"Die Hitparaden spielen Schund"

23. Juli 2010, 11:45
29 Postings

Neu aufgelegt: "Aus den Kellern der Nacht" von Ronnie Urini und die letzten Poeten

Wien - Als der Krieg noch kalt und Wien einer der letzten Außenposten vor dem Eisernen Vorhang war, drückte das nicht nur dem durchschnittlichen Misanthropen aufs Gemüt. 1983 veröffentlichte der in Krems geborene und in die graue Bundeshauptstadt gezogene Ronald Iraschek als Ronnie Urini und die letzten Poeten das Album Aus den Kellern der Nacht.

Dieses Album gilt auf Vinyl lange schon als begehrtes Sammlerstück. Nun wurde diese Perle des Wiener Undergrounds der 1980er-Jahre in einer kleinen Edition vom Originallabel Ton-um-Ton-Records auf CD wiederaufgelegt - erweitert um ebenso rares Bonusmaterial.

In den großen Popmetropolen regierte damals Postpunk und New Wave. Stile, die eine kleine Wiener Szene mit bescheidenen Möglichkeiten für sich vereinnahmte. Einen Querschnitt der Ergebnisse solcher Adaptionen bietet die heuer veröffentlichte Sammlung Neonbeats des Labels Klanggalerie - der Standard berichtete.

Urini war nicht nur Teil dieser jungen Szene, sondern gab sich auch seiner Leidenschaft für US-amerikanische Sixties-Psychedelic hin. Musik, wie sie sein Privatgott Sky Saxon mit der Garagenrockformation The Seeds gespielt hatte. Dementsprechend wurde in den Kellern der Nacht wild georgelt: Du gehst vorbei erinnert an die Tastenspielchen von Ray Manzarek von The Doors. Andererseits herrschte zeitgenössische Strenge, der Urini in einer deutschsprachigen Version von Psycho Killer von den Talking Heads entsprach.

Urinis Texte, Eingedeutschtes, Selbstverfasstes oder Vertontes von Konrad Bayer und H. C. Artmann, formulierten einen Zeitgeist, der desperat bis wütend Aufbruch forderte. "Die Hitparaden spielen Schund, wir kommen aus dem Untergrund / aus den Kellern der Nacht" singt Urini angeekelt und mit gelecktem "l". Und es besitzt bis heute Gültigkeit. Gleichzeitig lässt sich darin die Sehnsucht eines auf dem falschen Kontinent geborenen Mannes ablesen. Die große Welt, in die er wollte, die bedeutete für Urini das popkulturelle Babylon Amerika.

Südseeträume

Dort sollte er später hingelangen und mit Mars Bonfire von der Band Steppenwolf (Born to Be Wild), Chet Baker oder Marianne Faithfull arbeiten. Als Mann im Schatten verfasste er auch den 1980er-Jahre-Mini-Hit Rudi träumt von der Südsee der Rucki Zucki Palmen Combo.

Von derlei Leichtigkeit ist in den Kellern der Nacht nichts zu spüren. Am deutlichsten manifestiert sich die Stimmung in der Adaption des Konrad-Bayer-Gedichts Niemand hilft mir, das die wienerische Todessehnsucht ebenso vermittelt wie den Kampf eines Außenseiters um seinen Platz in der Welt. Zu zwingendem Uptempo-Rhythmus und knappen Gitarren-Licks höhnt Urini "das ist lustig / das ist schön / das ist das Zugrundegehen".

Erstmals vertont hatte das Stück die Linzer Band Willi Warma, und es trotzt in beiden Versionen dem Zahn der Zeit, klingt immer noch modern, der Text ist sowieso welt! Auch die Produktion wirkt erstaunlich frisch und nicht so dünnpfiffig bassleer wie vieles aus dieser Zeit. So überzeugend wie hier sollte Urini später leider kaum noch sein, dieses Album aber nimmt ihm niemand! (Karl Fluch / DER STANDARD, Printausgabe, 23.7.2010)

 

  • Ronnie Urini & Die letzten Poeten: Niemand hilft mir - erhältlich im Wiener Rave Up, 01/596 96 50

www.rave-up.at
    foto: rave up

    Ronnie Urini & Die letzten Poeten: Niemand hilft mir - erhältlich im Wiener Rave Up, 01/596 96 50

Share if you care.