Eine Schule für mein Kind

25. Juni 2010, 19:04
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Angstfrei ohne Minuspunkte - Von Linda Stift

Langsam müssen wir uns um eine Schule für unseren Sohn (dreieinhalb) umsehen. Zwar gibt es in Österreich keine Schulpflicht, nur eine Unterrichtspflicht, aber irgendwoher muss dieser Unterricht ja kommen. Regelschule, Ganztagsschule, offene Klassen, Mehrstufenklassen, Waldorfschule, Montessori oder (sehr gewagt!) eine demokratische Schule à la Summerhill gar – mit freiwilligem Schulbesuch und selbstgewählten Lehrinhalten?

Das Wichtigste an einer Schule sollte sein, dass die Unterrichtenden den Kindern ihre natürliche Neugierde und das Lernenwollen nicht verleiden, so wie bei mir geschehen, nachdem ich an das Gymnasium gekommen war. Ich hatte gedacht, eine neue Welt des Wissens würde sich mir eröffnen, ich war aber auf die Art, wie mit dem Lehrstoff umgegangen wurde, nicht vorbereitet. Zwar wurde ich nicht mehr wie in der Volksschule geohrfeigt oder zum Nachsitzen verdonnert, wenn ich mich beim Aufsagen des (nun großen) Einmaleins irrte. Auch wurde nicht mehr das nasse Tafeltuch nach mir geworfen, wenn ich einen Satz mit "Und" begann. Ein Novum aber war, dass man ein Minus bekommen konnte, wenn man falsch auf eine Frage antwortete, zu der man sich freiwillig gemeldet hatte. Nach drei oder vier solcher Minuspunkte überlegte ich es mir fünfmal, bevor ich mich meldete, was die Chance auf Pluspunkte drastisch senkte. Heute noch mache ich den Mund nur auf, wenn ich mir hundertprozentig sicher bin – irgendwo sitzt noch jemand, der meine Minuspunkte notiert.

Eine angstfreie positive Atmosphäre zu schaffen, wo man sich für falsche Antworten nicht schämen muss, kann das so schwer sein? Eigentlich müsste das selbstverständlich sein. Und wahrscheinlich spielt der Schultypus dabei die kleinste Rolle – wie immer kommt es auf die handelnden Personen, sprich: die Lehrerinnen und Lehrer, an. Immer noch soll es welche geben, die ihre Macht wie griechische TyrannInnen ausüben. Eine Schule, in der die Kinder vielleicht mit den Eltern gemeinsam über den Verbleib einer Lehrperson entscheiden können, das wäre einmal eine andere Schule! Und zwar flächendeckend und nicht privat.

Ich bin zuversichtlich. Jemand sagte zu mir, die Schule, so wie wir (die über 40-Jährigen) sie kennen, existiert nicht mehr. Und das ist gut so!(Linda Stift/DER STANDARD Printausgabe, 26.6.2010)

Linda Stift ist freie Schriftstellerin in Wien.

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