Wo Unterrichten "ein einziges Aha-Erlebnis" ist

25. Juni 2010, 16:55
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Eine "internationale Schule" in Wien-Ottakring

Wien - "Farmer" oder "Soccer-Player" möchten sie gern werden, die Schüler der 4B der Hauptschule in der Brüßlgasse in Wien-Ottakring. Mit ihrer Englischlehrerin sprechen sie gerade über Traumjobs. In wenigen Wochen starten viele tatsächlich ins Berufsleben, 40 Viertklässler haben bereits eine Lehrstelle. Viele von ihnen haben eine Ehrenrunde eingelegt, um Deutsch zu lernen: 98 Prozent der Schüler in der Brüßlgasse kommen aus Migrantenfamilien.

"Wir sind eine internationale Schule" , sagt Direktor Karlheinz Fiedler nicht ohne Stolz. Vom Renommee, aber vor allem von der finanziellen Ausstattung von Privatschulen wie der Vienna International School kann Fiedler nur träumen. Es liege, steht im Schulprofil, "an der Findigkeit und dem Improvisationstalent der Fachlehrer, fehlendes Material, Werkzeug etc. zu ersetzen, auszuborgen oder zu erbetteln" .

Nicht nur deswegen sei das erste Jahr in der Brüßlgasse für die Lehrer "ein einziges Aha-Erlebnis" , sagt Fiedler. Obwohl Hauptschullehrer, die von der Pädagogischen Hochschule kommen, noch deutlich mehr pädagogisches Rüstzeug hätten als Uni-Absolventen, bringe der Alltag in der Hauptschule ganz eigene Herausforderungen mit sich. "Die Schulbücher sind für einen Teil unserer Schüler unverständlich. Man kann nichts voraussetzen - das Spektrum unter unseren Schülern reicht von großen Defiziten bis zur AHS-Reife." Die Kollegen seien individuell gefordert, denn das System "schließt Kinder mit Migrationshintergrund förmlich aus" .

Zwölf Stunden Extra-Deutschunterricht pro Woche gibt es für jene Schüler, die neu nach Österreich kommen. Nach 60 bis 120 Stunden bemerken die Lehrer erste Erfolge. Besonders schwer tun sich türkische Schüler, die unter den 33 Nationen in der Brüßlgasse deutlich die Mehrheit stellen: Sie brauchen die Sprache nicht, um sich in den Gängen und auf dem Schulhof zu verständigen.

Während Direktor Fiedler erzählt, klopft es pausenlos an seine Tür: Ein Vater wird vorstellig, er möchte seinen Sohn hier in die Schule schicken, erklärt er in gebrochenem Deutsch. Die Betreuungslehrerin, die zwölf Stunden pro Woche in der Brüßlgasse arbeitet, bespricht schnell mit dem Direktor ein paar Problemfälle. Einige Burschen haben auf dem Schulhof einen Ball gefunden und bringen ihn in die Direktion. "Sehen Sie, ich bin hier für alles zuständig" , sagt Fiedler und scherzt kurz mit den Kindern. Dafür bleibt freilich wenig Zeit: "Ich bin völlig mit Administration zugeschüttet. Eigentlich sollte ich viel mehr mit Lehrern und Schülern reden."

Probleme abseits der Bildung

Und natürlich mit den Eltern - wenn sie bereit sind, in die Schule zu kommen. Denn viele würden die Bildung ihrer Kinder als deren Problem betrachten. Gleichzeitig würden von den Familien aber Dinge an die Schule herangetragen, die mit deren eigentlicher Aufgabe als Bildungseinrichtung nichts zu tun hätten: von Wohnungs- über Jobprobleme bis hin zu der Frage, wie sie Geld für Essen auftreiben sollen.

Um den Schülern den Umstieg ins Arbeitsleben zu erleichtern, wurde in der Brüßlgasse Anfang der 1990er-Jahre ein eigenes Programm entworfen, das mittlerweile auch international Schule macht: Ab der 7. Schulstufe gibt es den Schwerpunkt Berufsorientierung, bei Lehrausgängen und Gesprächen mit Firmenchefs sollen die Kinder erfahren, welche Möglichkeiten sie haben und was von ihnen gefordert wird. Später gibt es Vorstellungstraining und eine Schnupperwoche, an deren Ende ein Zeugnis ausgestellt wird. Solche Innovationen würden Hauptschulen und Kooperative Mittelschulen zu den "innovativsten Schulen" machen, meint Fiedler: "An den AHS hat sich seit Jahrzehnten nichts verändert."(Andrea Heigl/DER STANDARD, 26.6.2010)

  • Lernen mit Kopftuch: alles andere als ungewöhnlich in der Ottakringer Brüßlgasse.
    foto: standard/regine hendrich

    Lernen mit Kopftuch: alles andere als ungewöhnlich in der Ottakringer Brüßlgasse.

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