Warum leise sein, wenn es auch laut geht

19. Juli 2010, 16:54
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Abwechslungsreiches Programm bei den 31. Nickelsdorfer "Konfrontationen"

Nickelsdorf - Der Zorn auf diese Welt, er ist geblieben. Warum also leise sein, wenn es immer noch laut geht? Und warum sich mit so etwas wie Spannungsaufbau aufhalten, wenn man doch gleich mit dem Höhepunkt beginnen kann? Saxofonist Peter Brötzmann pflegt auch mit 69 Lebensjahren keine Gefangenen zu machen.

Ansatzlos stürzte sonntags in der Nickelsdorfer Jazzgalerie die infernalische Noise-Woge über das Publikum herein, ohrenbetäubend, hart, kompromisslos. 20 Minuten Dezibel-Gewitter en bloc, gegen das jedes Vuvuzela-Stadion als Kindergarten erscheinen muss. So viel Dampf musste erst einmal abgelassen werden! Erst dann erlaubten sich Brötzmann und seine Mitstreiter - Trompeten-Elektroniker Toshinori Kondo und der ungestüm pulsierende Drum&Bass-Motor Paal Nilssen-Love / Massimo Pupillo -, den Fuß ein wenig vom Vollgas zu nehmen und die Hermetik des verstörenden High-Energy-Kollektivs durch - immer noch rastlos brodelnde - Soli aufzubrechen. Um erst am Ende, nach einer knappen, klug strukturierten Stunde, die Musik in seelenvollen, entspannt mäandernden Tenorsaxofon-Linien ausklingen zu lassen.

42 Jahre nach seinem epochalen Platten-Opus Machine Gun ist Peter Brötzmann immer noch für einen Höhepunkt gut: Im Rahmen der 31. Nickelsdorfer "Konfrontationen" fand er am Wochenende ein dankbares und zahlreich herbeigeströmte Publikum, das der drückenden Hitze ebenso trotzte wie der am Samstag drohend nahenden Gewitterfront. Einer der Gründe: Hausherr Hans Falb tüftelte das Programm diesmal gemeinsam mit Mats Gustafsson aus, dem schwedischen Szene-Protagonisten. Und fand so zu einer offensichtlich publikumswirksamen Mischung aus Geschätztem und Entdeckenswertem.

Während die Gründergeneration des Avantgarde-Jazz auch durch den Chicagoer Saxofonisten Roscoe Mitchell und seinen britischen Kollegen Evan Parker vertreten war (deren transatlantischer Dialog leider inspirations- und kraftlos blieb, da es niemand wagte, das Heft in die Hand zu nehmen), so tauchte am anderen Ende des Programmspektrums ein schwedisches Duo namens Wildbirds & Peacedrums auf.

Über elementaren Krautrock-Folk-Trommeleien gellte hier die immer wieder soulige Expressivität andeutende Stimme von Mariam Wallentin - ein willkommener Kontrapunkt im Zeichen des Songs!

Während Christof Kurzmann eine abgeschlankte Version des El Infierno Musical-Projekts vorstellte und auch hier seine brüchigen, ungeschulten Vokalisen stimmig mit den saxofonistischen Energien Ken Vandermarks und der filigranen Trommelkunst Martin Brandlmayrs zusammenführte, war Mats Gustafsson selbst u. a. im Quintett Swedish Azz zu vernehmen: Schwedisches Jazzrepertoire der 1950er-Jahre wurde hier auf trashige Weise interpretiert. Mit Turntablist Dieb 13 als intervenierendem Joker, der die Musik mittels Originalplatten und Elektronik spiegelte, konterkarierte, dekonstruierte. Ein Projekt, das noch mancher Feinjustierung bedarf, das aber Potenzial hat. Und das in der Weise, wie es die Vergangenheit ins Hier und Heute transponierte, prototypisch für den gelungenen "Konfrontationen" -Jahrgang 2010 stand. (Andreas Felber, DER STANDARD/Printausgabe, 20.07.2010)

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