"Wir" und die WM: Résistance am grünen Rasen

12. Juli 2010, 10:04
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Ein Vorstoß ins österreichische Fußballgedächtnis als Nachbetrachtung zur Weltmeisterschaft: Wir waren nicht qualifiziert, haben aber daran Anteil genommen, als stünde auch für uns viel auf dem Spiel. Nur was?

Jetzt ist sie vorbei, die WM, und hierzulande scheint am Ausgang des Finales vor allem interessant zu sein, dass die Deutschen nicht gewonnen haben. Franzobel ließ neulich in seinem Standard-Gastkommentar offen, ob sein sanftes Deutschen-Bashing bloß ironische Kolportage österreichischer Fußball-Identität oder nicht doch ein bisschen mitgefühlt war. Als Ursache für das nationale Stoßgebet, die Deutschen sollten rausfliegen, gab er an, es sei einem ja sonst als Österreicher nichts vergönnt. Aber ist das wirklich der ganze Grund?

Als das Viertelfinale der südafrikanischen WM tobte, befand ich mich auf einer Konferenz europäischer Lateinamerika-Forscher in Toulouse (wo auch Franzobel einen seiner Witze angesiedelt hat: "Was halten Sie von Toulouse-Lautrec?" "Das sind zwei gute Mannschaften." ). Dort beobachtete ich Überraschendes. So schienen die Franzosen nach dem Absturz ihrer Blauen angenehm gleichgültig gegenüber dem Spektakel. Nachdenkliche Kellner, die während eines Elfmeters nasebohrend vor dem Bildschirm verweilten, wurden von den Gästen nicht zurechtgewiesen.

Als noch aufschlussreicher aber entpuppte sich eine Diskussion über brasilianische Geschichtspolitik, also den öffentlichen Umgang mit dem Erbe der dortigen Militärdiktatur der 60er- und 70er-Jahre. Eine Professorin aus Rio de Janeiro sprach auch von der Bedeutung, die die WM in Mexiko 1970 für das Widerstandsbewusstsein der brasilianischen Gesellschaft hat. Damals wurde trotz Staatsterrors vor allem über die Zusammensetzung des Teams heiß diskutiert. Sollte Pelé - der offenbar nicht mehr gut sah, dann aber dennoch den Titel heimholte - mitspielen oder nicht?

Ins kollektive Gedächtnis des Landes ist zum Beispiel eine Provokation des Nationaltrainers João Saldanha eingegangen, der dem auch im Fußball interventionslustigen Junta-Chef Garrastazu Médici sinngemäß beschied: "Ich mische mich nicht in Ihr Kabinett ein, also lassen Sie die Finger von meinem Team!" Auf Saldanhas Chuzpe kann sich heute jeder Brasilianer positiv beziehen, der das Gewaltregime als Zeit des zivilen Ungehorsams erinnern will.

Fußball-Länderspiele - und internationaler Sport im Allgemeinen - sind wichtig für die Ausbildung nationaler Identitäten, weil sie die kollektive Abgrenzung des "Wir" von den "Anderen" exemplarisch und ohne Waffen ermöglichen. Das ist nichts Neues. Spanend an diesem Beispiel aber ist die Kraft, die diese populärste aller Mannschaftssportarten auch innerhalb bestimmter Erinnerungskulturen entwickeln kann, wenn es an die (Um-)Deutung der eigenen Vergangenheit geht.

Wir österreichischen Lateinamerikanisten im Publikum suchten natürlich gleich nach etwaigen Pendants in der heimischen Sportgeschichte und stießen unweigerlich auf "unsere Helden von Córdoba!" , also auf jenen in Österreich weltbekannten Augenblick der WM in Argentinien 1978: Die Spieler der österreichischen Elf wären zu sehen als Heroen der Résistance, die selbstlos, ohne überhaupt gewinnen zu können, immerhin die verhassten deutschen Brüder aus dem Bewerb warfen.

Man könnte es als verspätete Einlösung der Moskauer Deklaration deuten, als verzögerten Beitrag Österreichs zur Selbstbefreiung von der deutschen Herrschaft, die die Alliierten 1943 in Moskau gefordert hatten. Nur kurz nach Kriegsende waren die österreichischen Widerstandsaktivitäten von Staats wegen betont worden, bald aber trat im innenpolitischen Diskurs die reibungslose Reintegration der eigenen Ex-Nazis in den Vordergrund. Und dann herrschte, anders als etwa in Frankreich der Résistance-, in Österreich der Opfer-Mythos.

Hatte die Regierung Schuschnigg 1938 beim Einmarsch der deutschen Wehrmacht auf militärischen Widerstand verzichtet, so wurde 40 Jahre später in Córdoba zurückgeschossen. Natürlich war und ist den meisten Österreichern nicht bewusst, dass Argentinien 1978 ebenfalls von einer Militärjunta regiert und terrorisiert wurde. Die damaligen niederländischen Vizemeister, die im Vorfeld an einen Boykott des Cups gedacht hatten, verweigerten dann immerhin die Annahme des Pokals aus der Hand des Blutgenerals Videla und blieben dem Bankett nach dem Finale fern.

Heute ist dieses Match natürlich überall vergessen außer in Österreich, wo es wie ein verkannter Höhepunkt der internationalen Sportbeziehungen des 20. Jahrhunderts immer noch nachglüht. Dieser Umstand ist bisher als Ausdruck des hiesigen Nationalstolzes interpretiert worden und als Symptom des friktionsreichen Verhältnisses zu den deutschen Nachbarn. Doch das auch bei dieser WM wieder deutliche österreichische Publikumsverhalten - wenn man mangels Qualifikation schon nicht zu den Eigenen halten kann, dann sollte man jedenfalls ganz klar gegen die Deutschen sein - wirft vielleicht eine andere Frage auf: Ist Córdoba der Ankerpunkt eines verqueren österreichischen Widerstandsgedächtnisses? (Berthold Molden, DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 12. Juli 2010)

Berthold Molden ist Historiker und lehrt an der Universität Wien.

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