Tester: "Kinect wird Erwartungen nicht erfüllen können"

22. August 2010, 16:46
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heise: Großes Potenzial Microsofts Infrarotkamera noch länger nicht ausgeschöpft

Nach der Vorstellung auf der Videospielmesse E3 im Jahr 2009 waren noch ganz andere Töne zu vernehmen. Microsoft hatte mit Kinect (damals noch Project Natal) kurzerhand die Revolution der virtuellen Unterhaltung ausgerufen. Euphorisch begründeten Branchenstar Peter Molyneux und Hollywood-Ikonen Steven Spielberg, weshalb die neue Infrarotkamera für Xbox 360 die virtuelle Unterhaltung grundlegend verändern werde. Anstelle eines Controllers würden Videospiele künftig einfach mit dem Körper des Spielers bedient.

Die Realität

Auf der GamesCom vergangene Woche musste sich Microsoft den Tatsachen stellen und präsentierte rund 250.000 Besuchern Kinect so, wie es bereits im November auf den Markt kommen soll - mit der Anmerkung, die Spiele würden bis zum Start noch etwas poliert. Darf man den Medienberichten Glauben schenken (der WebStandard war dieses Jahr leider nicht vor Ort), war von der einstigen Euphorie unter Spielern wenig zu merken. Die Nachrichtenagentur Reuters schrieb etwa, das Gros des Besucherinteresses sei auf traditionelle Rollen- und Actionspiele entfallen. Bei der Wahl der besten Spiele und Produkte der Messe, konnte sich Kinect in keiner Disziplin durchsetzen. Spiel der Messe wurde das Rennspiel "Gran Turismo 5", die Kategorie "Bestes Hardware-Zubehör" entschied Sonys präziser Wii-Konkurrent "PlayStation Move" für sich.

Erwartungen selbst zu hoch gesteckt

Dementsprechend ernüchternd ist nun auch das vorläufige Fazit des Branchenportal heise-online ausgefallen. Kurzum: "Was aus den Gamescom-Präsentationen letztlich bleibt, ist der Eindruck, dass Kinect sehr viel Potential birgt, dessen Ausschöpfung die Software-Entwickler jedoch mehr Zeit kostet als Microsoft einkalkuliert hat. Auf der E3-Präsentation im vergangenen Jahr hatte man (...) sehr hohe Erwartungen geweckt, die man zum kommenden Weihnachtsgeschäft noch nicht erfüllen können wird."

Was fehlt?

Wie bereits im WebStandard-Vorabtest berichtet, hat Microsoft aus Kostengründen einige Einsparungen an der ursprünglichen Project Natal-Hardware vorgenommen. Einerseits wurde der interne Prozessor der Kamera herausgenommen und die Berechnung auf die Xbox 360-Prozessoren ausgelagert und andererseits wurde die Auflösung des Infrarotsensors heruntergeschraubt, der den Körper des Spielers erfasst.

All dies hat zur Folge, dass die Möglichkeiten der modernen Bewegungssteuerungen eingeschränkt sind und die Technologie zumindest noch nicht so reibungslos wie erhofft funktioniert. Heise-online meint dazu: "Vergleicht man die gezeigten Kinect-Sportspiele mit den Vorführungen der Vorab-Hardware vor einem Jahr, so scheint es, als habe sich die Reaktionszeit des Systems verschlechtert. Ebenso passierte es manchmal, dass einzelne Bewegungen nicht erkannt wurden und man sie wiederholen und seine Position ändern musste."

Noch nicht mehr als EyeToy

Besonders viel Kritik hagelt es für die träge Menüsteuerung über Kinect, die der WebStandard vergangenen Juli nach der E3 noch nicht testen konnte. Laut heise-online wurde zur Einhaltung des Fahrplanes auf eine äußerst rudimentäre Navigation gesetzt, "sodass sich die Kinect-Menü-Steuerung momentan nicht wesentlich von Sonys fünf Jahre altem Eyetoy-System der PS2 unterscheidet." Die vollmundig angekündigte Sprachsteuerung werde erst in den kommenden Jahren auch abseits weniger einfacher Befehle nutzbar sein, weil die Umsetzung für Fremdsprachen und Dialekte selbst für Microsoft eine Mammutprojekt darstelle. "Die Navigation dauert wesentlich länger, als wenn man eine Fernbedienung mit Tasten zur Hand nehmen würde und ist auch fehleranfälliger" geben die Tester zu Bedenken.

Kinderkrankheiten im Gepäck

Alles in allem wird sich Microsoft zwei Problemen stellen müssen: Weil eine präzise Erfassung von Fingergesten nicht realisierbar ist, werden die Einsatzmöglichkeiten gegenüber Sonys PlayStation Move aber auch Nintendos Wii eher begrenzt sein. Die Ganzkörpererfassung kann Microsoft zwar als einziger Hersteller bieten, was Kinect vor allem für Tanz- und Fitnessspiele attraktiv macht, noch sei man heise-online nach aber fernab der Zielvorgaben. Microsofts Verweis auf künftige Updates wirke dabei eher wie ein Eingeständnis als ein Kaufanreiz. Dies bedeute nämlich, "dass Käufer anfangs nur einen rudimentären Funktionsumfang erwarten dürfen, der kaum über Sonys Eyetoy-Kamera hinausgeht und womöglich Kinderkrankheiten birgt."

Ob diese Einschätzungen berechtigt sind, erfahren Sie in unserem ausführlichen Test, sobald Kinect in der finalen Fassung bereitsteht. (zw)

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    heise: "Kinect-Menü-Steuerung unterscheidet sich momentan nicht wesentlich von Sonys fünf Jahre altem Eyetoy-System der PS2."

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