"Unzählige kritische Studien"

27. Juni 2010, 18:30
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Bisphenol A, Ausgangssubstanz zur Kunststoffherstellung, soll endlich verboten werden. Das fordert Werner Boote, Regisseur von "Plastic Planet"

Standard: Warum ist Bisphenol A so gefährlich?

Boote: Bisphenol A ist eine hormonwirksame Substanz, die in dringendem Verdacht steht, für Unfruchtbarkeit, Krebserkrankungen, Herzerkrankungen, Allergien, Autismus verantwortlich zu sein. BPA ist eine der billigsten Chemikalien, entsprechend häufig wird sie eingesetzt. Wir finden sie in Babyflaschen, Schnullern, Plastikbehältern für Lebensmittel, Innenbeschichtungen von Dosen.

Standard: BPA steckt in vielen Lebensmittelverpackungen. Können wir Bisphenol A überhaupt entkommen?

Boote: Nur wenn BPA verboten wird. Denn Vermeidung ist für Konsumenten nur sehr schwer möglich, weil es an Produktdeklarationen und Informationen fehlt. Seit 18 Jahren gibt es Studien über die Gesundheitsgefährdung durch Bisphenol A, es besteht mehr als Handlungsbedarf.

Standard: Wer sollte handeln?

Boote: Die Behörde, die endlich einen Riegel vorschieben muss, ist die EFSA, die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit. Es hat aber den Anschein, dass der Einfluss der Kunststofflobby, die 900 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr macht, groß ist. Die EFSA scheut sich, die unzähligen kritischen Studien wahrzunehmen, betreibt Hinhaltetaktik. 2006 hat die EFSA zuletzt zu BPA Stellung genommen, auf Basis industrieabhängiger Studien.

Standard: Die EFSA hat Grenzwerte festgelegt. Täglich 0,05 Milligramm pro Kilo Körpergewicht wären unbedenklich. Diese Werte würden durch Saugen an Schnuller oder Fläschchen nicht erreicht.

Boote: Toxikologen bezeichnen den Wert als viel zu hoch. Aber es geht längst nicht mehr um eine Grenzwertdiskussion, das Bisphenol A muss endlich verschwinden. Es ist ein Skandal, dass BPA für so sensible Produkte wie Schnuller und Babyflaschen verwendet wird. Gefährlich ist die Chemikalie auch für schwangere Frauen und ihre Föten. BPA steht in Verdacht, die Keimzellen der Kinder zu schädigen.

Standard: Internationale Wissenschafter und NGOs wenden sich nun in einem Brief an die EFSA. Was erwartet man sich?

Boote: Man will damit jene Regierungen stärken, die sich bereits für ein Verbot ausgesprochen haben, beispielsweise Frankreich. Das Problem ist ja, dass alles so ewig lange dauert, man muss Druck machen. Bis Mai 2010 sollte die EFSA auf Wunsch der EU-Kommission eine neue Risikobewertung vorlegen, passiert ist nichts.

Standard: Nach Ihrem Film "Plastic Planet" waren plötzlich BPA-freie Schnuller und Fläschchen in den Regalen. Haben die Produzenten freiwillig reagiert?

Boote: Nein. Konsumenten haben in den Drogerie- und Supermärkten vehement Produktinformationen gefordert. Die Handelsketten mussten reagieren und haben Druck auf die Industrie gemacht, endlich BPA-freie Produkte auf den Markt zu bringen. (Jutta Berger, DER STANDARD Printausgabe, 28.6.2010)

  • WERNER BOOTE (45), Regisseur und Autor aus Wien. Sein Dokumentarfilm "Plastic Planet" kam im September 2009 in die Kinos.
    foto: thomas kirschner

    WERNER BOOTE (45), Regisseur und Autor aus Wien. Sein Dokumentarfilm "Plastic Planet" kam im September 2009 in die Kinos.

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