Rundschau: Blaue Welten und andere

    11. September 2010, 10:33
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    Astrophysikalische Spekulationen und Romane unter anderem von Charles Stross, Ken Scholes, Liz Williams, Neal Asher und Sergej Snegow

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    coverfoto: bastei lübbe

    Adam-Troy Castro: "Die dritte Klaue Gottes"

    Broschiert, 428 Seiten, € 14,40, Bastei Lübbe 2010.

    "Jemand in diesem Raum ist ein Mörder." - Dieser Golden Oldie unter den Krimi-Sätzen fällt hier tatsächlich, und wäre "Die dritte Klaue Gottes" von Agatha Christie geschrieben worden, dann hätte es wohl "Mord im Weltraumfahrstuhl" geheißen. Es findet sich sogar eine kleine versteckte Anspielung auf "Mord im Orient-Express" im Roman ... kann man ruhig erwähnen, weil die beiden Fälle nicht das gleiche Lösungsschema haben. Und wenn wir schon bei Anspielungen sind: Der Roman eröffnet ganz im Stil von "Sunset Boulevard" mit den Worten einer Toten, die rückblickend erzählt, wie es zu ihrem Sterben kam. So sieht's zumindest aus.

    "The Third Claw of God" ist der zweite abgeschlossene Fall für Ermittlerin Andrea Cort, ihres Zeichens "Sonderstaatsanwältin" des Diplomatischen Corps der Hom.Sap-Konföderation irgendwann in mittlerer Zukunft. Hinter dieser Berufsbezeichnung verbirgt sich allerdings ein langer, hässlicher Rattenschwanz von Ereignissen, denn Adam-Troy Castro - ein Autor aus Florida, der gerne zwischen den verschiedenen Subgenres der Phantastik pendelt - hat seiner 2008 ins Leben gerufenen Protagonistin eine bluttriefende Vita verpasst. Als Kind war Andrea unfreiwilliger, aber aktiver Teil eines Massakers an Außerirdischen auf einem bis dahin unwichtigen Kolonialplaneten. Dass dieses Gemetzel von außen ferngelenkt wurde, ändert nichts daran, dass sich Andrea seitdem vor allem den kosmischen Nachbarn der Menschheit als Ikone des menschlichen Blutdurstes eingeprägt hat und bei manchen Spezies als vogelfrei gilt - nur die diplomatische Immunität schützt sie. Knifflige Fälle übernimmt sie gewissermaßen als Bezahlung für diesen recht wackeligen Schutz - gleich zu Beginn stellt sie einen neuen Rekord auf, wie schnell sie an einem Ort ankommen und Ziel eines Attentats werden kann: Ich spreche von Minuten. Minuten.

    Andrea gibt eine durchgehend sarkastische Ich-Erzählerin ab - von dem "Miststück", als das sie sich selbst tituliert, geschweige denn dem "Monster", als das sie am Einband beworben wird, ist sie allerdings meilenweit entfernt. Statt dessen lernen wir eine Andrea kennen, die von ihrer planetengebundenen Vergangenheit soweit traumatisiert wurde, dass sie künstliche Nahrung ebenso wie künstliche Umgebungen jedem natürlichen Pendant vorzieht. Und die heftig genervt von der Kommunikation mit den KIquellen - Künstlichen Intelligenzen außerirdischen Ursprungs - ist, mit denen sie ein Gehirn-Interface verbindet. Die KIquellen stellen der Konföderation seit langem Dienstleistungen zur Verfügung - dass sie Andrea heimlich zu ihrer Spezialbeauftragten erkoren haben, ahnt unter den Menschen niemand. Zu Andreas fortwährendem Verdruss gefallen sich die KIquellen in einem Kommunikationsstil, der aus der Religion bekannte Züge trägt: Omnipräsent, aber selten auf Wunsch erreichbar, melden sie sich gelegentlich in Andreas Kopf, machen ominöse Andeutungen zur Zukunft und fordern ihren Schützling zu richtigem Handeln auf, ohne aber nähere Hinweise zur Entscheidungsfindung zu geben - ein zwangsweiser Reifungs- und Erziehungsprozess, den Andrea nicht beeinflussen kann. Willkommene Entspannung findet sie in ihrer beruflichen wie auch sexuellen Beziehung zu den Porrinyards, einem verbundenen Paar, das einen gemeinsamen Geist auf einen männlichen und einen weiblichen Körper verteilt.

    Diesmal verschlägt es die drei/zwei auf den Privatplaneten der Familie Bettelhine, die für den Großteil der Menschheit das Böse an sich verkörpert: Reich und mächtig geworden durch Waffenhandel, scheint bei der Dynastie nun ein Paradigmenwechsel anzustehen. Just in dieser entscheidenden Phase wird ein langjähriger Berater der Bettelhines ermordet ... und Andrea fühlt sich endlich wie zu Hause. Und wir mit ihr, denn damit setzt sich eine klassische Murder Mystery in Gang, mit allen Elementen, die da so dazugehören: Verdächtige aus besseren Kreisen, gegenseitige Anschuldigungen, ein begrenzter Raum (hier: der steckengebliebene Weltraumfahrstuhl der Bettelhine-Welt) und eine pittoreske Waffe mit kulturgeschichtlicher Bedeutung, nämlich obige Klaue Gottes. Auf eine recht nostalgische Weise wird's damit ebenso vergnüglich wie gemütlich, wenn man zwischendurch immer wieder mal zurückblättert, um nachträgliche Bestätigung für einen Geistesblitz zu finden, wer sich in entscheidenden Situationen verdächtig gemacht haben könnte: Science Fiction, die sich am besten mit Gebäck und einem Heißgetränk konsumieren lässt.

    Dass zwischen Andrea Cort und Miss Marple bzw. Hercule Poirot einige Jahrhunderte respektive - wichtiger noch - zwischen Adam-Troy Castro und Agatha Christie einige Jahrzehnte Abstand liegen, macht sich freilich auch bemerkbar. Kurz: Es fällt alles ein wenig drastischer aus, wenn nach und nach die Geheimnisse, Doppel-Identitäten, Vorgeschichten und verborgenen Beziehungsgeflechte der Beteiligten aufgedeckt werden. Statt good old klassenspezifischer Unterdrückung stößt man da gleich auf beinharte HighTech-Sklaverei, statt wenig salonfähiger sexueller Vorlieben auf Pädophilie mit Opfern im niedrigen einstelligen Jahresbereich, statt politischer Jugendsünden auf Beihilfe für einen milliardenfachen Massenmörder. Und der Mord selbst hat auch kein schmuckes kleines Einschussloch hinterlassen, sondern dafür gesorgt, dass das Opfer von innen her in einer schwarzen Soße aus Blut, Scheiße, Galle und verflüssigten Eingeweiden ausgelaufen ist. Vielleicht war das mit dem Gebäck ja doch keine so gute Idee ...

    "Die dritte Klaue Gottes" ist in konzentrischen Schalen aufgebaut: Ganz innen das Whodunnit-Kammerspiel, das sich problemlos für die Bühne adaptieren ließe. Eine Ebene weiter die Rettungskommandos von der Planetenoberfläche, die zur Verblüffung der im Fahrstuhl Eingeschlossenen einen Belagerungsring aufziehen, statt helfend einzugreifen. Und ganz außen die Hintergrundebene aller Andrea-Cort-Romane, nämlich das undurchschaubare Agieren der KIquellen (die Andrea hier mal eben das Wort "Genozid" vor die Füße werfen ... natürlich ohne den Kontext zu präzisieren). Soweit Andrea weiß, wollen die Künstlichen Intelligenzen letztlich nichts anderes als sterben - irgendwie verständlich: Sie sind älter als die Menschheit, und jede Sekunde gleicht in der Geschwindigkeit ihrer Denkprozesse Jahren. Doch eine abtrünnige Fraktion scheint andere Pläne zu hegen. Andrea verteufelt diese als die Unsichtbaren Dämonen ... aber Castro streut immer wieder kleine Zweifel daran aus, wer sich wirklich in der moralisch höheren Position befindet. - Da ist noch reichlich Stoff für weitere Romane vorhanden, um noch mehr Spuren zu legen und noch mehr Nebelkerzen zu zünden. Der dritte Cort-Roman, "Sturz der Marionetten", soll im Oktober erscheinen - erstaunlicherweise erst (und vielleicht auch: nur) auf Deutsch.

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