Jugendliche: Hohes Interesse an politischen Themen

29. Juni 2010, 13:15
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Internationale Vergleichsstudie zeigt hohes Interesse, mittelmäßiges Wissen, Schmied teilweise zufrieden

Die österreichischen Schüler haben im internationalen Vergleich hohes Interesse an politischen und sozialen Themen, beim Wissen darüber liegen sie allerdings nur im Mittelfeld. Das zeigt die heute, Dienstag, in Göteborg (Schweden) präsentierte "Internationale Civic and Citizenship Education Study" (ICCS), an der 140.000 Schüler der achten Schulstufe sowie 62.000 Lehrer aus 38 Staaten teilgenommen haben. Im EU-Vergleich schneiden die Österreicher sogar leicht unterdurchschnittlich ab.

Beim Wissenstest, der neben Faktenwissen auch etwa Analysefähigkeiten abfragte, schnitten die finnischen und dänischen Schüle am besten ab, gefolgt von ihren Kollegen aus Südkorea, Taiwan  und Schweden. 

Schulfach Politische Bildung

Auffallend ist bei Österreich die hohe Streuung der Schüler-Leistungen, so der das Projekt betreuende Erziehungswissenschafter Helmut Fennes (Uni Innsbruck) zur APA. Beim Wissenstest wurde unter anderem nach den Menschenrechten, demokratischen Spielregeln oder der Funktion bestimmter Institutionen gefragt.

Interessant seien die Ergebnisse der Studie unter anderem deshalb, weil im Erhebungsjahr 2008 in Österreich neben dem schon länger bestehenden Unterrichtsprinzip Politische Bildung auch ein eigenes Pflichtfach (gemeinsam mit Geschichte) für die achte Schulstufe etabliert wurde, so Fennes. Die Studie sei damit eine Art "Nullmessung", auf die bei künftigen Untersuchungen aufgebaut werden könne. In den Spitzenländern Finnland und Dänemark ist die Politische Bildung kein eigener Gegenstand, sondern lediglich Unterrichtsprinzip, in Südkorea und Taiwan sowohl eigener Gegenstand als auch Unterrichtsprinzip.

Interesse für Umweltfragen groß, für EU-Politik klein

Das Interesse an politischen und sozialen Themen ist laut der Studie in Österreich jedenfalls hoch: Im EU-Vergleich verzeichnet nur Italien bessere Werte, während die skandinavischen Staaten am schlechtesten abschneiden. Am höchsten ist das Interesse aber in lateinamerikanischen und asiatischen Staaten. Die österreichischen Schüler interessieren sich dabei vor allem für politische Themen, die ihre Wohngegend oder ihr Land betreffen und Umweltfragen. Weniger interessant sind europäische und internationale Politik.

Vertrauen in Institutionen

Überdurchschnittlich hoch ist in Österreich laut Walter Fend vom Institut für Konfliktforschung in Wien das Vertrauen der Schüler in die Institutionen: 77 Prozent vertrauen der Bundesregierung, einen höheren Wert erzielt in der EU nur Finnland. Mit mehr als 80 Prozent verzeichnen hier außerdem Indonesien, Liechtenstein, Russland und Thailand die höchsten Werte, wenig Vertrauen in ihre Regierung haben dagegen die Südkoreaner, Litauer und Polen (unter 40 Prozent).

Das höchste Vertrauen bringen die österreichischen Schüler neben Bundes- bzw. Landesregierungen der Polizei sowie Gerichten entgegen, die UNO und die europäischen Institutionen liegen im Mittelfeld. Unterdurchschnittliches Vertrauen haben sie in die politischen Parteien bzw. Medien und Schulen. Interessantes Detail: Dem Nationalrat wird weniger vertraut als der Regierung und sogar weniger als dem EU-Parlament.

Geringe Partizipation im außerschulischen Bereich

Überdurchschnittlich viel Zustimmung gibt es in Österreich zu gleichen Rechten für Frauen - vor allem wenn man das Thema abstrakt abfragt. Hinsichtlich konkreter Bereiche wie Kinderbetreuung und politische Führungspositionen besteht jedoch keine ganz so hohe Einigkeit. Und: Naturgemäß stehen die Schülerinnen der Gleichberechtigung deutlich positiver gegenüber als ihre männlichen Kollegen. Diese Differenz ist zwar in allen Staaten vorhanden, in Österreich jedoch besonders stark ausgeprägt. Bei den Männern ist der Widerstand gegen die Gleichberechtigung in Russland, Indonesien und Malaysia am höchsten.

Ebenfalls abgefragt wurde die gesellschaftliche bzw. politische Partizipation der Schüler: Im außerschulischen Bereich ist diese im Vergleich etwa zu lateinamerikanischen Ländern deutlich geringer ausgeprägt und stark von der Art der Organisation abhängig: So hat sich etwa mehr als die Hälfte der Schüler schon einmal an einer Sammelaktion für soziale Zwecke beteiligt, in Partei- und gewerkschaftlichen Jugendorganisationen wird aber kaum mitgearbeitet. Deutlich aktiver sind die Jugendlichen in der Schule: Immerhin 57 Prozent haben schon einmal als Klassensprecher kandidiert.

Teilnahmebereitschaft überdurchschnittlich hoch

Überdurchschnittlich hoch ist die künftige Teilnahmebereitschaft der Schüler am politischen Prozess. Mehr als 80 Prozent wollen an Gemeinde- und Nationalratswahlen teilnehmen, fast 80 Prozent wollen dies auch bei Europa- und Landtagswahlen tun. Geringer ist dagegen die Bereitschaft, einer Partei beizutreten (25 Prozent) - für SORA-Chef Günther Ogris allerdings noch immer ein recht hoher Wert, wenn man bedenke, dass der tatsächliche Prozentsatz der Parteimitgliedschaft viel geringer liegen.

 

Schmied teilweise zufrieden

Unterrichtsministerin Claudia Schmied freut sich "über einen Teil der Ergebnisse" der "International Civic and Citizenship Education Study" (ICCS) - und zwar über jenen, der den österreichischen Jugendlichen ein hohes Interesse an politischen und sozialen Themen sowie eine hohe Partizipationsbereitschaft und eine positive Einstellung zur Gleichberechtigung attestiert. "Ein Kulturwandel wäre viel schwieriger als das Nachholen von Wissen und Stoff", so Schmied.

Bei der Studie habe es sich um eine Art "Baseline-Testung" gehandelt, so Schmied. Sie wurde im gleichen Jahr durchgeführt, in dem in der betreffenden Schulstufe "Politische Bildung" (gemeinsam mit Geschichte) als Pflichtfach eingeführt wurde.

Mit der Intensivierung der Lehrer-Aus- und Fortbildung bei der Politischen Bildung sieht Schmied Österreich auf dem richtigen Weg. "Davon erwarte ich mir sehr viel." Die Einführung als Pflichtfach auch in weiteren Schulstufen plant sie aber nicht: "Es geht nicht um ein Mehr des Inputs, sondern um mehr Qualität." Mit der Verstärkung der Aus- und Fortbildung sowie Projekten wie etwa zum Thema Holocaust oder der Demokratie-Initiative gehe man genau diesen Weg. (APA)

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