"Sehr fesch, meine Herren"

13. August 2010, 17:05
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Im vergangenen Jahr feierte Herr Hermanek aus Hernals einen runden Geburtstag

Paul Divjak über seinen 91-jährigen Freund, über Fußball, Sex und den doppelt gebundenen Krawattenknoten.

Herr Hermanek kleidet sich gerne elegant. Ob Sommer oder Winter: Auf Anzug und Krawatte legt er Wert. Sein weißes Haar trägt er gekämmt. Herr Hermanek zeigt Haltung, er hat Stil. Wo er auftaucht, ist Leben, entstehen Gespräche, wird das Lachen zur Möglichkeit.

"Beim Billa, beim Spar, beim Bäcker, in der Aida-Konditorei: Überall kennen s' mich" , sagt Herr Hermanek. Auf der Straße wird er allerorts gegrüßt. Er kennt Hernals, und der Bezirk kennt ihn.

Herr Hermanek ruft dem alteingesessenen Textilhändler ein paar Worte zu. Er spricht eine vorbeigehende Dame an. Der Briefträger ist ohnehin ein langjähriger Vertrauter.

Ist Herr Hermanek der Einkauf zu schwer, fragt er ganz selbstverständlich um Hilfe. Seine offenherzige Art garantiert ihm die Aufmerksamkeit und das Wohlwollen der Mitmenschen. Neulich habe ihm ein sehr sympathischer junger Serbe mit hervorragenden Umgangsformen das Obst, Gemüse und Brot bis vor die Haustüre getragen, erzählt Herr Hermanek. Er betont, dass es für ihn keine Inländer und Ausländer gebe, keine ethnischen Unterschiede. Für ihn würden lediglich gute und schlechte Menschen existieren.

"Und du bist einer von den Guten, das hab ich gleich gewusst" , habe er zu dem hilfsbereiten Halbwüchsigen gesagt. – Der junge Serbe spielt Fußball, und Fußball, muss man wissen, ist schließlich Herrn Hermaneks Leidenschaft. Jahrzehntelang hat er in einem Verein gespielt, noch heute besucht er regelmäßig den Stammtisch, ist mit den Nachwuchsspielern im Gespräch.

Zuletzt wurde Herr Hermanek überdies vom Fußballfunktionär Rudolf Edlinger empfangen und erhielt als ältester Rapid-Fan einen Eintrag auf der Ehrentafel im Wiener Hanappi-Stadion.

"Mein Herz schlägt grün-weiß – bis an mein Lebensende" , sagt Herr Hermanek.

Das Hupkonzert schwillt an

Herr Hermanek war einmal Goldschmied. Das eigene Juweliergeschäft in Hernals hat er 1989 geschlossen, was ihn naturgemäß nicht davon abhält, in kleinem Rahmen zu pfuschen, wie er sagt. Erst neulich habe er für eine bekannte Diplomatin und ÖVP-Politikerin eine wunderschöne Halskette angefertigt.

"Grüß Gott, Frau Doktor! ... Küss die Hand, Frau Doktor! ... Na, das hätten S' sehen sollen. Wie die sich gefreut hat, über den Wein, den ich ihr mitgebracht hab! Von meinem Weinbauern im Burgenland. – Da bestell ich immer ein, zwei Dutzend Flaschen. Trinken Sie gerne einen Roten?" , fragt er, geht zu seinem Wagen, öffnet den Kofferraum und überreicht mir eine Flasche Zweigelt.

Zu seinem 90.Geburtstag im Juni vergangenen Jahres hatte ich Herrn Hermanek eines meiner Bücher geschenkt: Hinter der Barriere; Kurzgeschichten.

Zwei Wochen später höre ich schon von Weitem lautes Hupen. Eine Wagenkolonne und ein Rückstau auf der unteren Hernalser Hauptstraße bis zum Elterleinplatz. Mein Blick fällt auf einen métallisébraunen Opel Astra, der schräg zur Fahrbahn steht und in Zeitlupe reversiert. Am Steuer sitzt Herr Hermanek. Er erkennt mich, winkt mich freundlich heran. Das Hupkonzert schwillt an. Ich gehe davon aus, dass Herr Hermanek Hilfe benötigt, sich wünscht, dass ich seinen Wagen einparke. Doch er bleibt hinter dem Lenkrad sitzen. Gemächlich kurbelt er das Fenster herunter. Das ungeduldige Hupen und das Getöse des zum Stillstand gekommenen Stoßverkehrs beeindrucken ihn überhaupt nicht. Lachend und in aller Ruhe bedankt er sich für das Büchlein. "Sehr zeitgemäß" , sagt er und deutet mit einer Geste an, ich möge mich doch ein wenig gedulden, er hätte zwischenzeitlich noch etwas zu erledigen.

Dann widmet er sich wieder seiner Parklücke.

"Wir leben ja in humorlosen Zeiten" , sagt Herr Hermanek. "Kennen S' den? – Ein verliebtes Paar besucht zum ersten Mal Paris. Der Mann fragt die Frau: ‚Gehen wir ins Hotel, oder besichtigen wir vorher den Eiffelturm?‘ – Die Frau antwortet ihm: ‚Lass uns lieber gleich ins Hotel gehen. Der Eiffelturm steht später auch noch ...‘"

Alles ist erlaubt

"Sex gehört dazu. Da erspart man sich viele Medikamente" , sagt Herr Hermanek. "Und: ob mit einem Mann oder einer Frau: Das ist Privatsache. Alles ist erlaubt. Man kann überall Liebe machen. Im Vorzimmer, auf der Waschmaschine, in der Küche." "Aber ..." , Herr Hermanek macht eine kurze dramaturgische Pause: "... zwei Dinge sind wichtig: Es muss beiden Spaß machen. – Und nicht vergessen: immer die Rouleau herunterziehen!"

Da fiele ihm noch einer ein, sagt er. Ein Mann habe seinen Hosenstall offen stehen. Eine Dame weise ihn darauf hin. Worauf der Mann ihn sofort schließe und dankbar antworte: "Vielen Dank, gerade heutzutage, wo doch so viel gestohlen wird."

Vor kurzem war bei Herrn Hermanek eingebrochen worden. Beim Nach-Hause-Kommen stand seine Wohnungstüre offen. Mutig hatte er das Vorzimmer betreten, und zwei Frauen überrascht, die soeben seine Schränke durchwühlten.

"Das hätten S' sehen sollen. – Wie ich geschrien hab: Hilfe, Überfall! ... Hilfe, Polizei!"

In der Aida-Filiale, in der er mir die Geschichte erzählt, zucken die adrett gekleideten Mitarbeiterinnen erschrocken zusammen, die Gäste an den Tischen schauen irritiert auf. Herr Hermanek schaut sich belustigt um, geht in die Verlängerung und brüllt ein weiteres Mal genussvoll: "Hilfe, Polizei ...!"

Unsere erste längere Begegnung fand in ebendieser Aida-Filiale auf der Alser Straße im neunten Bezirk statt. Ich hatte Herrn Hermanek auf der Straße auf seinen perfekt sitzenden doppelt geknoteten Krawattenknoten angesprochen. Und er hatte sich begeistert bereiterklärt, mir den sogenannten Windsorknoten beizubringen.

Da standen wir nun, vor dem Spiegel in der Konditorei. Die Tische und Stühle zur Seite geschoben, nebeneinander. Ich folgte seinen Handlungsanleitungen und im Nu war die Fingerfertigkeit erlernt, die Krawatte auf eine mir bisher nicht bekannte Weise zu binden.

"Sehr fesch, meine Herren ...!" – Die Kellnerin hob ihre Augenbrauen anerkennend, und servierte unseren Kaffee sowie eine Topfengolatsche für Herrn Hermanek.

Frauen hat Herr Hermanek zeitlebens geschätzt. Ganz besonders verehrt hat er seine verstorbene Gattin, eine "unheimlich g'scheite Frau" , wie er sagt. Sie hatte ursprünglich im Hause Windsor als Kammerzofe gearbeitet. Im Winter lebte sie mit dem Herzog, seiner Gemahlin und der Entourage im Exil in Paris, die Sommer wurden in Südfrankreich verbracht.

Später, als sie wieder in Österreich und mit Herrn Hermanek verheiratet war, wurde seine Frau "eine der besten Fremdenführerinnen von Wien" , sagt Herr Hermanek.

Reden, reden, reden

Herr Hermanek hat sich zum 90. Geburtstag letztes Jahr im Juni eine neue Geburtsurkunde ausgestellt. Diese hat er in seinem Freundes- und Bekanntenkreis verteilt. Dem selbstverfassten Dokument, gleichzeitig Pamphlet, ist ein Zitat von Erich Kästner vorangestellt: "Vernunft muss sich jeder selbst erwerben, die Dummheit pflanzt sich gratis fort." – Handschriftlich vermerkt hat er: "Ludwig Hermanek, geboren am 3.6. 1919, ist anständig, liebend und treu. Er pflegt Freundschaften und ist für Nachbarschaftshilfe immer bereit. Als großer Pazifist ist er der Antisoldat Schwejk.

Darunter ist die Feststellung notiert: "Es gibt im Leben und in der Politik immer nur eines: reden, reden, reden. – Keine Hautfarben bekämpfen! Kein Rassismus!"

Das Schriftbild ist klar, die Buchstaben bedächtig zu Papier gebracht: "Das Kind ist vom ersten Tag an gut, nur der Mensch macht den Menschen schlecht. "

Herr Hermanek wurde als uneheliches Kind geboren. Seine Eltern hätten ihn weggegeben, wie er sagt. Das Waisenhaus blieb ihm erspart, da seine Großmutter sich bereiterklärte, ihn bei sich aufzunehmen.

In Zeiten großer Arbeitslosigkeit hatte er in den 1930er-Jahren eine Lehrstelle bei einem jüdischen Goldschmied bekommen. Sein Lehrmeister wurde Vorbild und Ziehvater für ihn.

"Er war mein Glück" , sagt Herr Hermanek.

Und auch nach dem Krieg – das gesellschaftliche Umfeld und sein "arischer" Vater hatten seinen ehemaligen Lehrmeister vor der Deportation bewahrt – seien sie einander freundschaftlich verbunden geblieben. Bis zum zu frühen Tod seines ehemaligen Chefs und Freundes, der bis zuletzt 80 Zigaretten am Tag geraucht hatte.

Im "Dritten Reich" hat Herr Hermanek von Anfang an Freunde und Bekannte vor der Ideologie und einem drohenden Krieg gewarnt. Darum bemüht, alles Erdenkliche falsch zu machen, um seine Untauglichkeit unter Beweis zu stellen, wurde er tatsächlich ausgemustert. Von 1940 an hätte er Windeln und einen Stock getragen, erzählt Herr Hermanek. Seine chronische Inkontinenz war von höchster Stelle offiziell bestätigt. Vom Arbeitsdienst und selbst vom sogenannten "Volkssturm" in den letzten Kriegstagen wäre er, so erzählt er, freigestellt worden.

Das Foto, das neulich in meinem Briefkasten lag, zeigt Herrn Hermanek bei manueller Feinarbeit in seiner einstigen Goldschmiedewerkstatt. Hinter den transparenten Vorhängen liegt Schnee in Hernals. Der Raum ist professionell ausgeleuchtet.

Herr Hermanek trägt eine große Hornbrille, einen weißen Arbeitsmantel, darunter ein hellblaues Hemd und eine rot-blau gestreifte doppelt gebundene Krawatte. Auf dem Tisch neben ihm liegt eine geöffnete goldene Armanduhr. In der rechten Hand hält er einen kleinen Hammer, in der linken einen Metallkeil, mit dem er Gold bearbeitet. Herr Hermanek hat den Kopf gesenkt, ist in die Arbeit vertieft und lächelt.

Auf der Rückseite des Fotos entdecke ich später die Worte: "Zum Andenken an eine Freundschaft von einem 90-jährigen zu einem sehr guten jungen Menschen." (Paul Divjak, ALBUM – DER STANDARD/Printausgabe, 14./15. August 2010)

Zur Person
Paul Divjak ist Autor, Kulturpraktiker und -theoretiker. Zuletzt erschienen von ihm die CD "Money" (Konkord/ Hoanzl, 2009) und das Kompendium "In der grauen Lagune" (Czernin, 2010).

  • Begeistert hat sich Herr Hermanek bereiterklärt, mir den sogenannten 
Windsorknoten beizubringen. Da standen wir nun nebeneinander, vor dem 
Spiegel in der Konditorei Aida ...
    foto: paul divjak

    Begeistert hat sich Herr Hermanek bereiterklärt, mir den sogenannten Windsorknoten beizubringen. Da standen wir nun nebeneinander, vor dem Spiegel in der Konditorei Aida ...

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