Erste freie Präsidentenwahl

27. Juni 2010, 12:48
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24 Kandidaten im Rennen - "Neue Unabhängigkeit"

Conakry - Erstmals seit der Erlangung der Unabhängigkeit vor 52 Jahren hat am Sonntag in der westafrikanischen Republik Guinea eine freie Präsidentenwahl stattgefunden. Nach einem trotz mehrerer blutiger Zusammenstöße weitgehend friedlich verlaufenen Wahlkampf konnten sich die rund vier Millionen registrierten Wähler zwischen 24 Kandidaten, unter ihnen eine Frau, entscheiden. Mit ersten Ergebnissen wird frühestens 72 Stunden nach Schließung der Wahllokale um 20.00 Uhr MESZ gerechnet. Sollte wie erwartet keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit der Stimmen erzielen, kommt es am 18. Juli zu einer Stichwahl zwischen den beiden stimmenstärksten.

Zu den Favoriten gehören zwei ehemalige Premierminister, Cellou Dalein Diallo und Sidya Touré, sowie der langjährige Oppositionelle Alpha Condé. Auch Lansana Kouyaté, ebenfalls Ex-Premier und Vorsitzender der Hoffnungspartei, und Francois Lonsény Fall, Chef der Front für Demokratie und Wandel, wurden Erfolgschancen eingeräumt. Internationale Beobachter erwarteten eine faire Abstimmung. Militärmachthaber General Sékouba Konaté sicherte noch am Samstag eine transparente Abstimmung zu und rief die Kandidaten auf, ihre Anhänger von Gewalttaten abzuhalten. Die Nation stehe vor der Wahl zwischen Demokratie und Chaos und vor einer "neuen Unabhängigkeit", sagte er. Es wurde damit gerechnet, dass die Wähler sich großteils nach der jeweiligen ethnischen Zugehörigkeit der Kandidaten entscheiden. In Guinea leben mehr als 20 Ethnien. Größte Bevölkerungsgruppe sind die Fulbe mit gut 40 Prozent der knapp neuneinhalb Millionen Einwohner, gefolgt von den Malinke (26 Prozent), die zu Condé und Kouyaté tendieren.

General Konaté hatte im Dezember die Führung der Junta übernommen, nachdem Militärmachthaber Moussa Dadis Camara bei einem Attentatsversuch schwer verwundet und zur medizinischen Behandlung nach Marokko ausgeflogen worden war. Die ehemalige Kolonialmacht Frankreich und die USA widersetzten sich einer Rückkehr Camaras an die Macht. Die seit Ende 2008 herrschende 26-köpfige Junta wurde für das Blutbad vom 28. September 2009 verantwortlich gemacht. Bei der Niederschlagung einer Kundgebung der Opposition durch Sicherheitskräfte waren damals in Conakry mehr als 150 Menschen gewaltsam ums Leben gekommen. Zudem wurden Massenvergewaltigungen und schwere sexuelle Misshandlungen von Opfern gemeldet. Die französische Regierung nahm im Februar die zivile und militärische Kooperation mit Guinea wieder in vollem Umfang auf, um die "demokratische Transition" zu unterstützen. 2004 war Guinea wirtschaftlich vor dem Ruin gestanden, da die EU die Finanzhilfen für das Land wegen fehlender Bereitschaft zur Demokratisierung eingestellt hatte.

Guinea, das wegen seiner reichen Bauxit-Vorkommen für die Aluminiumbranche von Bedeutung ist, wurde 1958 unabhängig, nachdem die Bevölkerung unter dem charismatischen ersten Präsidenten Ahmed Sékou Touré gegen die Zugehörigkeit zu der von General Charles de Gaulle gegründeten "Communauté francaise" votiert hatte. Die übrigen französischen Territorien in West- und Äquatorialafrika erhielten erst 1960 ihre staatliche Unabhängigkeit. Nach dem Tod Sékou Tourés, der eng mit der Sowjetunion und der Volksrepublik China kooperiert hatte, übernahm 1984 General Lansana Conté die Macht. Dieser starb nach schwerer Krankheit im Dezember 2008. Wenige Stunden nach seinem Tod wurde die Junta gebildet. Bei der letzten Präsidentenwahl 2003 war Lansana Conté mit 95 Prozent der Stimmen und einem nahezu unbekannten Konkurrenten im Amt bestätigt worden. (APA)

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