Wasser reichen zu können. Ein besserer Vergleich wäre wohl Sean McMullens "Greatwinter"-Trilogie: In dessen postapokalyptischem Australien gibt es zwar keine Magie, doch finden wir hier wie dort Informationsgesellschaften vor. Gestützt von religiös organisierter Wissensspeicherung, am Laufen gehalten durch zeitverlustarme Langstrecken-Kommunikation (hier Botenvögel, dort Signalfeuertürme).

    Wie zum Beweis, dass es keine primitiven Kulturen gibt, sondern nur solche, die unterschiedliche Mittel einsetzen, zeigen alle ProtagonistInnen eine beeindruckende Ausbildung in körperlichen und geistigen Techniken - bestes Beispiel dafür sind die ausgeklügelten Zeichen- und Pochsprachen und die Knotenschrift, in der Botschaften in Botschaften codiert werden, um Pläne in Plänen zu verstecken. Ein "Dune"-Zitat, und das kommt nicht von ungefähr: Denn alle Romanfiguren zappeln unwissentlich in einem Netz, das jemand ganz im Stil der Bene Gesserit - stets für das Licht arbeitend, doch ohne Kompromisse einzugehen - schon vor Generationen zu weben begonnen hat. Das alles gehörte in eine Geschichte, denkt Neb - und es ist eine richtig, richtig gute geworden. "Sündenfall" ist faszinierende Fantasy für Erwachsene; Teil 2 ("Lobgesang") erscheint nächsten März.

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