Tausende Kreuzband-Operationen verzichtbar

8. August 2010, 10:48
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Krankengymnastik hilft nach Verletzung ähnlich gut wie ein chirurgischer Eingriff - Aber Sportler haben nicht die Zeit

New York - Nach einem Kreuzbandriss am Knie ist eine Operation nicht zwingend erforderlich. Das zeigt eine schwedische Studie an Amateursportlern. Darin wurde eine Hälfte der 121 Teilnehmer nach einem Riss des vorderen Kreuzbands operiert. Die übrigen Patienten bekamen zunächst lediglich Krankengymnastik und begaben sich nur bei ausbleibendem Erfolg unters Messer.

Das Resultat: Nach zwei Jahren ging es den Patienten beider Gruppen ähnlich gut, wie die Mediziner im "New England Journal of Medicine" berichten. "Wenn man nur mit Krankengymnastik beginnt, hat man offenbar gute Aussichten, ähnlich zu genesen wie nach einer Kreuzband-Operation", erläutert Studienleiter Richard Frobell von der Universitätsklinik Lund. "Es ist überraschend, dass viele Menschen eine Rekonstruktion des vorderen Kreuzbands nicht brauchen."

Profisportlern fehlt Zeit

Allerdings räumt der Arzt ein, dass an der Studie ausschließlich Freizeitsportler teilnahmen, überwiegend Fußballer und Volleyballer. Profi-Athleten lassen sich dagegen gewöhnlich operieren, weil sie schnellstmöglich wieder trainieren wollen. Ihnen fehlt schlicht die Zeit zum Abwarten, ob auch die Physiotherapie hilft.

Aber interessant ist die Studie für jene Tausende, denen etwa beim Fußball das vordere Kreuzband reißt und damit genau jene Sehne, die dem Knie seine Stabilität verleiht. Dass nicht jeder Patient mit dieser Verletzung operiert werden muss, wussten Ärzte schon vorher. Einem Jogger oder Radler mittleren Alters reichen oft schon eine Kniestütze und Krankengymnastik aus. Aber die Studie zeigt nun erstmals, dass davon auch jene Sportler profitieren, die strapaziöseren Sport wie etwa Fußball bevorzugen.

Individuelle Therapie

Zwar können manche Patienten mit Kreuzbandschaden auf hohem Niveau Freizeitsport treiben und etwa in einer Hobbymannschaft kicken. Aber bisher können Mediziner nicht unterscheiden, wer zu dieser Gruppe gehört. Daher planen Ärzte und Patienten derzeit die Therapie nach individuellen Faktoren etwa dem allgemeinen Zustand des Knies oder dem angestrebten späteren Sportprogramm, wie der Chirurg Bruce Levy von der amerikanischen Mayo Clinic betont.

Ist eine Operation fällig, ersetzen Chirurgen das zwei Zentimeter lange Faserbündel durch anderes Sehnengewebe. Die Operation kostet nicht nur mehrere tausend Euro, sondern sie kann auch zu Infektionen oder Steifheit führen, was wiederum Folgeeingriffe erfordert.

Die Studie verfolgte nun das Schicksal von 121 Freizeitsportlern im Alter von 18 bis 35 Jahren, denen das Kreuzband gerissen war. Eine per Los ausgewählte Gruppe wurde operiert, die übrigen bekamen fünf bis sieben Monate lang Krankengymnastik, im Mittel etwa 60 Sitzungen. Etwa 40 Prozent dieser Teilnehmer wollten schließlich doch noch zum Chirurgen.

Physiotherapie versus Operation

Zwei Jahre später war der Genesungserfolg in beide Teilnehmergruppen vergleichbar groß. Der Schmerz, die Belastbarkeit beim Sport und die Einschränkungen durch das lädierte Knie waren ähnlich. In beiden Hälften erreichten etwa 40 Prozent der Patienten wieder ihr früheres sportliches Niveau. Besonders auffällig: Wer zuerst die Krankengymnastik probierte und dann nachträglich doch noch die Operation wählte, erholte sich nicht besser als die ausschließlich physiotherapeutisch behandelten Patienten.

Chirurg Levy warnt jedoch vor voreiligen Schlussfolgerungen. Denn die Studiendauer sei mit zwei Jahren relativ kurz gewesen. "Die langfristigen Vorteile oder Risiken der beiden Vorgehensweisen kennen wir nicht", sagt der Mediziner.

Einen weiteren Einwand erhebt Kurt Spindler von der Vanderbilt Universität in Nashville: In der krankengymnastisch therapierten Gruppe hatten mehr Patienten Probleme mit dem Meniskus. Das könnte eventuell darauf hindeuten, dass ihnen später eine Osteoarthritis drohe. Ob diese Sorge berechtigt ist, soll der weitere Verlauf der Studie zeigen. Deren Leiter Frobell will das Schicksal der Patienten mindestens noch weitere drei Jahre im Auge behalten. (APA)

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