Rundschau: Zeus und die Zeitmaschine

    7. August 2010, 10:15
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    Neue Romane unter anderem von James Lovegrove, Paul McAuley, Andersen Prunty, Brian Keene und Pierre Bordage

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    coverfoto: heyne

    Stephen Baxter: "Zeitschiffe"

    Broschiert, 731 Seiten, € 10,30, Heyne 2002.

    An dieser Stelle hat es sich einfach angeboten, eine alternative Fortsetzung der "Time Machine" einzubauen, auch wenn es sich um einen etwas älteren Titel handelt. Vor gar nicht so langer Zeit hab ich sogar noch ein Exemplar von Stephen Baxters "Zeitschiffe" in einer Buchhandlung herumstehen sehen - und die anderen Kaufkanäle, die's für "Antiquarisches" so gibt, sind ja allgemein bekannt. Romane und Erzählungen, die den Wells-Klassiker weiterspinnen, gibt es reichlich, dies hier ist aber etwas Besonderes. Und nicht nur weil es sich um die offiziell abgesegnete Fortsetzung handelt, die 1995 zum 100-jährigen Jubiläum des Originals erschien. Man hat gut daran getan, den Zauberer der Hard-SF als Autor zu wählen. Die "Zeitschiffe" ("The Time Ships") bietet ebenso spannendes wie locker zu lesendes Vergnügen, trotz oder vielleicht auch weil es auf eine Unzahl wissenschaftlicher Theorien Bezug nimmt. Als deren wichtigste die Viele-Welten-Interpretation, die hier dazu führt, dass eine Zeitreise nicht einfach in eine zukünftige oder vergangene Welt führt, sondern dass sie rein durch den Akt ihrer Durchführung neue Welten erschafft. Ich konnte dem Einfluß der Zeitmaschine nicht entrinnen: nun, da sie einmal erfunden war, schien es, als ob ihre Auswirkungen sich in der Vergangenheit und Zukunft verzweigten, wie Wellen, die ein Stein erzeugt, der in den gemächlich dahinfließenden Strom der Zeit geworfen wurde, stöhnt der Zeitreisende einmal. Und hat zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal annähernd begriffen, wie grundlegend und unumkehrbar seine punktuelle Erfindung das Multiversum tatsächlich verändert hat.

    Anders als Jeter wählte Baxter den Original-Zeitreisenden als Hauptfigur - und Ich-Erzähler, was praktischerweise ermöglicht ihn weiterhin namenlos zu belassen. Am Ende der "Time Machine" verschwindet der Zeitreisende bekanntlich auf Nimmerwiedersehen. Baxter greift ein loses Ende auf und lässt seinen Protagonisten erneut in jene Zukunft aufbrechen, in der er das Eloi-Mädchen Weena beim Kampf gegen die Morlocks im Stich lassen musste. Nun will er sie retten; aber schon unterwegs merkt er, dass sich die Zukunft nicht so entwickelt wie auf seinem ersten Trip. Er unterbricht seine Reise 150.000 Jahre vor Weenas Zeitebene und findet die Erde als dunklen, verlassenen Ort vor - denn die Weltbevölkerung lebt seit langem auf einer um die Sonne gebauten Dysonsphäre mit dem Ausmaß von 300 Millionen Erdoberflächen. Erneut ist sie zweigeteilt, die ethischen Aspekte sehen aber gänzlich anders aus. Die am dunklen Außenrand der Sphäre lebenden Morlocks haben ein monochromes Utopia errichtet: Totaler Rationalismus und ein friedliches Nebeneinander verschiedener Gesellschaftssysteme bilden die Rahmenbedingungen einer hochtechnologischen Morlock-Zivilisation, deren einziges Ziel die Mehrung des Wissens ist. Diejenigen Menschen hingegen, die ihr genetisches Erbe bewahrt haben und auf der lichten Innenseite der Sphäre leben (auf sie wird nur kurz eingegangen), sind in eine endlose Folge von Kriegen verstrickt. Wie es immer war und wohl auch immer sein wird, solange sie sich der Evolution zu etwas Höherem verweigern.

    Fällt das Wort Utopia, sollte man sich sofort nach einem ortskundigen Fremdenführer umsehen. Den erhält der Zeitreisende in Form eines Morlocks, der vom Charakter her einem gewissen Mr Spock nicht unähnlich ist und den unwahrscheinlichen Namen Nebogipfel trägt (so heißt er auch im englischsprachigen Original; der Name stammt ursprünglich aus einer älteren Kurzgeschichte von H. G. Wells). Nebogipfel begleitet den Zeitreisenden auch auf dem Weg zurück in die Vergangenheit; die beiden werden fortan ein dynamisches Gespann bilden, das trefflich philosophieren und streiten kann, während Baxter die Möglichkeiten des Zeitreise-Themas in allen Facetten auslotet. Die Begegnung mit dem eigenen Ich in jüngerer Gestalt und eine Reise ins ferne Paläozän - also die Ära nach dem Aussterben der Dinosaurier und noch bevor sich die Säugetiere zur späteren Artenvielfalt aufgeschwungen hatten - wird ebenso vorkommen wie Kolonialkriege, die vom Raum in die Zeit verlagert wurden, oder ein Jahr 1938, in dem der Erste Weltkrieg immer noch nicht zu Ende gegangen ist. In dieser Ära macht der viktorianisch geprägte Zeitreisende übrigens Erfahrungen mit gezwungenermaßen martialisch gewordenen Frauen, die denen von Jeters Edwin Hocker durchaus ähneln. Baxter baut hier eine ganze Reihe Verweise an weniger bekannte Werke von Wells ein. Und so ganz nebenbei korrigiert er in eleganter Weise auch noch Fehler, die Wells aufgrund des Wissensstandes seiner Ära in der "Time Machine" begangen hatte - etwa was die Lebensdauer der Sonne betrifft. Baxter tut dies, ohne Wells lächerlich zu machen, sondern indem er die Diskrepanz aus seiner eigenen Romanhandlung heraus plausibel erklärt - eine Meisterleistung.

    Während sich das Panorama in seiner ganzen Vielfalt entfaltet, machen sowohl der Romanprotagonist als auch sein Publikum einen anhaltenden Lernprozess durch. Wir LeserInnen werden in unterhaltsamer Weise ins Werk Kurt Gödels und theoretische Konzepte wie die quantenmechanische Multiplizität eingeführt. Und der Zeitreisende darf sich Stück für Stück den Kopf von überholten Vorstellungen wie Geschlechterstereotypen oder der Auffassung, ein Krieg hätte auch seine guten Seiten, freispülen lassen. Mehr als einmal ist es Nebogipfel, der ihm die erforderliche Kopfwäsche verpasst. Einmal - noch ein geschickt platziertes Eingehen auf Kritik an der Original-"Time Machine" bzw. deren ideologischen Aspekten - würgt er ihm auch die unbequeme Wahrheit rein, dass seine dämonisierte Sicht der Morlocks auf nicht viel mehr als Standesdünkeln und kreatürlicher Angst vor der Dunkelheit beruht.

    In jüngster Vergangenheit hatte Stephen Baxter die Welt in "Die letzte Flut" buchstäblich untergehen lassen; zuletzt eröffnete er mit "Stone Spring" einen in der Steinzeit spielenden Zyklus, in dem die BewohnerInnen der Region, die wir heute als Ärmelkanal kennen, durch den Bau eines riesigen Walls die hereinflutende Nordsee aufhalten und damit der Geschichte einen völlig anderen Verlauf geben. Für jeden anderen Autor wären das monumentale Ideen - nach Baxter-Verhältnissen kann man fast schon von Kleine-Brötchen-Backen sprechen. Immerhin führte er uns in seinem "Xeelee"-Zyklus sowohl an den Anfang als auch ans Ende der Raum-Zeit. "Zeitschiffe", das im selben Zeitraum entstanden ist, tut dies ebenfalls (etwa wenn die meilenlangen Titelobjekte zum Urknall reisen), geht aber noch weit darüber hinaus. Hier wie dort steht die menschliche Evolution und die Frage ihres langfristigen Überlebens im Vordergrund. Wir treffen auf eine Maschinen-Zivilisation, die eine gigantische Noosphäre gebildet hat, und finden uns in einer Zukunft wieder, in der die Milchstraße dunkel und leer erscheint, weil alle Sterne von Dysonsphären verhüllt wurden. Und wir gelangen in ein Universum, in dem das Olberssche Paradoxon gegenstandslos ist: Hier leuchtet der Nachthimmel weiß, denn dieses Universum ist wirklich unendlich - und egal auf welchen Punkt man den Blick richtet, überall sendet ein Stern sein Licht aus. Und selbst das kann nicht genug sein: Es geht um nicht weniger als die Kolonisierung der Unendlichkeit ... das ist sogar für Baxtersche Verhältnisse atemberaubend.

    Im Vergleich zu "Nacht der Morlocks" ist dies natürlich die bedeutend ergiebigere Variante einer Fortsetzung - um nicht zu sagen: Science Fiction at its best. Doch beide Romane haben ihre Qualitäten - und eine weitere Gemeinsamkeit: Sie stellen nicht nur das abstrakte Prinzip der Zeitreise in den Vordergrund, sondern sehr wohl auch das konkrete Ding, das von Wells inspiriert erst Rod Taylor und später Guy Pearce in exzentrischer Optik in die Zukunft beförderte. Am besten beschrieben in "The Big Bang Theory": "This looks like something Elton John would be driving through the Everglades."

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