Die Frau Doktor und das liebe Phi

5. August 2010, 17:22
posten

Marie Chouinard präsentierte mit "The Golden Mean (Live)" eine Gemeinschaft fremder Wesen aus der Zukunft, die mit friedfertiger Verrücktheit betört

Wien - Immer wieder überrascht der zeitgenössische Tanz das Publikum mit seiner Fülle an Möglichkeiten, menschliche Verhaltensformen als künstlerisches Mittel einzusetzen. Und zwar so, dass die strikten Regeln dafür, wie sich ein Mensch in den jeweiligen kulturellen oder sozialen Gruppe zu benehmen hat, auf der Bühne ausgehebelt werden.

Das ist auch bei dem neuen Stück The Golden Mean (Live) der kanadischen Choreografin Marie Chouinard, das heute, Freitag, und morgen noch einmal in der Halle E des Museumsquartier zu sehen ist, gut nachzuvollziehen. Ein Grüppchen von zwölf jungen Leuten repräsentiert darin eine fiktive Gemeinschaft aus der Zukunft. Und es durchläuft eine erkleckliche Anzahl von Situationen, Stimmungen und Zuständen, die veranschaulichen: Dies alles sind Migranten. Ihre, wenn auch erfundene, Fremdheit macht diese Wesen von woher-auch-immer sympathisch.

Wie die meisten Chouinard-Stücke der letzten Jahre enthält auch dieses ein neckisches Plädoyer für einen etwas entspannteren und selbstverständlicheren Umgang mit Erotik. Aber anders als bei früheren Gelegenheiten verzichtet die durchaus Spektakel-affine Künstlerin hier auf den Flirt mit dem Kitsch, wie er von früheren Werken wie Le Cri du monde oder L'Amade et le diamant noch in schaurig-schwüler Erinnerung ist.

Dieser Verzicht macht den Blick frei auf ihren Beitrag zur Verarbeitung von Verhaltensvarianten - ein "Metamotiv" , das viele unterschiedliche Formen der Choreografie in diversen Kulturen miteinander verbindet. Chouinard bietet keine wirkliche "Handlung" an, sondern einen künstlerischen Entwurf von normabweichendem Handeln.

In der Darstellung dieses Andersseins haben sich im Tanz verschiedene Konventionen verfestigt, mit denen im 20. Jahrhundert wiederholt gebrochen wurde. Marie Chouinards Tänzer bedienen sich aus dem Materialpool dessen, was in den 1930ern Grotesktanz hieß, und zitieren unter anderem Ballett, Yoga und Showtanz.

Sie tragen fantasievolle goldene Kostüme, blonde Perücken, große künstliche Ohren - und verschiedene Masken: So tänzeln sie erst mit dem lächelnden Gesicht von Bundespräsident Heinz Fischer daher, dann wieder als Gruppe heiterer Senioren und am Ende als Kindergruppe mit Babymasken. So scheinen die Aliens, für die ein Laufsteg in den Publikumsraum gebaut wurde, Kontakt mit der Gegenwart aufnehmen und diese mit friedfertiger Verrücktheit bereichern zu wollen.

Irrationales Zahlenspiel

Ab und zu kollern Worte und Satzteile über die Lippen dieser Fremden. Sie blättern sich durch ihre Szenen wie durch ein Vorzeige-Album, um in der Gruppe etwas durchzuspielen, ein paar Rituale zu vollziehen. Das Verhalten der freundlichen Botschafter aus der Zukunft steht im Gegensatz etwa zu dem der Gespenster in Meg Stuarts bekanntem Stück Visitors Only, die die Verzerrung des menschlichen Handelns wesentlich extremer betrieben haben. Oder gar zu dem Gebaren der distanzierten Fremden in Philipp Gehmachers Arbeiten.

Und noch ein Gegensatz: Anders als bei Anne Teresa De Keersmaekers choreografischer Verarbeitung des Goldenen Schnitts und der Fibonacci- Zahlen vor etwas mehr als einem Jahrzehnt bleibt bei Chouinards The Golden Mean im Dunkeln, worauf sich dieses Idealmaß bezieht. Die Künstlerin doktert zwar in einem Text zu dem Stück etwas mit der "Goldenen Zahl" Phi und ihren mystischen Implikationen herum, aber nichts auf der Bühne liefert einen konkreten Hinweis darauf, wie sie es mit der irrationalen Zahl, die sie sich da liebevoll zur Brust genommen hat, meint. Da hilft es auch nicht weiter, wenn zu Beginn auf fünf Monitoren die berühmte goldene Spirale flimmert.

Die populäre Kanadierin ist auch keine analytische Künstlerin. Sie arbeitet intuitiv, mit Hang zum Leichtsinn. Ihre Tänzer sind allesamt von hübscher Gestalt, und sie spielen einmal wie Tierchen, dann wie Kinder oder wie sinnliche Satyrn mit ihren Leben im Licht von Lampen, die wie monströse Exemplare der animierten Pixar-Leuchte aussehen. (Helmut Ploebst, DER STANDARD/Printausgabe, 06.08.2010)

  • Blonde Aliens mit Hornbrillen und großen Ohren: Tänzerinnen aus dem 
neuen Stück der Kanadierin Marie Chouinard, "The Golden Mean (Live)" .
    foto: sylvie-ann pare

    Blonde Aliens mit Hornbrillen und großen Ohren: Tänzerinnen aus dem neuen Stück der Kanadierin Marie Chouinard, "The Golden Mean (Live)" .

Share if you care.