"Bröckelnde Firewall" bedroht Flüchtlinge

2. Juli 2010, 19:40
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Warum sich Österreich so schwertut, die Rolle als Einwanderungsland zu akzeptieren, fragte eine Expertenrunde im Standard-Gespräch "Die Angst vor dem Fremden"

Wien - Zwei Millionen Menschen seien seit 1960 nach Österreich zugewandert, um zu bleiben oder irgendwann einmal wieder zu gehen. Eine beachtliche Anzahl, wie Heinz Fassmann, Obmann der Kommission für Integrations- und Migrationsforschung, beim Standard-Gespräch "Die Angst vor dem Fremden" am Donnerstagabend betonte. "Trotz dieser langen Geschichte tun wir uns aber schwer, das als Normalität zu akzeptieren." Fassmann kritisierte, Österreich habe als Einwanderungsland mit Geschichte "keine Erinnerungskultur".

Die Gründe für dieses Sich-Schwertun sieht Migrationsforscher Rainer Bauböck unter anderem im Wohlfahrtsstaat. Die Bevölkerung achte genau darauf, wer partizipieren dürfe. Die Einbürgerung lang hier lebender, unbescholtener Migranten würde immer noch zu sehr vom guten Willen der Behörden abhängen. Deshalb schließe man eine große Zahl der Bevölkerung von der Demokratie aus.

Beim Thema Flüchtlinge sieht Bauböck eine "bröckelnde Firewall". Es sei bedenklich, wenn Institutionen wie Schule oder Spital der verlängerte Arm der Fremdenpolizei werden. Er reagierte damit auf Schilderungen von Karin Klaric vom Verein Purple Sheep, Rechtsberaterin von Asylwerbern. Eine tschetschenische Mutter mit Kind sei trotz Bestätigung des Vereins, die Arztkosten zu übernehmen, abgewiesen worden. "Diese Betroffenen werden nicht einmal zum Arzt vorgelassen." Die Botschaft von Portieren oder Krankenschwestern: "Wir wollen sie hier nicht."

Klaric meinte, die Probleme bei Behördengängen von Asylwerbern hätten sich verschärft. Ohne die oft ausgeschlossenen Rechtsberater würden die Betroffenen mitunter nicht wissen, wie Formulare auszufüllen seien. Probleme mit Behörden sind kein Österreich-Spezifikum, wie die Linguistin Ruth Wodak betonte. Die Koveranstalterin des Symposions "Migrations", in dessen Rahmen die Diskussion stattfand, erzählte von "Verhören" in Belgien. Flüchtlinge aus dem Kongo seien falsch übersetzt worden. Wodak plädierte für einen sorgsameren Umgang mit Sprache in den Medien. Man müsse als Attribut von "Einbrecherbanden" nicht notwendigerweise die Herkunft dazu schreiben. Man schreibe auch nicht "der steirische XY".

"Wurm" im Schulsystem

Die Bildungspsychologin Christiane Spiel kritisierte vor allem das Schulwesen. Trotz 50-prozentigem "Migrantenanteil" in den öffentlichen Schulen in Wien, würden die meisten Kinder nicht einmal wissen, mit welchen Kulturen sie es da zu tun haben. Österreichs Migranten seien laut PISA-Studie auch in zweiter Generation im Durchschnitt schlecht in der Schule. Spiel: "Im Schulsystem sind mehrere Würmer drinnen." (Peter Illetschko/DER STANDARD, Printausgabe, 3. Juli 2010)

  • Die Expertenrunde: Heinz Fassmann, Karin Klaric, Standard-Redakteurin Irene Brickner, Ruth Wodak, Christiane Spiel und Rainer Bauböck. (v. li.). Foto: Hendrich
    foto: der standard/regine hendrich

    Die Expertenrunde: Heinz Fassmann, Karin Klaric, Standard-Redakteurin Irene Brickner, Ruth Wodak, Christiane Spiel und Rainer Bauböck. (v. li.). Foto: Hendrich

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