Journalist von mindestens 15 Kugeln getroffen

20. Juli 2010, 12:38
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Giolias stand offenbar kurz vor Enthüllungen zum Thema Korruption - Polizei vermutet "Revolutionären-Sekte" hinter dem Mord

Athen - Der bekannte griechische Journalist und Blogger Sokrates Giolias, der am Montag von mutmaßlichen linksextremistischen Terroristen erschossen wurde, sei vor seinem Haus in einem Athener Vorort von mindestens 15 Kugeln getroffen worden. Das teilte die Polizei mit. Am Tatort seien 9-Millimeter-Patronenhülsen aus zwei Waffen gefunden worden, die die griechische Terrorgruppe "Sekte der Revolutionäre" bereits bei zwei früheren Anschlägen verwendet habe.

Der 37-jährige Giolias leitete den privaten Radiosender Thema FM und schrieb Beiträge für den beliebten Nachrichten-Blog "Troktiko", in dem oft Skandale aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Thema waren. Giolias stand offenbar kurz davor, Ergebnisse seiner Recherchen zum Thema Korruption zu veröffentlichen. Journalisten und Politiker verurteilten die Tat.

"Jemand wollte einen sehr guten Journalisten zum Schweigen bringen, der vielen mit seinen Artikeln auf die Zehen getreten ist," sagte Panos Sompolos, der Vorsitzende der Vereinigung der Athener Tageszeitungen (ESIEA) gegenüber der BBC. "Demokratie und Meinungsfreiheit können nicht geknebelt, terrorisiert oder eingeschüchtert werden", sagte ein Regierungssprecher.

ESIEA verurteilte auf ihrer Website die "abscheuliche" Tat und forderte restlose Aufklärung des Verbrechens. "Wir verteidigen die Pressefreiheit und die journalistische Arbeit frei von jeglichem Druck und Drohungen und gegen die Mafia und kriminelle Praktiken", heißt es dort. Der Beauftragte für Pressefreiheit der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), Dunja Mijatovic, verurteilte in einer Aussendung am Montag den Mord und forderte von den griechischen Behörden ebenfalls eine rasche Aufklärung.

Aus dem beruflichen Lebenslauf Giolias, der auf der Website der ESIEA veröffentlicht wurde, geht hervor, dass Giolias 1973 in Deutschland geboren wurde und seine journalistische Karriere 1993 als freier Mitarbeiter beim Fernsehsender "Alpha" begann. Danach arbeitete er für verschiedene Medien, darunter dem Fernsehsender "Alter" als Redakteur der Sendungen "Yellow Press" und "Jungle". Daneben war er Redakteur für verschiedene Sportzeitungen. Seit 2009 leitete er schließlich den Radiosender Thema FM.

Täter lockten Opfer mit fingierter Nachricht aus dem Haus

Die Täter hatten ihrem Opfer per Gegensprechanlage mitgeteilt, sein Auto werde gerade gestohlen. Als er aus dem Wohnhaus ging, wurde er nach Augenzeugenaussagen von mindestens drei Männern, die Uniformen eines Sicherheitsunternehmens oder der Kommunalpolizei trugen, mit mehr als zehn Schüssen erschossen. Die Täter flohen mit einem Auto, das wenig später verbrannt aufgefunden wurde.

Yiannis Marakakis, der Anwalt Giolias, sagte dem griechischen Sender "Antenna TV", dass er am Tag der Hinrichtung einen Besuch seines Mandanten erwartet habe. Giolias schien trotz vorangegangener Bedrohungen nicht um seine Sicherheit besorgt gewesen zu sein, sagte sein Anwalt. Marakakis sei auch nicht bekannt gewesen, ob der Journalist gerade an einer besonderen Enthüllungsgeschichte gearbeitet hätte.

Sekte der Revolutionäre erstmals 2008 in Erscheinung getreten

Die Sekte der Revolutionäre war im Dezember 2008 im Zuge landesweiter Unruhen erstmals aufgetaucht. Diese hatten sich am Tod eines Jugendlichen entzündet, den die Polizei erschossen hatte. Die Sekte der Revolutionäre kündigte anschließend Anschläge auf Polizei und Medien an.

Die Terrorgruppe wirft Journalisten vor, mit ihren Nachrichten sicherzustellen, dass die Öffentlichkeit obrigkeitshörig bleibt. Nach einem Angriff auf einen Fernsehsender drohte die Gruppe den Medienschaffenden ausdrücklich: "Journalisten, dieses Mal kamen wir an eure Tür, aber beim nächsten Mal werden wir in eure Häuser kommen." Ein Bekennerschreiben der Gruppe zum Mord an Giolas liegt nicht vor.

Erst kürzlich hatte sich die Sekte der Revolutionäre zu der Ermordung eines Anti-Terror-Polizisten vor einem Jahr bekannt. Ballistiker kamen zu dem Ergebnis, dass der Journalist Giolias mit den beiden damals verwendeten Waffen erschossen wurde. Eine der Pistolen soll zudem bei einem Anschlag auf eine Polizeiwache im Februar 2009 sowie bei einem Attentat auf einen Fernsehsender im gleichen Monat verwendet worden sein. Bei den beiden Aktionen wurde niemand verletzt. (red/APA)

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    Der ermordete Journalist Sokrates Giolias auf einem undatierten Foto.

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    Polizisten und Forensiker untersuchen den Tatort.

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    Ausgebranntes Fluchtfahrzeug der Täter.

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