Sohn vier Tage ans Bett gefesselt

18. August 2010, 15:45
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Familie versuchte 24-Jährigen mit Wahnvorstellungen ohne professionelle Hilfe zu beruhigen

Salzburg - In Hallein ist ein psychisch kranker 24-Jähriger von seinen Eltern und seinem Bruder viereinhalb Tage ans Bett gefesselt worden. Auslöser der "Freiheitsentziehung unter besonderen Qualen" und der "schweren Körperverletzung" war Wahnvorstellungen des 24-Jährigen. Die Familie erklärte vor dem Gericht in Salzburg, der Vorfall im November 2009 sei aus Angst um den 24-Jährigen geschehen. Als Schutz, dass er sich das Leben nehmen könnte. Die Eltern wurden aufgrund der "erheblich verminderten Schuldfähigkeit" zu 18 Monate bedingt verurteilt. Der Bruder des Opfers zu zwölf Monate bedingt

Ihre Betroffenheit und Verzweiflung, sich strafbar gemacht zu haben, stand den Beschuldigten während der Einvernahme durch Senatsvorsitzenden Wilhelm Longitsch ins Gesicht geschrieben. Teilweise unter Tränen erklärte die Mutter (48), dass sie ihrem Sohn keinesfalls wehtun, sondern ihn vor sich selbst schützen und verhindern wollten, dass er erneut in eine Klinik komme, wo er schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht habe. "Wir hatten damals das Gefühl, wenn wir ihn gehen lassen, liefern wir ihn aus."

24-Jähriger sprang aus dem Fenster

Die Eltern saßen am 14. November 2009 mit den zwei Söhnen im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Plötzlich sprang der 24-Jährige durch das geschlossene Fenster. Zum Glück war der Höhenunterschied nur zwei Meter. Der Schock war groß. Der 24-Jährige glaubte damals, er sei ein Massenmörder und seine Schwestern seien umgebracht worden, erzählte die Familie. Ein Arzt und eine Krankenschwester boten nach dem Vorfall ihre Hilfe an, doch die Familie lehnte ab. Auch die Polizei wurde mit den Worten, es sei nur eine Rangelei gewesen, abgewimmelt.

Später begann dann der Sohn wild um sich zu schlagen. Die Familie versuchte ihn festzuhalten, schilderte der Vater. Dann ließen die Kräfte nach. Mit Schals banden sie ihn ans Bett, die Arme wurden abgewinkelt über den Kopf fixiert, die Füße am Bettende. Der andere Sohn holte am Abend zwei, drei Zentimeter breite Zurrgurte, die sie dem 24-Jährigen während der Nacht über den Bauch und die Oberschenkel banden.

Familie versorgte gefesselten 24-Jährigen

Die Eltern, die den Gefesselten nie alleine im Zimmer ließen, wie Verteidiger Kurt Jelinek betonte, fütterten ihn, gaben ihm mit einem Strohhalm zu trinken und einen Gefriersack zum Urinieren. Wenn er laut schrie, hielten sie ihm einen Waschlappen vor dem Mund. Mit Streicheln und Duftkerzen hätten sie versucht, ihm die Situation so angenehm wie möglich zu machen. "Wir glaubten, sein Zustand werde sich mit der Zeit wieder bessern", sagte die Mutter. Nach einem neuerlichen Anfall verständigten sie am fünften Tag dann doch die Rettung. In der Christian-Doppler-Klinik wurde eine Schizophrenie festgesellt.

Bewegungsunfähig

Heute gestanden die Angeklagten ein, dass ihre Handlungsweise falsch war. Der Festgebundene "war absolut bewegungsunfähig. Er hatte an den Gelenken tiefe Fleischwunden und an den Armen Lähmungserscheinungen", sagte Staatsanwältin Sabine Krünes. "Ein Festhalten mag für eine kurze Phase gelten, doch dann hätte man die Polizei und Rettung verständigen müssen." Auch wenn die drei eine Körperverletzung nicht beabsichtigt hätten, "sie wurde zumindest in Kauf genommen".

Familientherapie

Der Erkrankte ist mittlerweile wieder zu Hause. Laut einer behandelnden Ärztin geht es ihm gut, er kann wieder arbeiten. Mildernd wertete der Richtersenat das reumütige Geständnis und die Unbescholtenheit der Beschuldigten. "Sie machen gemeinsam eine Familientherapie.  (APA)

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