Rundschau: Blaue Welten und andere

    11. September 2010, 10:33
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    Astrophysikalische Spekulationen und Romane unter anderem von Charles Stross, Ken Scholes, Liz Williams, Neal Asher und Sergej Snegow

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    coverfoto: heyne

    Charles Stross: "Du bist tot"

    Broschiert, 544 Seiten, € 10,30, Heyne 2010.

    Zwei Romane - "Accelerando" und "Singularity Sky", beide überdies mit Fortsetzungen - haben den Wahlschotten Charles Stross in der Wahrnehmung vieler LeserInnen zu so etwas wie Sankt Singularität gemacht. Was ein wenig den Umstand überdeckt, dass sein literarisches Schaffen von Anfang an eher breit angelegt war - Alternativweltgeschichten finden sich darin ebenso wie Grenzgänge zu Horror und Fantasy. Und vor allem pflegt Stross einen skurrilen Sinn für Humor. Das wird sich in "Du bist tot" (im Original 2007 als "Halting State" und ohne die durchaus passende "Grand Theft Auto"-Optik erschienen) alles wiederfinden. Es handelt sich dabei um einen abgeschlossenen Roman abseits der bisherigen Mini-Serien, soll aber im nächsten Jahr ebenfalls ein Sequel bekommen.

    Dass hier fröhlich Grenzen übersprungen werden, macht schon das Ausgangsszenario klar: Die Edinburgher Polizistin Sue Smith wird zum Sitz des Unternehmens Hayek Associates gerufen, wo sich ein Banküberfall ereignet haben soll. Kein gewöhnlicher allerdings - die Bank war eine virtuelle, ihr Standort das Online-Game AVALON VIER (eine Art aufgemotztes "Dungeons & Dragons"), wo sich Hayek um die Datenverwaltung kümmert. Geraubt wurden sämtliche darin deponierten magischen Gegenstände - und die Bankräuber waren eine Horde Orks mit Unterstützung eines Drachen. Da steht Sue erst mal wie der Ochs vorm Tor. "Ich verstehe die Sprache dieser Leute einfach nicht. Das sind Aliens vom Planeten IT", stöhnt sie, während man ihr mühsam erklärt, worin der Unterschied zwischen der Wirtschaft der Spielwelt und unserer realen (bzw. einen Tick realeren) Welt besteht: im Spaßfaktor. Der bedingt zwar, dass laufend Schätze gehoben und Reichtümer erobert werden müssen - bloß führt das auch im virtuellen Raum zu Inflation. Also werden die SpielerInnen dazu angehalten, aktuell nicht Gebrauchtes in einer Zentralbank zu deponieren; natürlich gegen eine kleine, aber höchst reale Gebühr. So nach und nach versteht Sue, dass auch ein virtueller Überfall durchaus echten wirtschaftlichen Schaden anrichten kann. Die Ökonomien überlappen einander ohnehin schon lange - wer sein neues Schwert nicht auf heroische Weise zu erobern vermag, kann jederzeit auf eBay & Co fündig werden.

    Zwei weitere Charaktere müssen an den Schauplatz: Die Wirtschaftsprüferin Elaine Barnaby, die immerhin Erfahrung mit Liveaction-Rollenspielen hat, und Jack Reed, seines Zeichens ein ehemaliger Spiele-Entwickler, der nach einer Entlassung aus undurchsichtigen Gründen erst einmal ordentlich versackt ist und nun zu seiner Überraschung als Experte hinzugezogen wird. Stross wählt die seltene Variante, seinen Roman abwechselnd aus der Sicht der drei Hauptfiguren, aber stets in der zweiten Person zu erzählen. Die innere Distanz, die sich daraus unwillkürlich ergibt, passt recht gut zum Charakter der drei, die alle zur Selbstironie neigen - Jack hat sogar ein mütterliches Über-Ich internalisiert, das bei kleinen Regelverstößen rügend aktiv wird. Darüberhinaus hat diese Erzählweise aber auch den Effekt, dass die Figuren wie Avatare ihrer selbst zu agieren scheinen - was besonders deutlich wird, wenn sie zwischen Spiel- und Realwelt zu switchen beginnen, deren Grenzen im Verlauf des Romans ohnehin zunehmend erodieren.  Ein kleines Manko bleibt allerdings, dass die drei ErzählerInnen einander sehr ähneln; vor allem die Sue- und Elaine-Kapitel sind vom Ton her praktisch nicht zu unterscheiden.

    Eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass alle drei deutlich anklingen lassen, wie sehr die Freizeit in ihrem Leben gegenüber der Arbeit an Boden verloren hat. "Du bist tot", mag es auch in einem von Großbritannien unabhängig gewordenen Schottland des Jahres 2018 angesiedelt sein und teilweise in virtuellen Räumen ablaufen, ist deshalb auch kein Cyberpunk. Eher schon ein Wirtschaftsthriller mit satirischem Blick auf die - nur geringfügig weitergesponnene - Welt der Gegenwart (Parallelen zu William Gibson gibt es deshalb schon - aber zu seinen jüngeren Werken wie etwa "Quellcode"). Stross führt so einiges an, das uns nur allzu vertraut vorkommen muss: Web-basierte Unternehmen, die tollen Service bieten, solange alles gut läuft, die aber ihre Telefonnummern und Firmenadressen geschickt hinter dem zwanzigsten Link verbergen. Outsourcing von Dienstleistungen (im Roman nicht nach Indien, sondern gleich nach Nigeria, von wo aus uns seit Jahren die beliebten Scam-419-Mails ("Guten Tag, Sie kennen mich nicht, aber Sie können mir helfen, ein Konto mit XXX Dollar nach Europa zu transferieren ...") beglücken. Oder Public Private Partnerships, mit denen sich besonders in Großbritannien staatliche Einrichtungen aus der infrastrukturellen Verantwortung stehlen wollen. Alles in allem also das Kafka 2.0, in dem wir längst leben.

    Vor diesem Hintergrund geraten Sue, Elaine und Jack in Ereignisse, die immer absurder und zugleich immer bedrohlicher werden. Ein hochrangiger Mitarbeiter von Hayek verschwindet spurlos; wie es scheint, hat er seit langem eine von allen Netzen abgekoppelte Phantom-Existenz geführt. Die Europol rauscht ein und spricht von einem anstehenden "Infowar", bei dem gar die ganze EU auf dem Spiel stünde. Jack erhält Morddrohungen gegen seine Nichten und Elaine stellt fest, dass ihr Liveaction-Agentenspiel SPOOKS stärker in ihr Leben eingreift, als sie jemals vermutet hätte. "Die Spiele sind in die Realität eingebrochen", konstatiert Jack - ein Szenario, das spätestens seit dem Film "WarGames" von 1983 bekannt ist, doch läuft es bei Stross in einigen Schichten mehr ab. Denn hier ist keineswegs gesagt, dass Gefahr für Leib und Leben nur in der feststofflichen Welt liegen kann. Und das vielleicht größte Risiko besteht darin, dass es den ProtagonistInnen auch dann noch schwer fällt, die Situation ernst zu nehmen, als sie schon mehrfach in Lebensgefahr geraten sind. - Natürlich trägt auch der Autor dazu bei, dass alles recht locker daherkommt: Launiger Humor und blumige Vergleiche prägen den Ton. Überdies macht sich Stross ausgiebig über Architektur, Wetter, den gesprochenen Akzent und die Fahrgewohnheiten in seiner Wahlheimat lustig.

    Gamer, die mit Begriffen wie NPCs oder Griefer vertraut sind, mögen in "Du bist tot" kurzfristig im Vorteil sein - für alle anderen gibt es ein ausführliches Glossar am Romanende. Neben einigen wenigen nur in der Romanwelt existierenden Phänomenen wie dem CopSpace - einer Augmented Reality, die die Polizei für interne Kommunikation nützt - listet Stross darin vor allem IT-Begriffe und Wissenswertes zu Schottland auf. Und lässt beruhigenderweise auch ein bisschen sein Alter durchschimmern, nachdem er sich mit seinen 45 Jahren zuvor gar so sehr auf der Höhe der Zeit gab. Am Musikgeschmack erkennt man die Generation dann doch - von XTC über New Model Army bis zu Laurie Anderson reichen hier die 80er-Jahre-lastigen Verweise. - Daher: Schwellenangst ist nicht angebracht. "Du bist tot" ist mit all seinen überraschenden Wendungen sehr unterhaltsam. Und nach anfänglichen Orientierungsschwierigkeiten werden auch hoffnungslose Noobs daran schnell ihr Vergnügen finden.

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