Die zwei Pioniere des Buchs der Bücher

6. August 2010, 20:22
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Wikipedia hat den Traum eines universellen Archivs wahr werden lassen - Der digitale Turm von Babel hatte mit Paul Otlet und Henri La Fontaine zwei Vordenker, die bereits in den 30er-Jahren das Internet imaginierten - Von Gerfried Stocker

Fragen Sie jemanden, wann die digitale Revolution begonnen hat. Die Antwort wird Ihnen viel über diese Person verraten. Manche werden mit Samuel Morse oder überhaupt im 17. Jahrhundert mit dem binären Zahlensystem von Leibniz und seiner Rechenmaschine beginnen. Andere mit dem ENIAC, den ersten Computersauriern aus den 30er- und 40er-Jahren, oder mit den sagenumwobenen Garagenfirmen des Silicon Valley. Diese Personen kommen dann auch sehr schnell ins Schwärmen vom Global Village, neuer Demokratie und davon, dass das Wissen frei sein soll.

Und dann gibt es diejenigen, für die alles erst mit dem WWW vor 20 Jahren begonnen hat, als plötzlich so viele die technische Infrastruktur nutzen konnten. Als Informationsverarbeitung und Kommunikation so wirkmächtig zusammenfielen, dass daraus eine neue Kultur entstand mit einer sozialen Dynamik, deren Entwicklungspotenzial wir bis heute noch nicht annähernd abschätzen können.

Doch wenn wir wirklich jenen Moment suchen, in dem ein Schneeball zur Lawine geworden ist, dann sind auch zwanzig Jahre zu weit gegriffen: Eher zehn, zwölf Jahre, als nicht nur der Standard (1995) ins Netz ging, als nicht mehr nur Universitäten Zugang zum Netz hatten und Youngsters begannen, mit Napster ihre mp3-Files auszutauschen. Als niemand mehr daran zweifeln konnte, dass in der digitalen Welt die Vorstellung von Original und Einzelstück obsolet geworden war.

Vielleicht aber sollten wir noch weniger weit zurückgehen, denn ich behaupte, die digitale Revolution hat erst 2004 begonnen, mit dem Durchbruch von Wikipedia, als man dort erstmals 1.000.000 Artikel verzeichnete und etwas, das man für naive Träumerei gehalten hatte, Wirklichkeit wurde: Hunderttausende stellen ihr Wissen, ihre Arbeit und ihre Zeit zur Verfügung und lassen die größte Sammlung an Wissen entstehen, die es jemals gab, in mittlerweile über 200 Sprachen! Das ist der neue Turm von Babel, der nicht mehr zum Einsturz gebracht werden kann. Denn das wirklich Revolutionäre an Wikipedia ist nicht die Tatsache, dass Menschen Information sammeln, sondern dass wir alle dies frei nutzen können.

Zur Zeit sind ca. 15 Mio. Artikel in der Wikipedia, und das ist tatsächlich sehr viel; aber können Sie sich vorstellen, dass es bereits vor etwa 100 Jahren ein Archiv, oder besser: ein Datencenter gegeben hat, in dem 15 Mio. Karteikarten angelegt waren, um das Wissen der Menschheit zugänglich zu machen? Damals schon konnte man per Brief oder per Telegraf Suchanfragen stellen. Bis zu 1.500 solcher Suchanfragen wurden pro Jahr bearbeitet - im Mundaneum in Brüssel, das von den beiden Friedensaktivisten Paul Otlet und Henri La Fontaine aufgebaut worden war.

Schlüssel zum Frieden

Paul Otlet war eigentlich Jurist und Unternehmer, sein Leben aber widmete er einer großen Idee: Er wollte eine universelle Bibliothek aufbauen und mit allen teilen. Nicht nur weil er begeisterter Bibliothekar war, sondern weil er sich sicher war, dass dies der Schlüssel zu einer friedlichen Welt sein würde. Mit dem späteren Friedensnobelpreisträger Henri La Fontaine begann er 1895, diese Idee umzusetzen.

Mit 400.000 Karteikarten, auf denen die beiden Bücher, Zeitschriften, Fotos etc. katalogisiert hatten, gründeten sie das Office International de Bibliographie, das bis in die 30er-Jahre auf ganze 15 Mio. Karteikarten anwachsen sollte. Gegen eine geringe Gebühr konnte man Suchanfragen stellen. Diese wurden dann auch in die Katalogisierung aufgenommen, wodurch, unter Mithilfe der User, die Treffsicherheit des Systems ständig verbessert wurde. Otlet nannte dies damals schon den "sozialen Raum" der Dokumente, er entwickelte sein eigenes Universelles Dezimales Klassifikationssystem (UDC). Heute nennen wir das Tagging, Folksonomie oder Pageranking und glauben, dass Google, Amazon und Co dies erfunden hätten.

Noch in den 30er-Jahren arbeiteten Otlet und La Fontaine daran, verteilte Datenzentren in Paris, Chicago und Rio de Janeiro aufzubauen. Doch die Wirtschaftskrise machte ihr Projekt zunehmend unfinanzierbar. Als die Nazis 1940 Belgien besetzten, räumten diese das Mundaneum und verbrannten ca. 70 Tonnen an Dokumenten. 1944 starb Otlet einsam und enttäuscht, nicht ohne eine verblüffende Zukunftsvision zu hinterlassen: Er beschrieb ein multimediales Kontinuum von verknüpften Informationen, die on Demand in der jeweils optimalen Kombination aus vernetzten Datenzentren direkt auf den Arbeitsplatz übertragen werden würden, auf Bildschirme, auf denen die Information in mehreren Fenstern strukturiert angezeigt werden würde, ergänzt mit Ton und Film - er nannte es das universelle Buch, das Buch der Bücher.  (Gerfried Stocker/DER STANDARD, Printausgabe, 7.(8.8.2010)

GERFRIED STOCKER, geboren 1964, ist seit 1995 Geschäftsführer und künstlerischer Leiter der Ars Electronica in Linz.

Zum Thema: STANDARD-Schwerpunktausgabe Digitale Welt

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