Tanz mit Witz und "Dilettanten"

16. August 2010, 17:23
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Voller Erfolg des Wiener Festivals Impulstanz

Wien - Mit dem Solo Powered by Emotion des schwedischen Künstlers und Theoretikers Mårten Spångberg, der letzten von insgesamt 95 Vorstellungen, schloss am Wochenende das diesjährige Impulstanz-Festival. Viereinhalb Wochen Tanzaufführungen, 185 Workshops, Showings, Partys und Lounges wurden von 94.000 Besuchern frequentiert.

Abermals eine ausgezeichnete Bilanz. Dabei wurde der Erfolg des Festivals keineswegs durch Kunstware aus dem Spektakelsortiment erkauft. Vielmehr ist zu beobachten, dass die Bereitschaft des als kritisch bekannten Wiener Publikums steigt, sich auch mit kontroversen Choreografien auseinanderzusetzen.

Die bisherige Aufbauarbeit - durch die Künstler, Impulstanz, das Tanzquartier, das Brut-Theater mit dem Imagetanz-Festival, das Wuk und die Theaterreform - lohnt sich. Der zeitgenössische Tanz in seiner Vielfalt und innovativen Energie hat dem Wiener Kulturleben neben der Musik, dem Theater, der bildenden Kunst und dem Film eine repräsentable neue Ebene hinzugefügt.

Auch diesen Sommer setzte Impulstanz-Leiter Karl Regensburger auf Zugpferde, die von ihm selbst in Wien etabliert wurden: Wim Vandekeybus, Marie Chouinard, Anne Teresa De Keersmaeker, Louise Lecavalier und Mathilde Monnier. Eingebettet in diesen Rahmen aus Publikumsmagneten waren innovative Stücke wie das Solo Magical von Anne Juren & Annie Dorsen, provokante Statements wie Som Faves von Ivo Dimchev und herausfordernde Nachwuchsproduktionen wie die von Sara Vanhee, Aitana Cordero und Sara Manente in der Jungchoreografen-Reihe [8:tension]. Oder die grandiosen Arbeiten der beiden französischen Konzeptualisten Jérôme Bel, Cédric Andrieux, und Xavier Le Roy, Product of Other Circumstances.

Klar zu erkennen war im Festival auch die Tendenz im Tanz, dem virtuosen Perfektionismus des Mainstreams einen bewusst eingesetzten "Dilettantismus" oder gezieltes Understatement entgegenzusetzen. Bei Mårten Spångberg ebenso wie bei Le Roy, bei Jonathan Burrows & Matteo Fargion mit Cheap Lecture und The Cow Piece - sowie bei Manente und Cordero. Zu den Perlen des Festivals gehörten auch das vorgezogene Via Intolleranza II von Christoph Schlingensief im Juni, Mathilde Monniers Soapéra und kleinere Arbeiten wie The Angola Project von Jeremy Xido und Filzen von Lux Flux.

Schwächelnd dagegen waren Daphnis et Chloé von Jean-Christophe Maillot und Crotch des Amerikaners Keith Hennessy. Überhaupt enttäuschten die US-Stücke: DD Dorvillier, David Zambrano sowie Antony Rizzi mit Penny Arcade. Auch die talentierte Nachwuchs-Choreografin Eleanor Bauer schaffte den Sprung aus der Gag-Kiste nicht. Humor wird im Tanz übrigens gerade großgeschrieben. Am besten unterhielt sich das Publikum bei Cow Piece.

Unter dem Strich hätte der österreichische Gegenwartstanz durchaus stärker im Festival vertreten sein können. Und hoffentlich finden 2011 wieder mehr gesellschaftskritische Arbeiten Platz bei Impulstanz. (Helmut Ploebst, DER STANDARD - Printausgabe, 17. August 2010)

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