"Sonst wäre es ein Russe gewesen"

30. Juli 2010, 18:43
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Am 1. August 1980 war sie Olympiasiegerin in der Dressur - Elisabeth Max-Theurer erinnert sich dreißig Jahre danach an den boykottierten Boykott

Standard: Wenn Sie Moskau 1980 hören, woran denken Sie zuerst?

Max-Theurer: An die Siegerehrung, an die Hymne. Das war die Belohnung dafür, dass ich dem Druck standgehalten habe. Der Druck war groß, auch das fällt mir bei Moskau 1980 sehr rasch ein.

Standard: Mussten Sie quasi gewinnen - als große Favoritin, weil des Boykotts wegen andere Sieganwärterinnen fehlten?

Max-Theurer: Das ist schon richtig, die Deutschen Reiner Klimke und Uew Schulten-Baumer sowie die Schweizerin Christine Stückelberger waren nicht in Moskau, wobei man nicht sagen kann, dass ich nur deshalb gewonnen habe. 1979 war ich schon Europameisterin, da hab ich alle geschlagen. Und drei Wochen vor Olympia in Aachen war ich zweimal Zweite, einmal hinter dem einen, einmal hinter dem anderen Deutschen.

Standard: Sie haben Ihren Sieg also nie als einen Titel zweiter Klasse empfunden?

Max-Theurer: Das hätte ich, wenn ich mit einer schlechten Leistung gewonnen hätte. Aber meine Leistung war wirklich sehr gut. Ich wusste, es durfte nichts in die Hose gehen, und es ist alles gutgegangen.

Standard: Oft hört und liest man, Sie hätten sich den Titel nur abholen müssen.

Max-Theurer: Das ist Blödsinn. Die Russen, die hinter mir landeten, sind ausgezeichnet geritten, und die Finnin Kyra Kyrklund, die Fünfte wurde, war später Vize-Weltmeisterin.

Standard: Ist es vor den Spielen zur Diskussion gestanden, nicht nach Moskau zu fahren?

Max-Theurer: Österreich war ein neutrales Land, hat sich deshalb nicht dem Boykott angeschlossen. Man hat schon versucht, uns unter Druck zu setzen, auch Verbandspräsident Fridolin Schindler - aber verboten hat er uns die Teilnahme nicht. Mein Vater hat gesagt, wir ziehen, wenn ich teilnehmen will, die Sache durch. Und ich bin sehr froh darüber. Oft denke ich mit Schaudern daran, wie viele SportlerInnen durch den Boykott um die einmalige Chance gebracht wurden, an Olympischen Spielen teilzunehmen.

Standard: Der Boykott kam ja nicht von ungefähr, sondern war eine Reaktion auf den russischen Einmarsch in Afghanistan.

Max-Theurer: Damals sind alle auf die Russen losgegangen. Echte wirtschaftliche Sanktionen zu setzen, hat sich die Welt nicht getraut, also musste auf Betreiben des amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter der Sport herhalten. Carter hat dem Sport massiv geschadet, viele Sportler wurden um den Lohn für jahrelange Arbeit gebracht. Die dreißig Jahre, die inzwischen vergangen sind, haben viel relativiert.

Standard: Inwiefern?

Max-Theurer: Ich blättere oft in den Zeitungen von damals und lese die alten Artikel. Das ist schon interessant, wie damals alles dargestellt wurde. Die Russen waren die Bösen, und die Amerikaner waren die Guten. Mittlerweile ist der Eiserne Vorhang gefallen, und heute ist die Sichtweise doch eine andere. Auch die AmerikanerInnen sind in Afghanistan einmarschiert, und niemand hätte deswegen die Winterspiele 2002 in Salt Lake City boykottiert.

Standard: Stimmt es, dass Sie nach Moskau Anfeindungen Ihrer Konkurrenten ausgesetzt waren?

Max-Theurer: So schlimm war es nicht. Die Stückelberger hat halt ihren Mund weit aufgerissen. Bei der EM 1979 hatte sie schon Siegerinterviews gegeben, als ich daherkam und ihr noch überraschend den Titel wegnahm. Aber mittlerweile vertragen wir uns wieder. Irgendwer hätte ja auch auf jeden Fall den Olympiatitel geholt. So war es ich - sonst wäre es ein Russe gewesen.

Standard: Stückelberger hielt Ihnen vor, Sie hätten nach Moskau direkte Vergleiche gescheut.

Max-Theurer: Das hatte damit zu tun, dass mein Pferd Mon Cherie an Schimmelkrebs erkrankte. Wenn man sich Moskau auf Video ansieht, hört man, er hat schon da leicht gekeucht. Er hatte Probleme mit dem Atmen, deshalb haben wir ihn durchchecken lassen. Er hatte Tumore im Kehlkopfbereich, die waren nicht operabel. Mon Cherie war zehn Jahre alt, da fangen viele Karrieren erst an. Er ist noch bis 1985 auf der Koppel gestanden, dann mussten wir ihn einschläfern lassen. Ich war auch 1984 und 1992 bei Olympia, einmal Elfte, einmal Achte, aber so ein Pferd wie Mon Cherie hast du nur einmal im Leben.

Standard: Wie waren Sie zu Mon Cherie gekommen?

Max-Theurer: Wir bekamen ihn von einem Geschäftsfreund meines Vaters geschenkt, er war dreijährig und gar nicht rittig, fast wie ein Zebra. Aber ich hab gesagt, ein Geschenk schenkt man nicht weiter. Und plötzlich hat er begonnen, sehr schnell zu lernen. Piaffe und Passage hat er bald gekonnt, das ist die Basis. Du hättest ihn mitten in der Nacht aus dem Stall holen können, und er hätte auf der Stelle zwanzig Schritte piaffiert.

Standard: Da werden Unsummen für die Zucht oder im Pferdehandel ausgegeben, und dann fallen einem Spitzenpferde sozusagen in den Schoß.

Max-Theurer: Das ist uns später noch einmal passiert. Da hab ich mir ein Fohlen von zwei Pferden in unserem Stall vorgestellt, mein Mann war eigentlich dagegen, zum Muttertag hat er nachgegeben, herausgekommen ist Augustin, auf dem meine Tochter Victoria im Vorjahr EM-Fünfte war.

Standard: Reiner Zufall?

Max-Theurer: Mein Mann sagt, dass wir eigentlich kein Pferd kaufen sollten, weil man sich die Guten eh selbst machen muss. In einer Partnerschaft zwischen Ross und Reiter ist es wie in einer Beziehung zwischen zwei Menschen - die Chemie muss passen, das ist die Basis. Bei den Pferden gibt es jetzt mehr Breite als früher, weil die Zucht einen Aufschwung nahm. Heute kann man bei jungen Pferden viel mehr Veranlagung erkennen. Früher hat man mehr hineinreiten, das Pferd formen müssen, das war harte Arbeit.

Standard: Sehen Sie sich manchmal das Moskau-Video an?

Max-Theurer: Immer wieder gerne. Das sind TV-Aufnahmen wie aus einer anderen Welt. Als würde man dem Toni Sailer beim Skifahren zusehen.

Standard: Wie wird das Jubiläum begangen?

Max-Theurer: Mein Sohn, der übrigens nicht reitet, sondern begeisterter Fischer ist, hat für Sonntag ein Fest für mich organisiert, circa hundert Freunde werden kommen. Ich wäre auch zu einem Empfang der Olympiasieger nach Moskau eingeladen gewesen, aber das geht sich leider nicht aus.

(Fritz Neumann, DER STANDARD, Printausgabe 31.7./01.8.2010)

ELISABETH MAX-THEURER (53), geboren in Linz, beginnt als Zehnjährige zu reiten. 1968 begegnet die "Sissy" erstmals dem Ampflwanger Reitlehrer Hans Max, er wird 1974 ihr Trainer und 1983 ihr Ehemann. Auf dem Schimmelwallach Mon Cherie wird sie 1979 Europameisterin und 1980 Olympiasiegerin, auf Acapulco 1984 in Los Angeles Olympia-Elfte, auf Liechtenstein 1992 Olympia-Achte. Rücktritt 1994. Lebt mit ihrem Mann und den Kindern Victoria (24) und Johannes (22) auf Schloss Achleiten (Stallbetrieb mit zwanzig Pferden). Seit 2002 Präsidentin des Bundesfachverbands für Reiten und Fahren, seit 2005 im ÖOC-Vorstand sowie Vizepräsidentin und Sprecherin des Aufsichtsrates der Spanischen Hofreitschule in Wien.

  • Der Schimmel Mon Cherie war ein Geschenk und Zufall wie sein eigentlich falsch (ohne Accent, mit "e" am Ende) geschriebener Name. "Ich hatte in der Schule kein Französisch", sagt Max-Theurer.
    foto: privat

    Der Schimmel Mon Cherie war ein Geschenk und Zufall wie sein eigentlich falsch (ohne Accent, mit "e" am Ende) geschriebener Name. "Ich hatte in der Schule kein Französisch", sagt Max-Theurer.

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