Wissenschafter zerpflücken Torpedo-These

22. Juli 2010, 11:56
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Südkoreanischer Politologe und Physiker zweifeln an offizieller Version

US-Aussenministerin Hillary Clinton und US-Verteidigungsminister Robert Gates besuchten am Mittwoch die demilitarisierte Zone, den vier Kilometer breiten Streifen, der die zwei Korea trennt. Sie wollen damit unterstreichen, sagte Gates am Dienstag in Seoul, dass die USA fest zu Südkorea halten. Zugleich kündigte er umfangreiche Manöver an, an denen zehn US-Schiffe teilnehmen werden, darunter der Flugzeugträger USS George Washington. Damit schickten die USA ein "starkes Signal der Abschreckung" nach Nordkorea, so Gates.

Bei den Manövern soll die U-Boot-Abwehr geübt werden. Gates liess keinen Zweifel daran, dass das eine Antwort auf den Untergang der Cheonan ist, des südkoreanischen Patrouillenbootes, das am 26. März nahe der Demarkationslinie im Gelben Meer sank. Dabei kamen 46 südkoreanische Soldaten ums Leben.

Keine plausible Alternative

Die internationale Ermittlergruppe, die den Untergang untersuchte, befand, die Cheonan sei von einem nordkoreanischen Torpedo versenkt worden. Der UNO-Sicherheitsrat hat diese Erklärung akzeptiert und den Vorfall verurteilt, allerdings ohne Nordkorea zu nennen. Bisher gibt es keine plausible Alternative. Zumal Nordkorea vorigen Winter mit Vergeltung drohte, weil der Süden im November 2009 ein nordkoreanisches Boot beschossen hatte.

In Südkorea selbst dagegen zweifeln viele Leute am Untersuchungsbericht. Wissenschafter haben ihn zerpflückt, sie halten ihn für widersprüchlich, falsch und ein Machwerk. Aus Seoul hört man, die schwedische Delegation in der Ermittlergruppe habe sich geweigert, den Bericht zu unterschreiben. Bei der Havarie-Kommission in Stockholm mag man das weder bestätigen noch dementieren. Die beteiligten Experten seien bis Mitte August in den Ferien, der Delegationsleiter auf einem Segelboot, er sei nicht erreichbar, sagt eine Sprecherin.

Viele ungeklärte Punkte

Der Politologe Suh Jae-jung und der Physiker Lee Seung-hee stellten vorletzte Woche in Tokio ihre Analyse des Untersuchungsberichts vor. Man wisse weder, wo die Cheonan untergegangen sei, noch wann und schon gar nicht wie, so Suh. Im Bericht heisst es, die Explosion habe sich um 21.20 Uhr ereignet, das Hauptquartier der Marine protokollierte 21.15 Uhr, die Armeeführung 21.45 Uhr. So wenig bekannt wie die Zeit ist auch der Ort des Angriffs.

Die Ermittler kamen zum Schluss, ein sogenannter Bubble-Effekt eines nahe am Rumpf der Cheonan explodierten Torpedos habe das Schiff in zwei Teile gerissen. Ein Bubble-Effekt ist eine wuchtige säulenförmige Druckwelle, die ein unter Wasser explodierender Torpedo verursacht. Die Druckwelle ist in der Lage, ein Schiff zu zerquetschen.

Ein Bubble-Effekt hätte dem Rumpf eine weiträumige, sphärische Delle zugefügt, und das Schiff wäre an einer anderen Stelle auseinandergebrochen, meint Suh. Für einen Bubble-Effekt sei der Rumpf verdächtig wenig beschädigt gewesen. Die Experimente, die die Ermittler durchgeführt hätten, würden das beweisen; sie hätten sie bloss falsch interpretiert. Zudem hätte man auf dem Meeresgrund in unmittelbarer Nähe jenes Torpedos, den die Ermittler bargen, viele kleine Trümmer finden müssen.

Suh weigert sich zu spekulieren, was die Cheonan versenkt habe. Die provokative Frage, ob es ein US-Torpedo gewesen sein könnte, beantwortet er so: "Ich kann mit gleicher Sicherheit sagen, es war kein amerikanischer Torpedo, wie ich sagen kann, es war kein nordkoreanischer Torpedo. Weil es kein Torpedo war."

Auch die Aussagen der Überlebenden und jene der Zeugen auf einer nahen Insel sprächen dagegen. Es gebe keine Hinweise auf eine Schockwelle.

Aufgrund der Schäden am Boot könne man bloss eine Explosion im Schiff und einen Treffer durch ein Geschoss ausschliessen. Der Physiker Lee Seung-hee unterstellt den Ermittlern, sie hätten die Resultate von Materialuntersuchungen am Wrack gefälscht. Die Spuren eines Aluminiumoxids, das die Cheonan mit einer Explosion des sichergestellten Torpedowracks in Verbindung bringen sollte, hält er für Korrosionsspuren. Er fragt ferner, warum die Farbe der handgeschriebenen koreanischen Markierung "Nummer 1" frisch sei, während der Lack des Torpedopropellers daneben völlig verwittert sei. «Das kann irgendwer hingeschrieben haben, in Südkorea schreibt man das gleich.»

Beide Wissenschaftler fordern Südkoreas Regierung auf, wegen der grossen politischen Folgen des Berichts die Untersuchung neu aufzurollen. Kein normales Gericht würde die Belege für einen Indizienbeweis akzeptieren. (Christoph Neidhart/tagesanzeiger.ch)

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    Laut dem US-finanzierten Sender "Radio Free Asia" hat ein chinesischer Geschäftsmann, der kürzlich aus Nordkorea zurückkehrte, dieses Plakat mitgebracht. Übersetzung: "Wenn ihr uns zum Kampf herausfordert, werden wir euch mit einem Schlag zerbrechen".

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    Eine Schockwelle sei ausgeblieben: Viele Wissenschafter bezweifeln, dass das südkoreanische Patrouillenboot durch einen Torpedo versenkt wurde.
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    Hillary Clinton besichtigt die demilitarisierte Zone, ein nordkoreanischer Soldat blickt skeptisch.

  • Der Bericht der internationalen Ermittlergruppe

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