Austrittswelle sorgt für Unruhe in der Kirchenspitze

10. August 2010, 17:55
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Wien - Eigentlich war die Taktik eine andere: Entgegen der bisherigen Praxis sollten die Austrittszahlen erst im nächsten Jänner und nicht bereits im August veröffentlicht werden. Bis dahin verordnete die Bischofskonferenz sich und ihrem Umfeld Stillschweigen, woran man sich - bis auf Wien - auf Magistratsebene nicht halten wollte. Die Halbjahreszahlen 2010 liegen nachStandard-Recherchen auf dem Tisch. Im erzbischöflichen Palais sieht man sich gezwungen, das Schweigen zu brechen.

Fakt ist, dass sich die Zahl der Kirchenaustritte in den acht Landeshauptstädten (ohne Wien) im ersten Halbjahr gegenüber den ersten sechs Monaten des Vorjahres mehr als verdoppelt hat. In diesen Städten verabschiedeten sich im Jahr des Missbrauchsskandals bereits 8647 Katholiken von der Kirche, im ersten Halbjahr 2009 waren es noch 3947. Als einzige Landeshauptstadt Österreichs gab man beim Magistrat Wien keine Kirchendaten preis. Ein "Deal" zwischen dem roten Wien und der katholischen Kirche? "Nein, sicher kein Deal. Es gibt einen Beschluss der Bischofskonferenz, dass die Daten erst mit Jänner veröffentlicht und kommentiert werden. Daran halten wir uns" , erklärt Erich Leitenberger, Sprecher von Kardinal Christoph Schönborn. Doch auch wenn man einen Kommentar zu den jüngst bekanntgewordenen Zahlen weiter schuldig bleibt, zeigt man sich über die Entwicklung besorgt. Leitenberger: "Ja, es ist dramatisch. Jeder Austritt ist einer zu viel, und die Entwicklung ist beunruhigend. Es geht aber bitte nicht ums Geld. Es schmerzt, weil mit jedem Austritt jemand die Familie verlässt."

"Voll Leben"

Aber zumindest der Nachwuchs der "Familie" scheint noch in Feierlaune zu sein. Rund 800 Jugendliche werden gemeinsam mit Österreichs Bischöfen vom 13. bis 15. August nach Mariazell pilgern. Die Jugendwallfahrt steht unter dem Motto "Voll Leben" . Das Programm verspricht Gottesdienste und Andachten sowie "Diskussionsrunden, Katechesen der Bischöfe, Sport, Spiel und Spaß" . Der Wiener Weihbischof Stephan Turnovszky hat hohe Erwartung an die Wallfahrt: Zum einen ermögliche sie unkomplizierte Begegnungen und Gespräche zwischen Jugendlichen und Bischöfen. Und er erwarte sich auch eine Vertiefung des Glaubens. Drittens würden die Jugendlichen durch das Gemeinschaftserlebnis auch darin bestärkt, "dass sie mit ihrem Glauben nicht allein sind". (Markus Rohrhofer, DER STANDARD, Printausgabe, 11.8.2010)

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