Ein Sherlock Holmes der Müßiggänger

12. August 2010, 17:09
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Im Wettbewerb des Festivals von Locarno sind die leisen Filme den lauten Konkurrenten überlegen

Gleich drei Wettbewerbsfilme wurden in Locarno mit einem Jugendverbot belegt. Das wirkt wie ein Signal, das die Neugierde volljähriger Kinobesucher steigern soll. Jedes Festival buhlt eben um Aufmerksamkeit, wünscht sich eine kleine Kontroverse, um seine Singularität zu betonen.

Christophe Honoré versucht es im schwulen Beziehungsdrama Homme au bain mit Männerpopos und erigierten Schwänzen, vermag dabei kaum mehr als queere Lifestyle-Posen so zu verpacken, dass sie sich auch gut für Modestrecken eigneten. Die französische Schauspielerin Isild Le Besco geht es in ihrem dritten Regiewerk Bas-Fonds, einem Drama um drei schlimm verwahrloste Teenie- Mädchen, zwar mit maximaler Lautstärke an - ihren brüllenden, unflätigen Furien fehlt es aber an Überzeugungskraft, um tatsächlich zu verstören.

Die schönsten Filme im Wettbewerb waren dann auch leise, behutsame Vermessungen überschaubarer Milieus: Cold Weather vom jungen US-Amerikaner Aaron Katz beginnt als realistisch-sprödes Porträt zweier Geschwister, die sich in Portland eine Wohnung teilen. Doug (Cris Lankenau) arbeitet in einer Eisfabrik, insgeheim träumt er aber davon, ein abenteuerlicheres Leben zu führen, komplizierte Kriminalfälle zu lösen wie sein großes Vorbild Sherlock Holmes.

Spielerische Ermittlungen

Katz kombiniert den alltagsnahen, ungeschönten Blick eines Mumblecore-Films mit dem spielerischen Geist eines Jacques Rivette: Das plötzliche Verschwinden einer Freundin reißt Doug aus seiner Lethargie, er beginnt, zuerst widerwillig, zu ermitteln, beschattet einen Fremden, raucht sogar Pfeife. Unweigerlich nimmt dann das imaginäre Dasein als Detektiv immer mehr Platz ein; wobei der Reiz des Films darin entsteht, dass keine Welt die andere auslöscht, sondern diese eher wie Folien übereinander liegen.

Die Qualität von Curling, dem neuen Film des Frankokanadiers Denis Côté, liegt in einem äußerst prosaischen Blick auf das Leben eines menschenscheuen Außenseiters: Jean-François (Emmanuel Bilodeau) übt mehrere Gelegenheitsjobs aus, die er mit Gleichmut erfüllt, er hat auch eine Tochter im Teenageralter, die er argwöhnisch von der Umwelt fernhält. Den Rest seiner Zeit starrt er meist nur gedankenverloren vor sich hin.

Côté fasst diesen denkbar unglamourösen Mann, seine Mitmenschen und eine Schneelandschaft in Bilder, die dem Wenigen Bemerkenswertes abgewinnen - von einfachen Leuten mit Sorgfalt und sprechenden Details zu erzählen ist die Kunst dieses Films, der sich nicht vollkommen preisgibt: Irgendwo im Wald liegen von Eis überzogene Tote, von deren Schicksal man nichts erfährt. (Dominik Kamalzadeh aus Locarno/ DER STANDARD, Printausgabe, 13.8.2010)

 

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