"Suomi-Brändi" - Eine Schnapsidee für die Volksseele

12. August 2010, 20:04
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Finnland will sich künftiges Image von einem Weisenrat vorschreiben lassen – Starke Rechtspopulisten

Im September 2008 setzte Finnlands Außenminister Alexander Stubb eine Arbeitsgruppe ein, um ein neues Image für das Land auszubrüten. Unter der Leitung von Nokia- und Shell-Aufsichtsratschef Jorma Ollila soll ein Weisenrat - ursprünglich alles Männer aus dem Dunstkreis von Politik und Wirtschaft - bis Ende dieses Jahres festlegen, wie sich die Finnen künftig der Welt präsentieren wollen. Als Schlagwort legte Stubb damals die Wortschöpfung "Suomi-Brändi" vor. Keinen Schnaps wohlgemerkt, sondern eine Entlehnung aus der US-Business-Sprache. "Branding" - ursprünglich das Brandmarken von Vieh - steht für das Konzept, ein Produkt mittels künstlicher Image-Schaffung unter die Leute zu bringen.

Bei einer Zwischenbilanz unter dem Motto "Das Land des ewigen Sonnenscheins - Suomi-Brändi 2020" breiteten Ollila, Friedensnobelpreisträger Martti Ahtisaari und der Autor Kjell Westö Klischees aus der finnischen Eigenwahrnehmung aus. Die Rede war von "sprichwörtlicher Handschlagqualität" (Ollila) oder der "besonders vorzüglichen Situation im Bildungswesen, bei der Gleichberechtigung, im Gesundheitswesen sowie in der Forschung und Entwicklung" (Ahtisaari). Einerseits sollen damit Investitionen, Tourismus, Exporte und der außenpolitische Einfluss des Landes gefördert werden, andererseits wollen die "Weisen" damit das von ihnen konstatierte, schlechte Selbstbewusstsein der Finnen stärken. Als "entwicklungsbedüftig" bezeichnete Ollila die Kommunikationsfähigkeit seiner Landsleute.

Während die meisten Finnen bereit zu sein scheinen, den in einigen Monaten fälligen "Brändi" des Weisenrats in ihre nach Selbstbewusstsein dürstenden Volkskehlen zu schütten, regt sich vereinzelt Kritik an der finnischen Selbstdarstellungssucht. Diese kommt auf satirische Weise und oft von Ausländern, die in Finnland ihre zweite Heimat gefunden haben, wie der deutsch-finnische Autor Roman Schatz oder der bloggende US-Amerikaner Phil Schwarzmann.

Das Finnland-Bild im Ausland ist ein differenzierteres als jenes, das schon lange vor Stubb offiziell immer wieder zu vermitteln versucht wurde. Finnland ist als Abonnent von Spitzenwerten in der OECD-Bildungsstudie Pisa und, nicht zuletzt dank Nokia, als Technologie-freundliches, modernes Land auf der einen Seite wunschgemäß positiv belegt. Auch Künstler wie Filmregisseur Aki Kaurismäki oder der melancholisch gestakste Finnische Tango trugen zur Sympathiebildung bei.

Wenige im Ausland wissen, dass Kaurismäki bis zu seinem Erfolg bei den Filmfestspielen in Cannes im Jahr 2002 zu Hause weitgehend ignoriert wurde. Grund dafür waren die in seinen Filmen häufigen, als verklemmte und deprimierte Landeier mit gewalttätigen Tendenzen gezeichneten Charaktere. Die traditionelle finnische Komödie arbeitet mit täuschend ähnlichen Trauergestalten. Mit einem wichtigen Unterschied: Das Ausland bekommt sie normalerweise nicht zu sehen.

Leicht unwohl wird es so manchem Finnland-Enthusiasten aus dem Ausland vielleicht auch, wenn er mit gruseligen Landsermotiven konfrontiert wird. Mit der üblichen Deutung der Teilnahme Finnlands am Russlandfeldzug Hitlerdeutschlands als bloße Verteidigung der Souveränität bewegt sich das Land am Rande der Geschichtsfälschung.

Zuletzt erreichte die rechtspopulistische Partei "Wahre Finnen" in Umfragen an die zehn Prozent - für die seit Jahrzehnten kaum veränderten politischen Verhältnisse im Land extrem viel. Phil Schwarzmann gibt in seinem Blog auf die Frage: "Was muss ich tun, um in Finnland dazuzugehören?" den lakonischen Rat: "Sei weiß!" (Andreas Stangl aus Helsinki/DER STANDARD, Printausgabe, 13.8.2010)

Teil 6 der STANDARD-Serie "Selbst- und Fremdbilder der Europäer".

Teil 5: "Aus Cool wurde Poor Britannia"

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    Von wegen Spaßverweigerer: Finnen beim "Beer floating" in Helsinki im August.

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