Rundschau: Zeus und die Zeitmaschine

    7. August 2010, 10:15
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    Neue Romane unter anderem von James Lovegrove, Paul McAuley, Andersen Prunty, Brian Keene und Pierre Bordage

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    coverfoto: heyne

    Brian Keene: "Totes Meer"

    Broschiert, 383 Seiten, € 9,20, Heyne 2010.

    Wer glaubt, über dem deutschsprachigen Markt schlüge gerade eine Welle von Zombie-Romanen zusammen, der braucht bloß mal einen Blick über den großen Teich zu werfen: Alleine beim kleinen Verlag Permuted Press drängeln sich entsprechende Titel sonder Zahl, und das ist bloß ein Haus von vielen - mit Cherie Priests "Boneshaker" haben es die Untoten sogar unter die heurigen Nebula-Nominierungen geschafft. Den Nebula hat Brian Keene zwar noch nicht bekommen, dafür aber gleich zweimal eine gleichermaßen renommierte Auszeichnung in Sachen Horror, den Bram Stoker Award. Unter anderem für den Zombie-Roman "The Rising", der in Kombination mit der Fortsetzung "City of the Dead" unter dem Titel "Das Reich der Siqqusim" bei Otherworld erschienen ist.

    "Totes Meer" (im Original: "Dead Sea", 2007) ist eine weitere Beschäftigung mit dem Thema und zugleich eine Kehrtwende hin zur klassischen Auslegung: Hier fetzen nicht die Turbobooster-Untoten von "28 Days Later" oder Zack Snyders "Dawn of the Dead"-Remake durch die Gegend. Und sie zeigen auch keine Anzeichen von Intelligenz oder können gar sprechen und boshafte Pläne aushecken wie in den Siqqusim-Erzählungen. Warum auch: Die totale Entmenschlichung der Infizierten und die Langsamkeit, mit der der Untergangsprozess - nichtsdestotrotz unaufhaltsam - abläuft, sind schließlich zwei wesentliche Komponenten des Grauens, das das Zombie-Thema ausmacht. Einige Ergänzungen hat sich Keene dennoch einfallen lassen: So wird zum Beispiel der Geruch der schlurfenden Toten stärker denn je betont. Der Ekelfaktor ist entsprechend - und steigt mit dem Grad, in dem sich die Untoten in faulige Suppe auf zwei Beinen verwandeln. Außerdem - zugegeben: die Idee hatten auch schon andere Autoren - befällt das Zombie-Virus neben dem Menschen noch andere Spezies: erst eine recht wahllose Zusammenstellung von Säugetierarten, später immer mehr. "Totes Meer" dürfte den ersten Auftritt eines untoten Tigers in der Literatur beinhalten; und damit ist der animalischen Attraktionen noch lange kein Ende.

    Die Hauptfigur des Romans, Lamar Reed, lässt sich in drei Wörtern beschreiben: Schwarz, schwul und scheißdrauf. Klischees und Rollenstereotype hat er nämlich satt, und von denen wird er gleich aus mehreren Richtungen eingedeckt. Dass Lamar trotz Ghetto-Herkunft von Gangsta-Attitüden nichts hält, hat ihm bei "seinen Leuten" den Ruf eines Onkel Tom eingebracht: Angepasstes Leben, Fabrikjob und so weiter. Nicht mal HipHop mag er. Die Fabrik ist allerdings vor einiger Zeit ins Billigausland übersiedelt, und zu den Geldbeschaffungsaktionen, zu denen Lamar in der Folge gezwungen war, gehörte auch ein dilettantisch durchgeführter Überfall. Dass er damit genau ins rassistische Bild weißer MitbürgerInnen passt, nagt so sehr an ihm, dass er die Episode noch zu einer Zeit geheim hält, als die Welt längst ganz andere Sorgen hat. Es ist einfach eine Scheißsituation - das erste Kapitel gestaltet sich daher als eine einzige Tirade Lamars gegen alles ... die Zombieseuche inklusive, deren Ausbruch parallel dazu im Schnelldurchlauf erzählt wird: Ein geschickter Schachzug des Autors, denn wirklich neue Wege dies zu schildern sind ohnehin kaum noch denkbar. Hartgesotten die Sprache, hartgesotten die Einstellung - was durchaus seine komischen Seiten hat: Einmal sehnt sich Lamar nostalgisch in die Zeit zurück, als unter seinen Schuhen noch Crack-Ampullen knirschten und nicht die Zähne, die er gerade einem Zombie aus dem Schädel getreten hat.

    Lamars Selbstverständnis ändert sich, ohne dass er dies zunächst selbst bemerken würde, ab dem Zeitpunkt, da er die beiden Kinder Tasha und Malik aufgabelt. Sie schaffen es aus dem zerstörten Baltimore mit einem ausgemusterten Kahn der Küstenwache aufs Meer hinaus; mit an Bord ein zusammengewürfeltes Häuflein Überlebender, ganz ähnlich wie in Keenes Weltuntergangsroman "Die Wurmgötter". Darunter ist auch ein alter Professor, der Lamar Begriffe wie Archetyp, Monomythos oder charakterliche Neugeburt auf einer Heldenreise um die Ohren haut - gewissermaßen Keenes Verbeugung vor einem SF- und Horror-Archetyp anderer Art: Dem Gelehrten, der den theoretischen Überbau liefert. Anders als in Geschichten der 1950er Jahre erklärt der aber nicht in haarsträubender Weise das Ding an sich (in dem Fall: die Seuche), sondern theoretisiert die Erzählstruktur. Wissenschaftliche Fundierung ist ohnehin keine möglich; wie gewohnt spricht Keene durch seine Figuren peinliche Fragen aus, die sonst gerne vermieden werden, weil sie die Genre-Logik untergraben. Etwa: Warum greifen Zombies einander nicht gegenseitig an? Und woher kommt ihr Hunger, wenn sie gar keinen Stoffwechsel haben?

    Von seiner Heldenrolle will Lamar jedoch nichts wissen. Gemeinsam mit dem Waffenfanatiker und Bibelverkäufer (und trotz beider Gründe sympathischen) Mitch Bollinger grübelt er eher über die Frage nach, was ihn in einer so vollkommen aussichtslosen Lage überhaupt weitermachen lässt. Antworten findet Lamar einige: Der Überlebensinstinkt ist ein Arschloch lautet die wichtigste. Und dass Gott nicht nur tot, sondern ein Zombie sein muss, klingt auch plausibel - immerhin ist sein Sohn von den Toten zurückgekehrt ... vielleicht war er hungrig gewesen. Zeit zum Philosophieren bleibt allerdings nur in den kurzen Verschnaufpausen, ehe die ProtagonistInnen wieder um ihr Leben laufen, hauen und stechen müssen. Und dabei die vielleicht wichtigste Frage ausblenden, die als strategisch geschickt platzierter Kaufanreiz bereits am Buchrücken aufgeworfen wird. Da prangen nämlich "Die drei wichtigsten Überlebensregeln im Falle einer Zombie-Epidemie". Zwei davon erwartbar, die dritte aber: Versuche auf keinen Fall - auf gar keinen Fall! - dich mit einem Schiff aufs offene Meer zu retten ... Hat ja schon im "Dawn of the Dead"-Remake nichts gebracht, und Keene denkt noch einen Schritt weiter. - Dem Zombie-Thema eine grundsätzlich neue Dimension hinzuzufügen schafft freilich auch ein so kluger Autor wie Brian Keene nicht. Für kühlende Gänsehaut beim Lesen am Strand sorgt der Roman aber allemal.

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