Wenn in der Bibliothek die Lichter ausgehen

15. Juli 2010, 19:04
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Alle Städte leiden unter der Krise. Newark an der US-Ostküste hat es aber besonders hart erwischt - ein Lokalaugenschein.

Draußen überm Portal liest ein Lehrer mit altväterlich-pädagogisch erhobener Hand seinen im Halbkreis hockenden Schülern vor. Die Bronzefiguren stammen aus der Zeit, als Newark geniale Erfinder wie Thomas Edison anzog und mit seinen Leder-, Hut- und Walzblechfabriken zu einem industriellen Mekka der Neuen Welt avancierte. Drinnen quirlen zwei Ventilatoren die stickige Luft zwischen den Marmorsäulen. Die Klimaanlage, eigentlich nicht wegzudenken aus schwülheißen Ostküstensommern, läuft nur im Lesesaal mit den Kinderbüchern. Die Bibliothek muss Strom sparen.

Eigentlich ist sie viel mehr als eine Bibliothek, die Public Library an der Washington Street. Servicedrehscheibe wäre treffender. Man kann sich finanziell beraten lassen, am Computer nach Jobangeboten suchen und lernen, wie man eine Bewerbung schreibt. Keine andere Institution der krisengebeutelten Stadt steht so hoch im Kurs wie die Bibliothek, die vierfache Mutter Wilhelmina Holder nennt sie "den einzigen Rettungsring, den wir haben". Umso bitterer ist, was die Direktorin Wilma J. Grey zu verkünden hat.

Sparen auf Kosten der Bildung

Ab August bleibt das Haus montags und dienstags geschlossen, zusätzlich zum Samstag, der schon vorher geopfert wurde. Sparen auf Kosten der Bildung, für Wilma Grey ist es ein klassisches Eigentor, kurzsichtig und unüberlegt. Aber was soll sie machen? Privatleute wie die "Friends of the Newark Public Library" können höchstens ein Zehntel der benötigten Mittel beisteuern; auch Spender sind klamm in Krisenzeiten. Im Vergleich zu 2008 muss die Bibliothek mit 45 Prozent weniger Geld auskommen.

Newark kürzt bei seiner Bibliothek, Arizona spart an Heimen für Obdachlose, Florida erhöht die Gebühren staatlicher Universitäten, Illinois schreibt Schuldscheine aus, statt Rechnungen zu bezahlen. Während die Regierung in Washington um die Konjunktur fürchtet und noch auf Kürzungen verzichtet, haben die US-Bundesstaaten und Gemeinden längst mit rigorosen Kürzungen begonnen.

Die 50 Staaten müssen jedes Jahr einen ausgeglichenen Etat vorlegen. Zumindest theoretisch. Doch fast überall sinken die Steuereinnahmen. Schuld sind die hohe Arbeitslosigkeit und vielerorts fallende Immobilienpreise. Bei den Grundsteuern, lokal eine der wichtigsten Einnahmequellen, lässt sich angesichts der Flaute nichts mehr draufsatteln, und wenn, dann nur gegen wütende Proteste. Weil dennoch gewaltige Budgetlöcher in den Etats der Staaten klaffen wird allerorts gespart.

"Es macht mir Angst", sagt Clement Price, Stadthistoriker von Newark. In der Geschichte Newarks habe es nur einmal ein ähnlich tristes Kapitel gegeben: die Große Depression der 1930er-Jahre. Cory Booker, der Bürgermeister, versucht gar nicht erst, das Dilemma zu beschönigen. Alles liege auf dem Tisch, betont er, nichts sei tabu, weder Lohnkürzungen noch Abstriche bei den Pensionen. Booker steht vor der Quadratur des Kreises. Er muss die kommunalen Ausgaben binnen zwölf Monaten um knapp 200 Millionen Dollar kürzen, so groß ist das Loch, das in seinem 779-Millionen-Haushalt klafft.

Gras bleibt ungemäht

Bis zu zweitausend Angestellte will er entlassen, darunter auch Polizisten und Feuerwehrleute, die bisher von allen Sparrunden ausgenommen waren. Beschäftigte der City Hall müssen monatlich zwei Tage unbezahlten Urlaub nehmen. In den Parks im Zentrum wird das Gras noch gemäht, in den Parks am Stadtrand schon lange nicht mehr.

Für den Bürgermeister, einen Afroamerikaner der Generation Barack Obamas, ist es ein bitterer Rückschlag. Es sollte endlich aufwärts gehen mit Newark, das 1967 nach blutigen Rassenunruhen die Talfahrt angetreten hatte. Noch im Wahljahr 2008 wurde Booker als der Obama der Ostküste gefeiert, als Reformer mit kühnen Ideen und dem nötigen Pragmatismus. Seine Stadt, literarisch von ihrem berühmtesten Sohn, Philip Roth, so plastisch beschrieben, sollte wieder an frühere Größe anknüpfen. Und nun muss Booker zusehen, wie er den Mangel verwaltet.

New Jersey, der Staat, zu dem Newark gehört, muss im neuen, am 1. Juli begonnenen Fiskaljahr elf Milliarden Dollar an Ausgaben streichen, über ein Viertel der Gesamtsumme. Trotz wieder steigenden Steuereinnahmen gehen Ökonomen davon aus, das 2011 nicht nur für New Jersey, sondern für alle Staaten zum schwersten Jahr in dieser Krise wird.

Und so konnten die Sparprogramme bisher wenig daran ändern, dass Finanzanalysten Gemeinden in Kalifornien, Illinois und New York als mögliche Bankrottkandidaten sehen. Sie könnten anstelle Griechenlands und Spaniens ins Visier der Wall Street geraten, glaubt Robert Parker, ein Analyst der Bank Credit Suisse. "Im zweiten Halbjahr wird sich das Risiko enorm erhöhen." (Frank Herrmann aus Newark, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.7.2010)

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