Zwei Bankenwelten in Europa

30. Juni 2010, 18:19
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Europas Banken liehen sich im Vorfeld des großen Zahltags mit 132 Milliarden Euro weit weniger als erwartet von der EZB. Doch die Abhängigkeit südeuropäischer Geldinstitute wächst

Frankfurt/Wien - Die einen nabeln sich ab, die anderen hängen immer stärker am Tropf der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Euro-Notenbank teilte den Banken am Mittwoch 132 Milliarden Euro zum Leitzinssatz von einem Prozent zu - die Nachfrage blieb damit unter den Erwartungen. Der Dreimonats-Tender wurde aufmerksam beobachtet, weil am heutigen Donnerstag der große Zahltag ansteht, wenn die Banken 442 Mrd. Euro refundieren müssen. Diese Summe hatte die EZB vor einem Jahr außertourlich in den Finanzsektor gepumpt, um die Kreditvergabe am Leben zu halten.

Doch ein Blick auf die statistischen Details zeigt, dass weniger Banken als vor einem Jahr stärker von der Zentralbank abhängig sind. Vor einem Jahr stellten sich 1121 Institute unter den Frankfurter Geldhahn, gestern waren es nur 171. Das bedeutet, dass sich die durchschnittlich geliehene Summe auf 771 Mio. Euro fast verdoppelt hat. "Wir wissen nun, dass es 171 Banken in der Euro-Zone gibt, die Probleme haben und Geld von der EZB brauchen" , sagte ein Händler der Agentur Reuters. Das Gros der Banken hatte vor einem Jahr offenbar Reserven angelegt, benötigt also keine frischen Mittel, um die heutige Rückzahlung stemmen zu können.

Auch ein Blick auf die regionale Verteilung der Ausleihungen stärkt die These, dass eine geringere Zahl an Banken immer abhängiger von den Notenbank-Geldern wird. So haben sich die Ausleihungen griechischer Banken im laufenden Jahr von 50 auf 90 Milliarden Euro erhöht. Auch der Bedarf spanischer und portugiesischer Institute ist markant gestiegen.

Dennoch zeigten sich die meisten Investoren und Analysten am Mittwoch erleichtert über die EZB-Daten. Europäische Börsen und der Euro zogen nach Bekanntgabe der Tender-Ergebnisse merklich an, allerdings verloren die Aktienmärkte bald ihren Schwung. Die Skepsis bleibt jedenfalls, zumal die EZB den Banken heuer auf jeden Fall so viel Liquidität zur Verfügung stellen will, wie diese benötigen. Erst danach wird sich zeigen, ob sich der Finanzsektor ausreichend über den Geldmarkt refinanzieren kann, oder ob die Notenbank weiter aushelfen müssen. Der Zinssatz für Dreimonatsgeld blieb jedenfalls mit 0,76 Prozent auf relativem hohen Niveau. Der Umstand, dass die Zentralbank dem Markt Geld entzieht, wird die Zinsen nach Einschätzung zahlreicher Analysten weiter nach oben treiben.

Für die weitere Entwicklung werden wohl auch die Stresstests eine Rolle spielen, die in den kommenden Monaten in der EU anstehen. Brüssel will untersuchen, ob die Kapitalausstattung der 100 wichtigsten europäischen Institute einem heftigen Einbruch der Wirtschaft oder einem Crash des Staatsanleihenmarktes standhält. Der Test für die 25 führenden Banken - unter ihnen auch Raiffeisen Zentralbank und Erste Group - soll noch im Juli publik gemacht werden.

Auch der Herbst dürfte heiß werden. Am 30. September laufen insgesamt drei Tender aus. Unter dem Strich müssen die Banken der EZB am letzten Tag des dritten Quartals weitere 225 Milliarden Euro zurückzahlen. (as, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.7.2010)

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