Undercover in den Vororten der Macht

29. Juni 2010, 18:56
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Das FBI verhaftete elf mutmaßliche russische Spione - Diese sollen teils seit Jahrzehnten in den USA gelebt haben

Ihr Ziel sei es gewesen, aus dem suburbanen Idyll heraus Zugang zu den politischen Eliten zu finden.

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Cynthia und Richard wollten echt wirken, wie eine typische amerikanische Familie aus Suburbia, der Welt der braven, monotonen Vororte mit ihren ovalen Briefkästen am Bürgersteig und Basketballkörben in der Einfahrt.

Weil typische Amerikaner ihr Häuschen erwerben, statt zur Miete darin zu wohnen, bat das Paar in der Moskauer Zentrale um eine hübsche Summe. In den USA stehe Wohneigentum hoch im Kurs, zur besseren Tarnung sei der Kauf allemal angebracht, verteidigten sich die beiden, als sie von ihren Vorgesetzten beim russischen Auslandsgeheimdienst ermahnt wurden, sich nicht zu weit von ihrer Mission zu entfernen.

Für ihre Nachbarn in Montclair, einem beschaulichen Städtchen in New Jersey, sind Cynthia und Richard Murphy und ihre zwei kleinen Töchter mustergültige Bürger. "Das können unmöglich Spione sein. Schauen Sie nur, wie Cynthia die Hortensien in Schuss hält" , sagt Jessie Gugig einem Reporter der New York Times. Tatsächlich soll das Ehepaar Teil eines geheimen Netzwerks gewesen sein, das für Russland spionierte. Elf mutmaßliche Agenten umfasste der Ring, der seit langem in den Vereinigten Staaten operiert haben soll, beginnend in den frühen neunziger Jahren.

Am Sonntag nahm das FBI zehn von ihnen fest, und die freigegebenen Gerichtspapiere, die seit Montag zirkulieren, lesen sich wie ein Thriller aus dem Kalten Krieg. So tauschten die Spione identische Aktentaschen aus, während sie sich auf der Treppe eines belebten Bahnhofs begegnen, fälschten Pässe, und vergruben Dollarnoten in Äckern. Raffiniert bedienten sich die Murphys, wie sie für das FBI heißen, der Möglichkeiten des Internets. Sie stellten Bilddateien ins Netz, in denen verschlüsselte Botschaften versteckt waren.

Die meisten Verhafteten lebten als Ehepaare zusammen, in Boston, New York, New Jersey und - direkt vor den Toren der Hauptstadt - in Arlington. Nahtlos sollten sie sich einfügen in ihre Nachbarschaft, in der man sich im Sommer zur Grillparty trifft und sich im Winter beim Schneeschippen hilft. Geduldig, auf lange Sicht sollten sie Kontakte knüpfen, zu Bankern ebenso wie zu Regierungsbeamten und Wissenschaftlern der Denkfabriken.

"Kontakt zur Politik suchen"

Michail Semenko, getarnt als Mitarbeiter eines Reisebüros, spricht neben Russisch und Englisch fließend Chinesisch und Spanisch. Vicky Pelaez war Reporterin einer spanischsprachigen Zeitung in New York. Eine dechiffrierte Direktive aus Moskau fasste den Auftrag so zusammen: "Sie wurden für einen langfristigen Einsatz in die USA geschickt. Ihre Ausbildung, Ihre Bankkonten, Ihr Auto, Haus und so weiter - all das dient nur einem Ziel: Ihre Hauptaufgabe zu erfüllen, das heißt, Verbindungen in politische Kreise zu suchen und zu entwickeln und Informationen zu übermitteln." Was sie genau ausspionierten, bleibt aber im Vagen.

Folgt man der Anklageschrift, ging es eine Zeit lang darum, mehr über die US-Pläne zur Entwicklung bunkerbrechender Mini-Atombomben in Erfahrung zu bringen. Vor einer Moskau-Reise Barack Obamas sollte eingeschätzt werden, wie das Weiße Haus zu neuen Abrüstungsverträgen mit Russland und obendrein zum iranischen Atomprogramm steht. Es sind Wertungen, wie jeder Diplomat, jeder Journalist sie treffen muss.

Das FBI war der Gruppe seit mehr als zehn Jahren auf der Spur. Die Wohnungen der Verdächtigen wurden verwanzt, ihre Telefonate mitgeschnitten, ihre E-Mails mitgelesen. Am Samstag tappte ein russischer Agent in die Falle. In einem Park in Arlington wollte er einen Briefumschlag mit 5000 Dollar, unauffällig in eine Zeitung gesteckt, deponieren. Ein Bundespolizist wartete bereits auf den Mann.

Nicht weit davon liegt die Imbissbude, in der Barack Obama und Dmitri Medwedjew bei Hamburger und Pommes vor wenigen Tagen ihre Freundschaft zelebrierten. Ob diese die Causa übersteht, ist noch unklar. (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 30.6.2010)

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    Ein Künstler fing am Montag die Gesichter der als Spione Angeklagten in einem New Yorker Gerichtssaal ein. Insgesamt elf russische Agenten will das FBI verhaftet haben.

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    US-Präsident Obama und sein russischer Kollege Medwedew unterschrieben im April einen Abrüstungsvertrag.

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