Die Stimme Gottes erhält Morddrohungen

18. August 2010, 20:14
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Rap-Musiker Wyclef Jean will Präsident Haitis werden

Wenn ich Präsident wäre, würde ich am Freitag gewählt, am Samstag ermordet und am Sonntag begraben", rappte Wyclef Jean (37) vor drei Jahren in dem Lied If I Was President. Heute klingt das prophetisch: Seit er verkündete, dass er im November für Haitis Präsidentenamt kandidieren will, erhält er Morddrohungen. Trotzdem will er so lange auf der Insel bleiben, bis die Wahlbehörde am Freitag bekanntgibt, ob er kandidieren darf.

Dabei ist Jean in Haiti ein Held. "Die Stimme Gottes", nennen die Insulaner ihn, Zeichnungen seines Gesichts prangen gleich neben jenen von Che Guevara und Mahatma Gandhi auf den Mauern von Port-au-Prince, der Hauptstadt Haitis. Als Präsident zu kandidieren sei der logische nächste Schritt gewesen, meint Jean: "Die USA haben Obama, und Haiti hat mich."

1972 wird er in Croix-des-Bouquets geboren, einem Dorf nördlich von Port-au-Prince. Mit neun übersiedelt er mit seinem Vater, einem evangelischen Prediger, nach New York. Neben der Schule lernt er 15 Instrumente, mit 15 gründet er seine erste Band. Zehn Jahre später, 1997, wird er weltberühmt: The Score, das zweite Album seiner damaligen Band The Fugees erscheint und verkauft sich fünf Millionen Mal.

2005 gründet er die Stiftung Yele Haiti, Haitis Ruf nach Freiheit. Sie organisiert Armenausspeisungen und stellt Stipendien für Kinder aus den Slums zur Verfügung. 2007 ernennt ihn René Preval, Haitis Präsident, zum Ehrenbotschafter des Landes. Nachdem im Jänner 220.000 Haitianer bei dem schweren Erdbeben sterben, gräbt Jean in Port-au-Prince persönlich nach Überlebenden, organisiert ein Charity- Konzert und sammelt Spenden per SMS.

400.000 Dollar davon seien nicht dort angekommen, wo sie hinsollten, wirft ihm Schauspieler Sean Penn vor, der ebenfalls in Haiti hilft. Auch die Buchführung von Yele Haiti soll kreativ sein, Steuern wurden Jahre zu spät gezahlt. Auf der Insel stört das keinen. Auch dass Jean nur schlecht die Landessprachen Kreolisch und Französisch spricht, ist den Haitianern egal: "Er spricht Rap", sagt Haitis Uno-Botschafterin - eine Sprache, die verstanden wird in einem Land, in dem die Hälfte der Bewohner jünger ist als 25.

Die Wahlkommission kann Jean noch stoppen: Laut Verfassung darf nur kandidieren, wer die fünf Jahre vor der Wahl in Haiti gewohnt hat - Jean hat das nicht. Doch was sagt ein kreolisches Sprichwort? "Die Verfassung ist nur aus Papier." (Tobias Müller/DER STANDARD, Printausgabe, 19.8.2010)

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