"Wie reden Sie mit Ihrem zukünftigen Chef?"

7. Juli 2010, 11:54
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Ruppe Koselleck hat eine kühne Idee: Der Künstler plant die feindliche Übernahme von BP. Mit Ölklumpen des Energieriesen malt er Bilder, mit dem Erlös kauft er Aktien

Die Ölklumpen des Energieriesen BP, die an den Stränden angespült werden, sind Kapital für Ruppe Koselleck. Der Maler aus Münster sammelt seit Jahren hartnäckig die schwarzen Patzen auf und malt damit Rohöl-Bilder. Mit dem Erlös erhält er seine Familie und kauft BP-Aktien. Sein hehres Ziel: Die feindliche Übernahme von BP.

derStandard.at: Sie arbeiten an der feindlichen Übernahme von BP. Wie kommt man auf diese Idee?

Ruppe Koselleck: Ganz schnöde: Bei einem Badeurlaub bekam meine Tochter Ölschlieren an den Füßen. Ich kratzte sie ihr mit dem Taschenmesser weg und hatte dieses Déjà-vu-Erlebnis: Hatte das nicht schon mein Vater bei mir getan? Wie lange gibt es eigentlich schon Ölpatzen an den Stränden? Damit könnte man doch auch malen. Der Stoff fühlte sich durch die Wärme weich und elastisch an. Bis zum Abend hatten wir einen Eimer voll mit Ölklumpen eingesammelt.

Kurze Zeit später fiel mir eine Broschüre von BP in die Hände: Hochglanz, grünes sauberes sonnengleiches Logo, Abendstimmung im Regenwald – sind die Greepeace, oder was? Bei einem so dreisten Auftreten eines Mineralölkonzerns spürte ich Empörung...

derStandard.at: ... und Handlungsbedarf?

Koselleck: Ja. Seit 2001 verwende ich angespültes Öl und kleckse es aufs Papier. Der Preis meiner Bilder richtet sich nach dem aktuellen Aktienkurs von BP – pro verwendete Ölsorte verrechne ich zwei Aktien. Der Erlös geht fifty-fifty in neue Aktien und den Erhalt meiner Familie. Je nach Ölsorte tragen die Bilder Namen wie Belfast – davon habe ich besonders schöne Klumpen. Sehr gefragt ist Peloponnes in Griechenland.

derStandard.at: Wie viele Aktien besitzen Sie zurzeit?

Koselleck: Etwa 1.045. Fehlen also noch neun Milliarden, 700.000 Millionen und ein paar Zerquetschte.

derStandard.at: BP ist derzeit auf der Suche nach einem strategischen Partner. Interesse?

Koselleck: Das kommt nicht in Frage. Mein Ziel ist eindeutig, BP nicht zu erhalten, sondern den Konzern zu zerschlagen und die Unternehmensteile dem US-Bundesstaat zum Kauf anzubieten. Mir ist klar, dass das eine Utopie ist, denn heutzutage ist es in den Staaten unmöglich, staatliche Ölförderung zu etablieren.

derStandard.at: BP würde also ein Mineralölkonzern bleiben?

Koselleck: Natürlich. Nur, noch einmal: Öl gehört genauso wenig wie Wasser oder Straßenverkehr in private Hand. Eine Aktiengesellschaft strebt nach Gewinnmaximierung, was bei Öl viel zu gefährlich ist. Gerade am aktuellen Beispiel sieht man, dass BP zugunsten der Aktionäre ein unnötiges Risiko eingegangen ist. Man unterließ es, Sicherheitspuffer bei Deepwater Horizon (havarierte BP-Bohrinsel im Golf von Mexiko, Anm.) einzubauen, was im Vergleich zu den jetzigen Kosten ein finanzieller Klacks gewesen wäre.

derStandard.at: Haben Sie keine Zweifel, dass BP ein zu übermächtiger "Kriegsgegner" ist?

Koselleck: Doch. Ich bin Künstler – kein Politiker. Wenn man durch Kunst einen Weltkonzern übernehmen will, ergibt das schon ein sehr romantisches Bild – den Anstrich des Vergeblichen. Andererseits ist es klasse, zu erkennen, mit Müll einen Giganten zu schlucken, mit seinen eigenen Waffen eben. Das kommt auch in der Bevölkerung an.

derStandard.at: Und bei BP?

Koselleck: Die schicken mir schon ab und zu Controlling Teams oder tauchen bei meinen Ausstellungen auf und schauen sich an, was ich so treibe. Die Presseleute dürften genaue Instruktionen haben, was mich betrifft. Als ich beispielsweise bei Wikipedia zu BP den Link meiner Homepage http://www.take-over-bp.com hinzufügte, war der innerhalb kürzester Zeit auch schon wieder entfernt. Ein anderes Mal montierte ich in Bochum vor der BP-Zentrale eine Ölkanne an den Zaun. Die Mitarbeiter versuchten, mich zu verjagen.

derStandard.at: Mit Erfolg?

Koselleck: Nun ja, es hat eineinhalb Stunden gedauert, bis die Polizei kam. Es war Winter, ziemlich kalt. "Wie reden Sie denn mit Ihrem zukünftigen Chef?", habe ich die BP-Leute gefragt. Die zeigten sich uninformiert.

derStandard.at: Sind Sie schon bei BP-Chef Tony Hayward vorstellig geworden?

Koselleck: Um Gottes Willen! Diesen Namen will ich nicht einmal aussprechen. Sollte er aber seinen Platz einmal räumen, werde ich für den Posten kandidieren. Einige Mitarbeiter haben mir schon zugesagt, mir in diesem Fall ihre Stimmrechte zu überschreiben. BP investiert bereits seit Jahren in Kunst und sucht Leute wie mich, um sein Image aufzupolieren. Wenn man mir den Gesamt-Konzern überschreibt, wäre ich bereit, mich auf entsprechende Verhandlungen einzulassen.

derStandard.at: Was steht als nächstes an?

Koselleck: Anfang August fliege ich in die USA, zunächst nach Texas und New Orleans. Im Mississippi-Delta werden wir nach Öl suchen. Wir werden natürlich auch versuchen, Kontakte zu knüpfen. Michael Moore wäre eine Idee, weil er sehr populistisch arbeitet. Das bin ich allerdings überhaupt nicht. Daher kommen auch andere Leute in Frage. Ich selbst habe auf der Reise einen Kameramann mit.

derStandard.at: Das heißt, Sie suchen jetzt bewusst die Öffentlichkeit?

Koselleck: Mit dem 20. April, dem Tag der Explosion der Deepwater Horizon, hat sich meine Arbeit verändert. Sie ist politischer geworden.

derStandard.at: Was, wenn BP vor Ihrer geplanten Übernahme kollabiert?

Koselleck: Kein Problem. Dann nehme ich Shell. (Sigrid Schamall, derStandard.at, 7.7.2010)

Zur Person

Ruppe Koselleck, geb. 1967, ist Rohölmaler, Konzeptkünstler, Texter und Gründer des Der Meisterschüler und Kurator des Berliner Kunstvereins.

Links

Homepage Ruppe Koselleck

Take over BP

Ebay: Petrodollar, Feindliche Übernahme von BP

  • Ruppe Koselleck versucht seit neun Jahren, BP über den vom Ölmulti verursachten Müll zu schlucken.
    foto: privat

    Ruppe Koselleck versucht seit neun Jahren, BP über den vom Ölmulti verursachten Müll zu schlucken.

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