"Zwölf Stunden lang nur zugehört"

23. Juli 2010, 19:18
8 Postings

Gregor Högler, Trainer für Diskus- und Speerwurf, lässt sich von einem 71-jährigen Biomechaniker aus Estland beraten. Er liebt es zu tüfteln, hasst es zu jammern, denkt über den perfekten Wurf, aber nicht über Grenzen nach - STANDARD-Interview

Standard: Der von Ihnen trainierte Diskuswerfer Gerhard Mayer hat im Vorjahr als WM-Achter aufgezeigt. Heuer hat er seine Technik völlig umgestellt. Wieso?

Högler: Darüber haben sich viele gewundert, vor allem die Trainer von Gerhards Gegnern. Aber wir mussten etwas tun, Gerhard ist mit 1,93 Metern und 105 Kilo kleiner und leichter als die meisten anderen. Wenn ich alles genauso mache wie die anderen, wird er immer kürzer werfen. Bei exakt derselben Technik wirft einer, dessen Arme zwei Zentimeter geringere Spannweite haben, exakt einen Meter weniger weit.

Standard: Trotz der Umstellung hat Mayer heuer schon einen Rekord erzielt. Wie macht er sein körperliches Manko wett?

Högler: Wir haben uns am Ende der vergangenen Saison zusammengesetzt und gefragt, wo uns unsere Fantasie hinführen kann. Klar war, nur über die Kraft werden wir uns nicht wesentlich steigern. Also haben wir uns der Biomechanik zugewandt. Wir haben den Biomechaniker des estnischen Olympiasiegers Gerd Kanter kontaktiert und in Tallinn besucht. Er heißt Aadu Krevald, ist 71, man muss ihm zuhören können. Beim ersten Besuch haben wir zwölf Stunden lang nur zugehört.

Standard: Welche Aufschlüsse liefert Ihnen die Biomechanik?

Högler: Die Frage ist, wie im Bewegungsablauf die verschiedenen Körperteile zueinander stehen. Das wird mit mehreren Kameras aufgenommen und analysiert. Da spielen viele Parameter eine Rolle - Beschleunigung, Geschwindigkeit, Winkelkurven, Körperachsen. Daraus entwickle ich eine Anleitung. Den perfekten Wurf hab ich im Kopf, und wir versuchen, ihm immer näher zu kommen.

Standard: Stört es den Olympiasieger nicht, dass sein Biomechaniker einem Österreicher hilft?

Högler: Wir haben mitgekriegt, dass der Trainer und der Biomechaniker von Kanter eine Auseinandersetzung hatten. Und wir haben nicht lockergelassen. Ich war mir nie zu gut, andere um Rat zu fragen. Weltrekordler Jürgen Schult, jetzt deutscher Trainer, hat mir oft geholfen, jetzt hilft er mir nicht mehr so gerne, weil Gerhard so gut geworden ist. Auch Aadu packt noch nicht alles aus. Wir waren mehrmals schon in Tallinn, und wir skypen ab und zu. Er lässt immer wieder etwas fallen, und wir schnappen es auf.

Standard: Zum Beispiel?

Högler: Zum Beispiel haben wir meiner Speerwerferin Elisabeth Pauer Messplatten aufgelegt. So erfahren wir, wie viele Newton bei ihren letzten Schritten zum Abwurf auf dem Boden ankommen.

Standard: Die Lehre daraus?

Högler: Wird zu viel Kraft schon auf den vorletzten Schritt gelegt, dann bremst man, verliert man Energie, tötet man den Wurf ab. Das ist, als wollte man einen Crashtest machen und ein Auto gegen die Wand fahren lassen, aber kurz vor der Wand noch die Bremse anziehen. Beim Speerwurf sollte der letzte Bodenkontakt quasi die Wand sein, der letzte Schritt mit dem linken Bein unmittelbar beim Abwurf.

Standard: Und für den Diskuswurf gilt Ähnliches?

Högler: In Wahrheit für alle Wurfdisziplinen. Auch der Hammerwurf wäre interessant, da gibt's halt mehr Drehungen und ein Gerät, das noch weiter weg vom Schwerpunkt ist. Überall brauche ich die maximale V-Null, die richtige Beschleunigung auf das Wurfgerät. Nehmen wir den Gerhard her. Er wiegt 105 Kilo, der Diskus zwei Kilo. Viele grübeln, wie sie die zwei Kilo am besten bewegen. Wir überlegen uns, wie wir die 105 Kilo bewegen. Wenn sich Gerhard gut bewegt, kann er auch den Diskus gut bewegen. Das erfordert Feintuning in Sachen Impulsempfinden und Druckgebung. Denn die größte Kraft bringt gar nichts, wenn man sie nicht auf den Diskus bringt.

Standard: Was ist Diskuswerfer Mayer und Speerwerferin Pauer ab Montag bei der EM zuzutrauen?

Högler: Ich erwarte mir, dass sie unter Stress gute technische Würfe zeigen und ihre Leistung abrufen. Anders als in den Laufbewerben hat die EM in den Wurfdisziplinen WM-Charakter, weil die Europäer auch weltweit dominieren. Finalplätze sind sicher keine Utopie, insgesamt ist die EM eine Station auf dem Weg nach London. Die Olympischen Spiele 2012 sind unser großes Ziel. Und wenn wir uns vor zwei Jahren noch gefragt haben, wo die Grenzen sind, so denken wir jetzt nicht mehr über Grenzen nach.

Standard: Hat die Leichtathletik in Österreich derzeit den Stellenwert, den sie verdient? Fühlen Sie sich genügend unterstützt?

Högler: Ich hasse es zu jammern. Und ich würde es hassen, wenn meine Athleten jammern. Uns geht's super, wir dürfen das tun, was wir gerne tun. Wer Leistung bringt, wird auch gefördert. Und es ist auch okay, wenn vor der Förderung schon eine gewisse Leistung verlangt wird. Die zwei Speerwerferinnen, die ich betreue, kommen regelmäßig zum Training von Graz nach Wien. Die jüngere, Elisabeth Eberl, die knapp das WM-Limit verpasst hat, ist sogar putzen gegangen, um sich den Sport leisten zu können. Und es ist gut so, wenn man sich etwas erarbeitet. Der Tag hat ja nicht nur zehn, sondern 24 Stunden.

Standard: Sieht so aus, als wäre Österreichs Leichtathletik weniger auf eine breite Basis gestellt denn auf kleine Gruppen von Idealisten angewiesen.

Högler: Das ist der österreichische Weg, die einzige Chance. Wir haben nicht die Möglichkeiten, die andere Länder haben. Dafür haben wir sehr viel Herz, und wir haben Fantasie. Wichtig ist, dass die Leichtathletik insgesamt als zentrale Sportart wahrgenommen wird. Denn Sprung, Wurf und Lauf sind die Basiselemente für fast jeden anderen Sport. (Fritz Neumann - DER STANDARD PRINTAUSGABE 24.7. 2010)

Zur Person:
Gregor Högler (38) aus Wien war Speerwerfer, hält seit 1999 den ÖLV-Rekord (84,03 m). Studierte Maschinenbau. Arbeitet in einem technischen Büro und hilft seiner Schwester, die eine Rauchfangkehrerfirma leitet, holte eigens die dafür nötige Lehre nach. Betreut die Speerwerferinnen Elisabeth Pauer und Elisabeth Eberl, den Diskuswerfer Gerhard Mayer sowie den blinden Speer- und Diskuswerfer Bil Marinkovic. Kommt mit vier Stunden Schlaf aus.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Gregor Högler mit seinen Schutzbefohlenen Gerhard Mayer (Diskus) und Elisabeth Pauer (Speer).

Share if you care.