Zusammen, was zusammengehört

9. Juli 2010, 09:38
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Das schwedische Pajala und das finnische Kolari wollen miteinander verschmelzen

Die beiden Grenzorte in Lappland, Pajala in Schweden und Kolari auf der finnischen Seite, haben sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Sie wollen bis zum Jahr 2020 zur ersten grenzüberschreitenden Gemeinde der Europäischen Union werden. Die Kleinstädte sollen durch eine gemeinsame Verwaltungsstruktur zusammenwachsen.

Pajala ist dank Mikael Niemis Literaturbestseller Populärmusik aus Vittula und als Heimat von Langlauf-Olympiasiegerin Charlotte Kalla auf der europäischen Landkarte kein ganz weißer Fleck mehr. Bengt Niska, der örtliche Bürgermeister, betrachtet die Grenze zu Finnland trotz ihres 200-jährigen Bestehens als künstlich und unnatürlich: "Durch alle Zeiten haben wir hier gelebt, mit einer gemeinsamen Sprache, dem Tornetal-Finnisch, einer gemeinsamen Kultur und Verwandtschaftsbande kreuz und quer über den Fluss."

Jenseits des Muonio-Flusses liegt die Ortschaft Kolari. Sie ist Schülern in Finnland nicht nur wegen des eigenartigen Namens ein Begriff - Kolari heißt auf Finnisch so viel wie Verkehrsunfall -, sondern auch, weil es der nördlichste Bahnhof des Landes ist.

Um Handel, Tourismus und Infrastruktur zu verbessern, kooperieren die schwedisch-finnischen Zwillingsstädte Haparanda und Tornio schon seit Jahrzehnten. Sie sind Vorbild für Pajala und Kolari. In den 1960er-Jahren legte man die Benützung der einzigen Schwimmhalle zusammen. Danach folgten gemeinsame Kanalisation, Müllabfuhr, Rettungsdienst, Gesundheitswesen, Schulen und schließlich ein auf einer Flussinsel direkt auf der Grenze errichteter Stadtteil. Für Administration und Vermarktung als Doppelstadt gibt es heute eine eigene, informelle "Zusammenarbeitsregierung" in Form von zweimal im Jahr stattfindenden Treffen der Gemeinderäte.

Pajala und Kolari wollen nun einen Schritt weiter gehen und ihre Gemeinden administrativ völlig verschmelzen. Die geplante Pioniertat könnte allerdings auf "große Probleme juridischer Natur" stoßen, vermutet Petri Tuomi-Nikula vom Außenministerium in Helsinki. Ihm sei bisher kein einziger Fall einer vollständig integrierten, grenzüberschreitenden EU-Gemeinde bekannt. Die Idee der Lappländer hält er ungeachtet der erwarteten Hindernisse jedoch für ein "lustiges und interessantes Unterfangen".

Für diverse Gemeinschaftsprojekte haben Pajala und Kolari schon 400.000 Euro aus EU-Strukturfonds bewilligt bekommen, weitere 1,8 Millionen Euro sollen folgen. Das Motiv für die geplante Gemeindeverschmelzung dürfte allerdings im Untergrund liegen: Seit einigen Jahren hat das kanadische Bergbau-Unternehmen Northland auf beiden Seiten der Grenze Untersuchungen von derzeit stillgelegten Eisenerzgruben durchgeführt - mit vielversprechenden Ergebnissen. Northland rechnet damit, schon in zwei Jahren wieder mit dem Abbau von Eisen und anderen Metallen beginnen zu können.

Pajalas Bürgermeister Niska und sein Kollege aus Kolari, Heikki Havanka, hoffen auf reichlichen Zuzug von Bergarbeitern und deren Familien in die seit einem Jahrhundert von Abwanderung geplagte Gegend. Insgesamt wird mit rund 4000 neuen Arbeitsplätzen gerechnet, wenn der Bergbau in Schwung kommt. Derzeit haben die beiden Orte zusammen rund 10.500 Einwohner.

Um das gewonnene Erz dorthin bringen zu können, hat die finnische Staatsbahn den geplanten Abriss der Geleise zu den stillgelegten Erzgruben Rautuvaara und Äkäsjokisuu gestoppt.

Ende März dieses Jahres gab die schwedische Bahnbehörde grünes Licht für die Verlängerung des westlichen Zweigs der Stichbahn zu den in Schweden liegenden Abbaugebieten. Damit erhält die erhoffte EU-Mustergemeinde wohl ein weiteres Kuriosum: Es wird die einzige in einem westlichen EU-Land gelegene Bahnstrecke, die die russische Breitspur-Schienenbreite verwendet. (Andreas Stangl aus Stockholm/DER STANDARD/Printausgabe/06.07.2010)

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    Das traditionelle Mittsommerfest Mitte Juni, bei dem um eine Art Maibaum in Ringelreihen getanzt wird, hat sowohl in Finnland als auch in Schweden Tradition.

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