Der Identitätsstifter wird zum Spalter

6. Juli 2010, 07:21
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Antikes Bauprojekt spaltet Mazedonien und verärgert Griechenland - Verfassungsgericht erklärt "Skopje 2014" nun für illegal

Ende vergangener Woche hämmerten und bohrten sie jedenfalls noch. Zwei Bauarbeiter am "Macedonia Square", dem Hauptplatz von Skopje, halten mit ihren Presslufthämmern nur kurz inne, als eine Schubkarre droht, in ein Bauloch zu entgleiten. Schnell ist sie wieder aufgerichtet und weiter geht es mit Bohren und Hämmern. Die beiden jungen Männer werkeln rund um ein Bauwerk von nationalem Interesse: Einer 22 Meter hohen Statue zu Ehren von Alexander dem Großen, von der bisher zwar nur die Fundamente sichtbar sind, die aber nach Fertigstellung den Platz dominieren soll. Sie ist das i-Tüpfelchen auf einem umstrittenen Großprojekt namens "Skopje 2014", das die mazedonische Hauptstadt derzeit in eine große Baustelle verwandelt.

Doch seit Mitte vergangener Woche steht das Projekt auf der Kippe. Der Verfassungsgerichtshof des Landes befand am Mittwochabend, dass Planungs- und Vergabeverfahren für viele der neuen Bauten illegal abgelaufen sind und die Arbeiten an ihnen gestoppt werden müssen. Darunter befindet sich neben der Alexander-Statue und dem neuen Außenministerium auch ein Bauwerk auf der anderen Seite des Vardar-Flusses. In dem noch im Rohbau befindliche Gebäude mit repräsentativen Säulen im antiken Stil vor schnödem Stahlbeton sollen nach Fertigstellung das mazedonische Staatsarchiv, das archälogische Museum und ironischerweise auch das Verfassungsgericht untergebracht werden.

Entweder abreißen oder neu ausschreiben

In seinem Spruch begründete das Gericht seine Entscheidung damit, dass die Stadt Skopje - die formal als Bauträgerin fungiert, obgleich die Rechungen für die meisten Projekte vom Staat bezahlt werden dürften - die Vergabeverfahren abgekürzt und damit gegen geltendes Baurecht verstoßen hat. Damit habe die Stadt nun zwei Optionen: Entweder die illegal errichteten und begonnenen Statuen und Gebäude wieder abzureißen oder die Planungsverfahren dafür noch einmal neu auszuschrieben. "Es liegt ein Formfehler im Verfahren vor, welches unglücklicherweise stark politisch aufgeladen ist", sagte Verfassungsrichter Trendafil Ivanovski nach dem Urteilsspruch - und untertrieb damit eher noch.

Denn das Projekt ist nicht nur innerhalb des Landes umstritten, sondern hat auch dazu beigetragen, dass der seit fast 20 Jahren schwelende Namensstreit zwischen dem seit der Aufnahme in die UNO 1993 offiziell Frühere Jugoslawische Republik Mazedonien (F.Y.R.O.M.) heißenden Landes mit Griechenland wieder an Schärfe zugenommen hat. Für Griechenland ist der Name "Republik Mazedonien" nicht zu akzeptieren. Es fürchtet Gebietsansprüche Mazedoniens an die gleichnamige angrenzende griechische Region. Der Streit verhindert seit Jahren die Aufnahme von Beitrittsgesprächen mit der EU - obwohl Mazedonien bereits seit 2005 offizieller Beitrittskandidat ist. Zuletzt verhinderte Griechenland 2008 beim NATO-Gipfel in Bukarest mit seinem Veto die Aufnahme des Landes in das Militärbündnis.

Politik der Heroisierung der Antike

Zum Streit um den Namen kommt nun auch noch ein Streit um nationale Identität und Symbole. Für die seit 2006 regierende nationalistische Partei VMRO-DPMNE - die Abkürzung für das Namensungetüm "Innere Mazedonische Revolutionäre Organisation - Demokratische Partei für Mazedonische Nationale Einheit" - unter Premierminister Nikola Gruevski ist "Skopje 2014" Hauptbestandteil einer Politik, die sich auf die die historischen Wurzeln Mazedoniens besinnen soll. Die liegen in ihren Augen vor allem in der Antike und der Heroisierung von Alexander dem Großen - der widerum auch für Griechenland identitätsstiftend ist. 

Und das schafft Probleme, sagt der erste Außenminister Mazedoniens, Denko Malevski, der nach seinem Rückzug aus der Politik nun an der Universität Skopje Internationales Recht lehrt. "Dieses Projekt ist grundfalsch, denn es konfrontiert zwei Nationalitäten miteinander", sagt er im Gespräch mit derStandard.at. "In der Vergangenheit und auch als wir noch zu Jugoslawien gehörten, hat die mazedonische Regierung immer nationalistische Konflikte vermieden, indem sie Gespräche geführt und Kompromisse geschlossen hat", sagt er und verweist auf die Unabhängigkeitserklärung Mazedoniens, in deren Verlauf - anders als in anderen damaligen Teilrepubliken Jugoslawiens - kein einziger Schuss fiel. Mit Erschrecken beobachtet er die Politik der Regierung unter Gruevski, die "sich selbst in eine Ecke gemalt hat, und damit das ganze Land", sagt Malevski.

Regierung: "Die Bauarbeiten werden nicht gestoppt"

Für die Regierung gibt es denn auch keinen Weg zurück. "Die Bauarbeiten werden nicht gestoppt", sagte deren Sprecher Martin Martinovski am Freitag vergangener Woche zu derStandard.at knapp und verwies auf anderslautende Gutachten, die die Verfahren als legal eingestuft hätten. Gegenüber der Zeitung "Utrinski Vesnik" sagte Premier Gruevski am gleichen Tag, die Bauarbeiten würden weitergeführt, da die Baugenehmigungen für die 19 vom Gericht in Frage gestellten Bauwerke erteilt seien.

Wie wenig die regierende Partei von den Urteilen des Verfassungsgerichts hält, machte Gruevski schon im Februar deutlich. Das Gericht setzte damals Teile des Lustrationsgesetzes außer Kraft und stellte die Verfassungsmäßigkeit der strafrechtlichen Verfolgung von Informanten des Geheimdienstes nach 1991 sowie religiösen Führern in Frage. Gruevski warf dem Gericht daraufhin vor, unter dem Einfluss der oppositionellen Sozialdemokraten (SDSM) zu stehen.

Opposition: "Spaltung in Patrioten und Verräter"

Für deren Vizechef Gordan Georgiev ist das politische Projekt von "Skopje 2014" ein großer Fehler, da es die Bevölkerung des Landes spalte. "Viele Experten haben plötzlich argumentiert, dass die Mazedonier ein Volk der Antike seien und nicht jugoslawisch oder slawisch", sagt Georgiev im Gespräch mit derStandard.at. Die Konflikte innerhalb der mazedonischen Bevölkerung nähmen zu. "Es heißt dann immer: Ich bin ein Mazedonier der Antike und du bist ein slawischer Mazedonier. Ich bin ein Patriot und du ein Verräter", sagt Georgiev. "Das gab es vorher noch nie. Wir haben im schlechtesten Sinne unsere Position als ethnische Mazedonier im Land selbst geschwächt."

Auch die in Mazedonien lebenden überwiegend muslimischen Albaner - mit einem Anteil von rund 25 Prozent an der Bevölkerung größte Minderheit im Land - fühlen sich von "Skopje 2014" vor den Kopf gestoßen. Sie sehen sich und ihre Geschichte in Mazedonien im Plan nicht in ausreichenden Maße berücksichtigt. Idjet Memeti von der albanischen Partei DUI (Demokratische Union für Integration), die seit der vorgezogenen Wahl 2008 Juniorpartnerin in der Regierungskoalition ist, bezeichnete das Projekt nach dessen Präsentation als "ein politisches Pamphlet, das die ethnische Spaltung vertieft".

Die geplante orthodoxe Kirche am "Macedonia Square" gleich neben der Alexander-Statue warf zudem bei vielen Muslimen die Frage auf, warum solche religiösen Bauten aus dem Staatshaushalt und damit auch von ihnen bezahlt werden sollten, während der Bau und die Renovierung von Moscheen fast ausschließlich privat finanziert wird. In einer Umfrage im März dieses Jahres sprach sich schließlich eine Mehrheit der mazedonischen Bevölkerung gegen "Skopje 2014" aus.

"Wir hatten bisher gar keine richtige Hauptstadt"

Doch das Projekt hat auch Fürsprecher - vor allem unter denjenigen, die davon profitieren. "Ich bin stolz. Es ist wirklich einzigartig, was hier passiert und ich empfinde es als gerechtfertigt", sagte der für einige der Bauten verantwortlich zeichnende Architekt Vangel Bozinovski im Juni in einer Sendung des Deutschlandfunks. "Denn wir hatten architektonisch gesehen bisher überhaupt keine Hauptstadt."

Die von den Römern gegründete Stadt, die lange unter der Herrschaft des Osmanischen Reiches stand, in den Balkankriegen 1912 unter serbische Herrschaft geriet, während des Zweiten Weltkriegs vom deutschen Alliierten Bulgarien besetzt war und danach als Sozialistische Republik Mazedoniens Teil des Vielvölkerstaates Jugoslawien wurde, ist immer wieder teilweise oder ganz zerstört worden.

So im Jahre 1689, als Skopje von dem italienisch-stämmigen General Octavio Piccolomini im Namen der Habsburger niedergebrannt wurde. Daneben waren es aber vor allem schwere Erdbeben, die die Stadt immer wieder heimsuchten, zuletzt im Jahe 1963. Der japanische Architekt Kenzō Tange durfte sich daraufhin in der Stadt austoben und drückte Skopje mit einer sozialutopischen Planstadt, die nie ganz vollendet wurde, seinen Stempel auf. Mit "Skopje 2014" versucht die Regierung nun, die im Laufe der Jahrhunderte verlorenengegangenen Architekturdenkmäler im Schnelldurchlauf - und ziemlich einseitig - zurückzuholen.

Computersimulation zum Projekt "Skopje 2014"

Quelle: Youtube

Das in Teilen bereits vor zwei Jahren begonnene und im Februar dieses Jahres offiziell vorgestellte Bauprojekt umfasst nicht weniger als 17 Statuen und 15 Gebäude und soll das Aussehen der Stadt komplett umkrempeln. Ursprünglich war man in Skopje von Kosten in Höhe von 80 Millionen Euro ausgegangen. Inzwischen werden sie auf rund 200 Millionen Euro geschätzt. Geld, das beim dringend benötigten Ausbau der sozialen und Verkehrsinfrastruktur des Landes fehle, sagen Kritiker.

"Ein Stil in einer Linie mit Ceauşescu und Stalin"

Auch von Seiten der - nicht für das Projekt berücksichtigen - Architekten und Stadtplaner ist die Empörung groß. "Mein Widersacher Bozinovski ist der einzige, der seit Jahren von diesem Schwachsinn profitiert", sagte Miroslav Grcev im Deutschlandfunk. Architekt Grcev war es auch, der nach der Präsentation von "Skopje 2014" im Februar die Klage einbrachte, der nun in weiten Teilen stattgegeben wurde. Die Pläne für das Bauprojekt seien hinter verschlossenen Türen ausgearbeitet worden und was wie gebaut werden soll, habe bereits vor den Auschreibungsverfahren festgestanden, lautet sein Vorwurf.

Den "pseudo-barocken und pseudo-eklektizistischen" Stil des Projekts sieht er zudem in einer Linie mit der Architektursprache von Ceauşescu und Stalin. "Es ist ein Stil, der den armseligen Geschmack von Diktatoren repräsentiert. Es ist Propaganda im schlechtesten Sinne", sagte Grcev in der Radiosendung. Eine Propaganda, die Mazedoniens Weg in die EU noch holpriger macht, als er es ohnehin schon ist.

Ex-Außenminister Malevski ist jedenfalls sicher, dass Mazedoniens Regierung für einen Kompromiss im Namensstreit "rückgängig machen muss, was sie in den vergangenen Jahren getan hat." Und er fragt sich, was dann wohl mit der Statue von Alexander dem Großen passieren wird, sollte sie denn wie geplant im nächsten Jahr und zu Kosten von dann rund 16 Millionen Euro fertiggestellt sein. "Wo sollen wir dann hin mit ihr? Sollen wir sie vielleicht im Mittelmeer versenken?", fragt er und lacht ein müdes Lachen. (Andreas Bachmann, derStandard.at, 5.7.2010)


Dieser Text entstand im Rahmen eines Journalisten-Austauschprogrammes zwischen dem Balkan Investigative Reporting Network (BIRN) und derStandard.at. Mehr dazu auf etat.at.

  • Der "Macedonia Square", wie er einmal aussehen soll. Im Vordergrund das Reiterstandbild von Alexander dem Großen.
 
 
 
 
    screenshot: derstandard.at/bachmann

    Der "Macedonia Square", wie er einmal aussehen soll. Im Vordergrund das Reiterstandbild von Alexander dem Großen.

     

     

     

     

  • Der "Macedonia Square" im Juli 2010. Die Bauarbeiten zum Projekt "Skopje 2014" haben die Stadt in eine große Baustelle verwandelt.
 
 
 
 
    foto: derstandard.at/bachmann

    Der "Macedonia Square" im Juli 2010. Die Bauarbeiten zum Projekt "Skopje 2014" haben die Stadt in eine große Baustelle verwandelt.

     

     

     

     

  • Aschenbecher in einem Souvenirshop im Zentrum Skopjes mit einer Plakette, die Mazedonien in Umrissen zeigt, die Teile Bulgariens und die griechische Halbinsel Chalkidis beinhaltet. Zum Namensstreit mit Griechenland kommt nun auch noch einer um Identität und Symbole.
 
 
 
 
    foto: derstandard.at/bachmann

    Aschenbecher in einem Souvenirshop im Zentrum Skopjes mit einer Plakette, die Mazedonien in Umrissen zeigt, die Teile Bulgariens und die griechische Halbinsel Chalkidis beinhaltet. Zum Namensstreit mit Griechenland kommt nun auch noch einer um Identität und Symbole.

     

     

     

     

  • Der Rohbau des neuen Gebäudes der Verfassungsgerichtshofes von Mazedonien. Am Mittwoch befand das Gericht, dass viele der errichteten oder im Bau befindlichen Statuen und Gebäude illegal sind - darunter auch sein eigener zukünftiger Sitz.
 
 
 
 
    foto: derstandard.at/bachmann

    Der Rohbau des neuen Gebäudes der Verfassungsgerichtshofes von Mazedonien. Am Mittwoch befand das Gericht, dass viele der errichteten oder im Bau befindlichen Statuen und Gebäude illegal sind - darunter auch sein eigener zukünftiger Sitz.

     

     

     

     

  • Denko Malevski, früherer Außenminister Mazedoniens, lehnt "Skopje 2014" ab - vor allem weil es dem Land im Namensstreit mit Griechenland nicht weiterhilft. "Die Regierung hat sich selbst in eine Ecke gemalt und damit das ganze 
Land", sagt er.
 
 
 
 
    foto: derstandard.at/bachmann

    Denko Malevski, früherer Außenminister Mazedoniens, lehnt "Skopje 2014" ab - vor allem weil es dem Land im Namensstreit mit Griechenland nicht weiterhilft. "Die Regierung hat sich selbst in eine Ecke gemalt und damit das ganze Land", sagt er.

     

     

     

     

  • Die Mustapha Pasha-Moschee in der Nähe des alten Marktes wird derzeit renoviert - mit Geld aus der Türkei. "Skopje 2014" sieht den Bau einer orthodoxen Kirche am "Macedonia Square" vor. Für religiöse Bauten der Muslime war kein Platz in dem Mega-Projekt.
    foto: derstandard.at/bachmann

    Die Mustapha Pasha-Moschee in der Nähe des alten Marktes wird derzeit renoviert - mit Geld aus der Türkei. "Skopje 2014" sieht den Bau einer orthodoxen Kirche am "Macedonia Square" vor. Für religiöse Bauten der Muslime war kein Platz in dem Mega-Projekt.

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