Rundschau: Blaue Welten und andere

    11. September 2010, 10:33
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    Astrophysikalische Spekulationen und Romane unter anderem von Charles Stross, Ken Scholes, Liz Williams, Neal Asher und Sergej Snegow

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    coverfoto: heyne

    Sascha Mamczak & Wolfgang Jeschke: "Das Science Fiction Jahr 2010"

    Broschiert, 1141 Seiten, € 30,80, Heyne 2010.

    Mit einem Sachbuch hat die Rundschau begonnen und so soll sie diesmal auch enden. Das alljährliche Science-Fiction-Kompendium des Heyne-Verlags ist seit langem eine feste Größe und alleine schon wegen seines Umfangs nicht die typische Strandlektüre - also hab ich mir's für die Zeit aufgespart, wo man wieder mit kühlerem Kopf liest. In Sachen Umfang hat sich allerdings Erstaunliches getan: Es ist geschrumpft ... auf 1100 Seiten und ein paar zerquetschte. Diesmal fehlt nämlich der übliche Schwerpunkt, in dem in früheren Ausgaben ein Generalthema (im letzten Jahr: Superhelden) von verschiedenen AutorInnen und aus den verschiedensten Blickrichtungen betrachtet wurde. Im Editorial heißt es, dass die 2010er Ausgabe mit Schwerpunkt endgültig jedes Format gesprengt hätte - angesichts der bisherigen Entwicklung glaubt man das den Herausgebern gerne. Trotzdem schade.

    Der in jeder Beziehung dickste Brocken kommt vom Wissenschaftsjournalisten Rüdiger Vaas, der auch in dieser Ausgabe wieder die Brücke von der Fiction zur Science schlägt: Zeitreisen lautet diesmal das Thema. Nach einer wahren Lawine an Literaturverweisen geht's dann erst richtig in die Vollen, wenn physikalische Gedankenspiele vollzogen werden, wie das Universum selbst oder besondere Regionen darin als "kosmische Zeitmaschinen" funktionieren könnten, was alles bei Zeitparadoxien zu beachten ist und wie sich das Universum durch eine Zeitschleife selbst erzeugt haben könnte. Wie üblich hat das Thema den Effekt einer Mundl-Watschen: Es wackelt einem danach 14 Tage lang der Schädel.

    Zwei weitere Aufsätze gehen in der Zeit zurück: Alexander C. T. Geppert erinnert an die Pionierphase des Weltraumzeitalters während der Zwischen- und Nachkriegszeit, als begeisterte Amateure in privaten Weltraumvereinen erste praktische Experimente wagten, vor allem aber Lobby-Arbeit in Sachen Raumfahrt betrieben. Und Uwe Neuhold widmet sich in "Die Bagdad-Batterie und Hesekiels Raumschiff" in sehr vergnüglicher Weise der Pseudowissenschaft des Paläo-SETI. Also Erich von Däniken und allen Gleichgesinnten, die historische Artefakte aus deren kunst- und motivgeschichtlichem Kontext reißen und sie als vermeintliche Belege für versunkene HighTech-Zivilisationen der Öffentlichkeit präsentieren. Alleine schon wie Neuhold - unwiderlegbar - zum ironischen "Schluss" kommt, dass die alten Sumerer Einblick in unsere Supermarktregale gehabt haben müssen, ist lesenswert. Enthalten ist auch eine Auflistung der bekanntesten Objekte - vom "Abydos-Helikopter" bis zu den altägyptischen "Glühbirnen von Dendera", denen thematisch Interessierte ausführlich hinterhergoogeln können. Aber Vorsicht: Im Internet sind die seriösen Informationsquellen dazu nicht unbedingt im Vorteil!

    Um und Auf des Kompendiums ist natürlich die Phantastik-Literatur. Unter anderem sind ausführliche Interviews mit herausragenden Vertretern des Genres enthalten: China Miéville, der nicht nur beweist, dass man Sozialismus und Phantasmagorien bestens miteinander kombinieren kann ("Mich interessiert beides - die Politik und die Monster!"), sondern darüberhinaus, dass ihm präzises Denken auch bei Interviewfragestellungen wichtig ist. Hard-SF-Star Stephen Baxter wiederum erklärt, warum er weniger an eine technologische als an eine biologische Singularität glaubt und wie die ferne Zukunft der Menschheit ihrer ebenso fernen Vergangenheit ähneln könnte. Und so ganz nebenbei erwähnt er noch, dass er sich einen letzten "Xeelee"-Roman vorstellen könnte, in dem wir die geheimnisvollen Wesen nach all der langen Zeit endlich zu Gesicht bekommen. - 100 Seiten Buchrezensionen und 150 Seiten Marktberichte über die nach Zahlen und Titeln gemessene Lage der Phantastik in den USA, Großbritannien und im deutschsprachigen Raum komplettieren das literaturbezogene Angebot.

    ... und natürlich wird auch auf die anderen Medien nicht vergessen: Seien es Computerspiele, unter anderem mit einem Schwerpunktartikel zu "Fallout", ein Beitrag über den Ursprung der vermeintlich typisch europäischen Musikform Techno in Detroit, Hörspiele (denen sehr viel mehr Raum gegeben wird als Comics - deckt sich das mit dem Medienkonsum hier im Forum?), vor allem aber Film und Fernsehen. Ersteres in Form einer näheren Betrachtung von "Avatar" (Simon Spiegels "Ein blaues Wunder"; sehr interessant zu lesen), dazu passend ein Artikel über die  - mittlerweile dritte - 3-D-Revolution des Kinos; vielleicht erweist sich die gegenwärtige ja als nachhaltiger als ihre beiden Vorgängerinnen. Das Thema Science Fiction im Fernsehen umfasst einen Schwerpunkt zum Aufstieg und tiefen Fall von "Star Trek", wozu sich noch zwei - konsequent subjektive - Betrachtungen von "Battlestar Galactica" und des "Terminator"-Franchise gesellen. Kurz: Es ist wieder mal für jede(n) was dabei. Im nächsten Jahr dann hoffentlich auch wieder der so liebgewonnene große Themenschwerpunkt.

    Damit verabschiede ich mich mit sofortiger Wirkung in einen mehrwöchigen Urlaub, aus dem ich im Oktober in bester Gesellschaft zurückkehren werde: Unter anderem der von Ted Chiang, China Miéville und Kevin J. Anderson. (Josefson)

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