"Abgaben oder höhere Zuschläge auf Überstunden"

17. August 2010, 18:11
348 Postings

Der Chef der Gewerkschaft Pro-GE, Rainer Wimmer, möchte die Firmenchefs für Überstunden und die Nicht-Ausbildung von Lehrlingen zur Kasse bitten

Rainer Wimmer, Chef der Gewerkschaft Pro-GE, möchte die Firmenchefs für Überstunden und die Nicht-Ausbildung von Lehrlingen zur Kasse bitten. Im Gespräch mit Günther Oswald fordert er auch eine Vermögenssteuer.

STANDARD: Das Klima zwischen den Sozialpartnern scheint momentan vergiftet. Woran liegt das?

Wimmer: Das hat mit der jüngeren Geschichte zu tun. Bei der Forderung der Arbeitgeber nach einer Arbeitszeitflexibilisierung können wir einfach keine Konzessionen machen. Das Thema bedeutet Lohnverlust für unsere Kollegen. Daher wird es das nicht spielen.

STANDARD: Liegt es vielleicht auch an manchen Ihrer Forderungen, die in Zeiten wie diesen etwas illusorisch wirken? Etwa Arbeitszeitverkürzung oder Höchstquoten für Leiharbeiter. Die Arbeitgeber meinen, das sei alles nicht zeitgemäß.

Wimmer: Das Wort "zeitgemäß" hören wir schon sehr lange. Aber: Wir haben Gott sei Dank einen Wirtschaftsaufschwung und sind die Überstundenweltmeister. Das heißt wir steigern die Produktivität mit weniger Arbeitskräften. Der zweite Punkt ist: Dort, wo Arbeitskräfte wieder aufgenommen werden, wird fast nur mit Zeitarbeitern gearbeitet. Wir haben sogar Situationen, wo langjährige Mitarbeiter gekündigt wurden und jetzt wieder als Zeitarbeiter aufgenommen werden. Dafür haben wir kein Verständnis. Daher unsere Forderung: Ab einem gewissen Zeitpunkt müssen Zeitarbeiter fix übernommen werden.

STANDARD: Viele Firmen werden sich dann vielleicht wieder von Mitarbeitern trennen. Ist Ihnen kein Job lieber als ein Zeitarbeiterjob?

Wimmer: Die Leute haben immer einen Job, wenn die Unternehmen Aufträge haben. Daher sehe ich den Zusammenhang nicht unmittelbar. Das Problem ist: Es gibt bei Zeitarbeitern oft falsche Gehaltseinstufungen. Die Bezirksverwaltungsbehörden können das zwar kontrollieren, machen es aber nicht. Darum ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass es bei den Arbeitskräfteüberlassern schwarze Schafe gibt.

STANDARD: In Ihrem Forderungskatalog befindet sich auch der Generalkollektivvertrag. Warum ist das jetzt wieder Thema?

Wimmer: Das ist eine Möglichkeit, wie man kürzere Arbeitszeiten auf alle Branchen runterbrechen könnte. Es gibt noch immer Branchen mit 40 Wochenstunden. Natürlich wollen wir da einen Gleichklang in Richtung 38,5 Stunden herbeiführen. Die 38,5-Stunden-Woche gibt es jetzt seit 25 Jahren. Noch nie in der Geschichte der Arbeitswelt wurde so lange auf eine Kürzung verzichtet. Gerade unter dem Aspekt der maßlosen Überstunden, die derzeit gefahren werden, ist es wichtig, darüber nachzudenken, die Arbeit auf mehr Leute aufzuteilen.

STANDARD: Und wie wollen Sie die Überstunden reduzieren?

Wimmer: Etwa indem man in Betrieben mit Schichtbetrieb von vier auf fünf Schichten umstellt. Man muss Überstunden aber auch für den Arbeitgeber unattraktiver machen. Speziell wenn es der Wirtschaft nicht so gut geht, wird der Druck auf die Arbeitnehmer, Überstunden zu machen, enorm.

STANDARD: Und wie wollen Sie Überstunden unattraktiv machen?

Wimmer: Entweder über Abgaben oder über höhere Zuschläge auf die Überstunden.

STANDARD: Dann könnte man auch die Steuerermäßigung der Arbeitnehmer bei den Überstunden infrage stellen.

Wimmer: Nein, die Arbeitnehmer können ja oft nichts dafür, dass sie länger arbeiten müssen.

STANDARD: Das AMS erhöht 2011 die Zahl überbetrieblicher Lehrlingsausbildungsplätze noch einmal um 1500. Reicht das?

Wimmer: Wir brauchen unbedingt eine Lehrlingsoffensive. Wir verlieren immer mehr Lehrstellen. Darum müssen wir aber auch den Druck in Richtung Wirtschaft erhöhen.

STANDARD: Wie?

Wimmer: Es gibt bereits breitgefächerte Ausbildungsprämien. Aber natürlich muss man auch über andere Modelle nachdenken. Man sollte sich das Blum-Modell, das in Vorarlberg praktiziert wird, genauer anschauen. Dieses sieht vor, dass Unternehmen, die keine Lehrlinge ausbilden, in einen Topf einzahlen, und jene, die ausbilden, von diesem Topf profitieren.

STANDARD: Im Herbst stehen die Budgetverhandlungen an. Es wird wohl auch im Arbeitsmarktbereich zu Kürzungen kommen.

Wimmer: Das wäre total kontraproduktiv. Die beschlossenen Maßnahmen haben dazu geführt, dass mehr Menschen in den Arbeitsmarkt getragen wurden. Da würde man am falschen Ende sparen.

STANDARD: Also sollte die Regierung intern umschichten?

Wimmer: Mir fällt auf, dass über Vermögenssteuern momentan wieder weniger gesprochen wird. Ich stehe auf dem Standpunkt: Eine Vermögenssteuer gehört so schnell als möglich her, mit einem ordentlichen Freibetrag, aber ab einer gewissen Vermögensgrenze gehört ein Beitrag geleistet. Es gehört das umgesetzt, was wir als Sozialdemokraten beim letzten Parteitag beschlossen haben.

STANDARD: Da wollen Sie Kanzler Faymann also nicht auslassen?

Wimmer: Nein, Weichschieben gibt's nicht.

STANDARD: Was sagen Sie dazu, dass in Brüssel Überlegungen in Richtung europäische Wirtschaftsregierung gewälzt werden? Dann könnten auch Vorgaben für die Lohnpolitik von der EU kommen.

Wimmer: Lohnpolitik ist Sache der nationalen Fachgewerkschaften und muss es auch bleiben. Ich kann mir aber schon vorstellen, dass es Mindestkollektivvertrags-Voraussetzungen von der EU gibt. Wenn man sich Entwicklungen wie in Deutschland anschaut, mit subventioniertem Mindestlohn, ist das natürlich fatal.

STANDARD: In Österreich wurden 1000 Euro als Mindestlohn überall durchgesetzt. Sollte man die nächste Hürde angehen?

Wimmer: Das wird ein wesentlicher Punkt sein. Wir sehen, dass wir mit 1000 Euro nicht mehr das Auslangen finden.

STANDARD: Um wie viel mehr geht es? Reden wir dann von 1030 Euro?

Wimmer: Ich will keine Zahl nenne, aber wir reden nicht von 1030, sondern von deutlich mehr. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.8.2010)

RAINER WIMMER (55) ist seit November 2009 Vorsitzender der Gewerkschaft Pro-GE, die aus der Fusion der Metaller- und Chemiegewerkschaft hervorging. Zwischen 1993 und 2008 war der gelernte Elektriker Nationalratsabgeordneter.

  • Bei Zeitarbeitern gebe es oft falsche Gehaltseinstufungen, sagt 
Metaller-Chef Rainer Wimmer. Gegen die "schwarzen Schafe"  unter den 
Firmen möchte er entschieden vorgehen.
    foto: standard/hendrich

    Bei Zeitarbeitern gebe es oft falsche Gehaltseinstufungen, sagt Metaller-Chef Rainer Wimmer. Gegen die "schwarzen Schafe" unter den Firmen möchte er entschieden vorgehen.

Share if you care.