Zeuge im Demjanjuk-Prozess vor Anklage als NS-Verbrecher

7. August 2010, 19:49
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Deutsche Regierung will auch Fall von Klaas Carel F. prüfen lassen

Berlin - Mehr als 65 Jahre nach Kriegsende nimmt die deutsche Justiz weitere mutmaßliche NS-Kriegsverbrecher ins Visier. Nach John Demjanjuk und Samuel Kunz könnte demnächst mit dem in Bayern lebenden Alex N. ein weiterer mutmaßlicher SS-Lageraufseher angeklagt werden, wie der "Spiegel" am Samstag im Voraus berichtete. Zudem wurde die Bundesregierung im Fall des bereits in den Niederlanden verurteilten Klaas Carel F. aktiv.

Der seit Kriegsende in Landshut lebende N. soll laut "Spiegel" an der Erschießung von jüdischen Häftlingen im Zwangsarbeiterlager Treblinka I im von Deutschland besetzten Polen beteiligt gewesen sein. Das hatten andere ehemalige Wachmänner bei Vernehmungen in der Sowjetunion angegeben. Der inzwischen hochbetagte Alex N. habe sich außerdem selbst damit gebrüstet, Juden erschossen zu haben. Der Mann soll von der SS wie Demjanjuk und Kunz im Lager Trawniki bei Lublin zum Mordgehilfen ausgebildet worden sein. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs lebt N. in Landshut in Bayern. Über eine Anklage gegen den 1917 in der Ukraine geborenen N., der 1991 eingebürgert wurde, entscheidet dem Bericht zufolge demnächst die Staatsanwaltschaft München.

N. hatte im Februar als Zeuge im Prozess gegen Demjanjuk ausgesagt, der sich bereits seit November vor dem Münchner Landgericht wegen Beihilfe zum Mord in 27.900 Fällen verantworten muss - Demjanjuk soll 1943 im NS-Vernichtungslager Sobibor KZ-Wächter gewesen sein. Gegen den bei Bonn lebenden K. hatte die für NS-Verbrechen zuständige Staatsanwaltschaft Dortmund erst vor wenigen Tagen Anklage unter anderem wegen Beihilfe zum Mord an 430.000 Juden im Konzentrationslager Belzec im damals von Deutschland besetzten Polen erhoben.

Im Fall des seit Jahrzehnten im bayerischen Ingolstadt lebenden mutmaßlichen NS-Kriegsverbrechers F. setzt sich die deutsche Regierung für die Vollstreckung eines rund 60 Jahre alten Urteils der niederländischen Justiz ein. Die deutsche Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) bat Bayern nach Angaben eines ihrer Sprecher darum, die "verschiedenen rechtlichen Möglichkeiten" zu prüfen, wie der 88-jährige gebürtige Niederländer zur Verantwortung gezogen werden könne. Dabei solle auch untersucht werden, "ob aus heutiger Sicht eine Übernahme der Strafvollstreckung" des niederländischen Urteils aus den 1940er Jahren in Betracht komme. Eine Antwort aus dem bayerischen Justizministerium lag demnach noch nicht vor.

F. wird auf der Liste der meistgesuchten NS-Verbrecher des Simon-Wiesenthal-Zentrums geführt. F. gehörte wie der im März vom Aachener Landgericht zu lebenslanger Haft verurteilte Ex-SS-Mann Heinrich Boere im Zweiten Weltkrieg dem SS-Sonderkommando "Silbertanne" an. Die niederländische Justiz verurteilte ihn wegen der Ermordung von 22 Zivilisten zum Tode, das Urteil wurde aber in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt. Opfer der von einem SS-Sonderkommando verübten "Silbertannen-Morde" wurden Niederländer, die von den Nazis als antideutsch gesonnen angesehen wurden.

1952 brach F. aus einem niederländischen Gefängnis aus und floh nach Deutschland. Die Niederlande bemühten sich mehrfach um eine Auslieferung. Da F. als Mitglied der SS die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt, lehnte Deutschland dies allerdings immer wieder ab. Nach Angaben israelischer Medien war der israelischen Regierung am Mittwoch eine von 150 Anwälten unterzeichnete Petition übergeben worden, in der diese aufgefordert wird, die deutsche Regierung zu juristischen Schritten gegen F. zu drängen. (APA)

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