Wenn Messen zur Vermessenheit führt

17. August 2010, 19:43
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Im Streit um Gerichtsgutachter stellen sich grundsätzliche Fragen: nach dem Stellenwert vorgeblich exakter Tests, möglichen Alternativen und den Folgen für die solchermaßen Beurteilten

Im Standard vom 6. August wurde berichtet, dass die Methoden des prominenten Gerichtsgutachters Reinhard Haller (unter anderem bei Kriminalfällen wie Jack Unterweger oder Franz Fuchs tätig) von einem Medizinerkollegen als "völlig veraltet" angesehen werden und eine Klage des so Charakterisierten abgewiesen wurde. Dies gibt Anlass, sich grundsätzlicher mit der Frage nach der Vermessbarkeit der Psyche zu beschäftigen.

Wer jemals als Gerichtsgutachter und Sachverständiger gearbeitet hat, weiß aber, wie ungeheuer schwierig solche "Diagnosen" und "Vorhersagen" sind - speziell dann, wenn es um forensische Fragen geht.

Manches zu sagen wäre über die unkritische Wissenschaftsgläubigkeit, mit der manch fachlicher (nur fachlicher?) Gegner Hallers jetzt operiert. Da werden altbewährte - anstatt "veraltete", wie Haller selbst treffend sagt - Verfahren kurzum als "unwissenschaftlich" abgeurteilt. Es gäbe "objektivere", "reliablere", "validere" neuere Testverfahren zur "Messung" des menschlichen Verhaltens und der Wahrscheinlichkeit, ob es wieder auftreten wird. (Für Laien: "Valide" ist ein Verfahren, wenn es misst, was es zu messen vorgibt; "reliabel", wenn die Ergebnisse exakt und auch wiederholt erzielbar sind, und "objektiv", wenn es das alles unabhängig von der Subjektivität des Untersuchers misst.)

Hybris der Psychologie

Was aber gern vergessen wird: Was da "gemessen" werden soll, sind Menschen und menschliches Verhalten und seine seelischen Hintergründe. Die Hybris mancher Schulen der Psychologie, solche Messungen in der behaupteten Exaktheit vornehmen zu können, hat sich aber selbst schon oft genug ad absurdum geführt und widerlegt. Teilweise herrscht aber dennoch eine Objektivitätsbesessenheit, die andere "unsicherere" Methoden und Schulen - allen voran die Freud'sche Psychoanalyse und andere tiefenpsychologische Schulen - als unwissenschaftlichen Firlefanz abtut. Und dies ungeachtet der weltweiten Verbreitung, Verwendung und Anerkennung (z. B. durch Krankenkassen) der Psychoanalyse und ihrer Weiterentwicklungen in Psychiatrie, Psychotherapie, Pädagogik, in Kultur- und Literaturwissenschaft.

So wird Haller ja auch die Verwendung tiefenpsychologischer ("projektiver") Verfahren wie des Baum-Zeichen-Tests oder des Wartegg-Tests vorgeworfen. Diese "Tests", die eigentlich keine sind, sondern "Suchinstrumente", um über kreative Ausdrucksformen nach einem bestimmten Sinn und nach tieferen Gründen für das Handeln von Menschen Ausschau zu halten, halte ich bei vielen Fragestellungen für wesentlich ergiebiger als manches andere, scheinexakte Psychodiagnostikum, das dann (möglichst über computerunterstützte Verfahren) schnell "objektiv" ausgewertet werden kann und mit dem dann in Pädagogik und Psychologie oft lebensentscheidende Urteile gefällt werden.

Risikoreiche Prognosen

Überhaupt - auch hier gebe ich Haller völlig recht - überschätzt der von der Testgläubigkeit der Psycho-Vermesser verführte Laie die Bedeutung solcher Tests. Es gebietet nach meinem Verständnis die Berufsethik, dass wir mit all diesen Verfahren, egal wie angeblich "modern" und "exakt" sie sind, höchst vorsichtig umgehen. In meiner früheren Praxis als Psychologe habe ich immer mehrere Tests angewendet, weil ich einem Verfahren allein nie vertraut hätte; und selbst diese Mehrfachergebnisse sollten nur als einen Puzzleteil in jeder Diagnose (die nie nur eine Momentaufnahme sein darf) verstanden werden. Das Gespräch, die Anamnese, die Exploration, die Biografie, die Selbst- und Fremdwahrnehmung der KlientInnen, all das sind Bestandteile von "Diagnosen", die nicht zuletzt durch die Erfahrung des/der Experten/in dann zu einem Gesamtbild zusammengesetzt werden - ein Bild, das weit entfernt von naturwissenschaftlicher Exaktheit ist! Wer anderes behauptet, nimmt seine Berufsethik nicht ernst.

Besonders im forensischen Bereich stimmen die ExpertInnen international darin überein, wie schwierig und risikoreich solche Prognosen sind. Ungeachtet dessen muss eine Gesellschaft, die sich zum humanen Strafvollzug bekennt, Verurteilten nach menschlichem "Ermessen" (nicht "Vermessen"!) unter bestimmten Umständen auch eine zweite Chance geben. Was tun wir denn mit den angeblich exakten Tests, die dann eine Wahrscheinlichkeit von - Hausnummer - 86,5 Prozent ergeben, dass der Untersuchte keine Tat mehr setzen wird? Und eine 100-prozentige Wahrscheinlichkeit wird sich nie erzielen lassen.

Das Bedürfnis von RichterInnen nach "exakten" Prognosen ist verständlich. Mir wurde als Sachverständigem bei Gericht bei entsprechender Vorsicht oft ein früherer Kollege vorgehalten: "Der Herr Prof. XY hat das immer ganz genau gewusst!" Dieser gute Herr Professor mag einem anderen Wissenschaftsverständnis angehangen sein, wohl einem naturwissenschaftlich-medizinischen, das menschlichem Verhalten nicht wirklich angemessen ist. Das muss man den RichterInnen halt auch langsam beibringen.

Was immer Reinhard Haller vorgeworfen wird: Ich bin froh, dass ein prominenter Mediziner und Psychiater die Frage der Tests und der Psychodiagnostik so sieht wie er. (Josef Christian Aigner, DER STANDARD, Printausgabe, 18.8.2010)

JOSEF CHRISTIAN AIGNER ist Professor am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Innsbruck, Psychologe und Psychoanalytiker.

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