Lili Chitoi aus Bukarest, die Puppe aus Kanada, der Schüler aus China

25. Juni 2010, 16:38
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"Wir respektieren andere, wie sie sind" : Kanadas Schulen sind gut vorbereitet auf Immigrationskinder und deren Eltern

Was einem in der Forest-Manor-Schule im kanadischen North York sofort auffällt: Das Lehrer-Team ist so vielfältig wie die Herkunft der Schüler. Lehrerin Sue Kim wurde in Korea geboren, Lili Chitoi stammt ursprünglich aus Bukarest, andere kommen aus dem Iran, Jamaika oder Serbien. Die Schüler in North York, einer Vorstadt von Toronto, stammen aus 39 Ländern, aber sie sehen auch schwarze und asiatische Gesichter bei den Menschen, die sie unterrichten.

Forest Manor ist eine Grundschule mit 660 Schülern. Die Schule ist bekannt dafür, dass sie ausländische Immigrantenkinder vorbildlich integriert. In der Eingangshalle hängt ein großes Poster: "Wir respektieren andere, wie sie sind." Das heißt im Alltag, die Schule ist für alle möglichen Lernsituationen gerüstet. Wie immer auch die Bedürfnisse der einzelnen Schüler sind, sie erhalten genau die Hilfe, die sie brauchen.

In der zweiten Klasse schneidet ein arabischer Junge Knöpfe aus: "Zwei Löcher, vier Löcher" , spricht ihm die Lehrerin Minah Hwangh vor. Der Junge schweigt. "Er spricht kein Englisch, aber er versteht mich" , sagt die Lehrerin. Sie zeigt in die Ecke des Schulzimmers. "Wir haben hier auch Bücher in Arabisch." In Forest Manor soll das Kind ein Stück seiner Kultur vorfinden, um sein Selbstbewusstsein zu stärken.

Für jedes Klassenniveau gibt es in dieser Schule eine zusätzliche Lehrkraft, die sich ausschließlich um Kinder kümmert, deren Muttersprache nicht Englisch ist. Hat ein Schüler Leseschwierigkeiten, dann bekommt er Privatstunden während der Schulzeit. Sprechen Kinder überhaupt kein Englisch, dann stehen eigens zwei Lehrer für Intensiv-Sprachunterricht zur Verfügung. Zusätzlich arbeiten eine Sprechlehrerin und eine Beschäftigungstherapeutin in den Klassenzimmern. In Torontos Schulen wird individuelle Lernunterstützung von der Provinz Ontario finanziert.

Lili Chitoi ist eine bezahlte Schulassistentin, die sich den ganzen Tag, fünf Tage in der Woche, ausschließlich mit einem chinesischen Jungen beschäftigt, der seit einem Jahr mit seiner Familie in Kanada weilt und Probleme mit der Integration in die Schule hat. Gerade erklärte sie ihm etwas mithilfe von Puppen. "Ich bin mit meinem ganzen Herzen engagiert und versuche, die gesamte Situation dieses Jungen zu sehen" , sagt Chitoi.

Kein Kind geht an dieser Schule unter, dafür sorgt die Schulvorsteherin Debra Smith, sie ist seit 15 Jahren in Forest Manor. Zweimal im Monat werden Risiko-Schüler im Lehrkörper besprochen, um die besten Fördermaßnahmen zu finden.

Kanada ist ein Einwanderungsland, und die Behörden wissen, dass es sich eines Tages wirtschaftlich auszahlen wird, Immig-rantenkinder gut auszubilden. In Forest Manor sind rund drei Viertel der Schüler Immigrantenkinder. Deshalb werden Spezialprogramme an dieser Schule relativ großzügig finanziert. So erhält Forest Manor in diesem Jahr rund 80.000 Euro als zusätzliche Hilfe. Das wird zwar im kommenden Jahr nicht mehr so sein, aber - so sagt Debra Smith - die Schule hat jetzt alle Programme und Lehrer, um ihre Aufgabe weiterzuführen wie bisher.

Ein äußerst wichtiger Pfeiler für den Erfolg des kanadischen Schulsystems ist der Einbezug zugewanderter Eltern. In Forest Manor steht ein spezielles Empfangskomitee für sie bereit, sodass sie sich vom ersten Moment an in der Schule willkommen und verstanden fühlen. "Wir bringen ihnen ein Lächeln und Wärme entgegen und bieten Hilfe an" , sagt die Schulvorsteherin.

Dolmetscher für 13 Sprachen

Und nicht nur das: Forest Manor kann mit Dolmetschern für 13 Sprachen aufwarten. Brauchen die Eltern Hilfe beim Einleben in Kanada, finden sie "settlement workers" in der Schule, Helfer, die vom kanadischen Immigrationsministerium bezahlt sind. "Wenn die Eltern einbezogen werden, dann haben sie das Gefühl, sie können ihren Kindern helfen" , sagt Smith. Und das wiederum führt zu erfolgreichen Schülern.  (Bernadette Calonego aus North York/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.6.2010)

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