Obamas Krieg

24. Juni 2010, 19:50
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Der US-Präsident hat die Chance vertan, aus dem Afghanistan-Debakel auszusteigen

Nach außen hin hat das Krisenmanagement funktioniert. Kurz nachdem die abschätzigen Aussagen des US-Oberkommandierenden in Afghanistan, Stanley McChrystal, über die politische Führung im Rolling Stone Magazine erschienen waren, zitierte ihn Präsident Barack Obama zu sich, feuerte ihn und ersetzte ihn durch jenen Mann, der dank seiner Erfolge bei der Stabilisierung des Irak als Hoffnungsträger der amerikanischen Militärmacht gilt: David Petraeus. Obama hat mit einem Schlag das Primat der Politik gegenüber dem Militär wieder hergestellt. Der Krieg in Afghanistan kann ungehindert weitergehen.

Aber bei McChrystals Rausschmiss geht es um mehr als um die Disziplinierung eines Offiziers, der seinen Mund gegenüber einem Journalisten nicht halten konnte. Seine bissige Kritik hat die tiefe Verunsicherung in den USA über ihren Afghanistan-Einsatz offengelegt. Mit seiner raschen Reaktion hat Obama seine eigene Zukunft fest mit einem Feldzug verknüpft, an dessen positiven Ausgang fast niemand mehr glaubt.

Obama ist kein Kriegstreiber, aber so wie die große Mehrheit seiner Landsleute glaubt er daran, dass Militäreinsätze manchmal notwendig sind. "Ich bin nicht gegen Krieg, ich bin gegen einen dummen Krieg", erklärte der damalige Provinzpolitiker 2002 vor dem US-Angriff auf den Irak. Für ihn und andere Demokraten war Afghanistan stets der "gute Krieg", den George W. Bush hätte zu Ende bringen müssen. Mit seinem Fokus auf diesen Einsatz löst er ein Wahlversprechen ein und schützt sich gleichzeitig vor Attacken der Republikaner, er sei nicht Manns genug, um die Heimat vor Feinden zu schützen.

Nach Amtsantritt überprüfte Obama monatelang die Strategie, entschied sich aber dann für den von Petraeus empfohlenen Kurs: die Aufstockung der US-Truppen und eine Militärstrategie, die dem Taliban-Aufstand das Wasser abgraben soll.

Nun wird Petraeus selbst für den Kriegsverlauf in Afghanistan verantwortlich. Doch ob er dort einen Erfolg wie im Irak landen kann, ist unsicherer denn je. Die Taliban sind im Vormarsch, die Regierung Karzai korrupt, verhasst und nach dem gestohlenen Wahlsieg ohne Legitimität. Auch der Sinn des Krieges wird immer weniger klar. Al-Kaida hat längst andere Basen gefunden, die Taliban haben sich längst im benachbarten Pakistan eingenistet. Der US-Einsatz trägt nichts zur Stabilisierung der zerfallenden Atommacht bei - im Gegenteil.

Obama erinnert bereits ein wenig an einen anderen Demokraten im Weißen Haus. Lyndon B. Johnson eskalierte 1965 den Vietnamkrieg, weil er glaubte, nur so seine ehrgeizigen innenpolitischen Reformen durchbringen zu können. Auch er hörte auf Berater, deren Autorität nicht infrage gestellt wurde - bis sich das ganze Ausmaß des Vietnam-Debakels offenbarte - und Johnsons Karriere beendete.

Afghanistan ist (noch) kein Vietnam, und ein überstürzter US-Rückzug würde das Land und die Region Amerikas wohl ärgsten Feinden überlassen. Deshalb wird Obama auch sein Versprechen, 2011 mit dem Truppenabzug zu beginnen, kaum einlösen können. Verbündete wird er dann für seinen Krieg nicht mehr haben.

Die McChrystal-Affäre war Obamas letzte Chance, die Reißleine zu ziehen. Stattdessen hat er den Einsatz verdoppelt und Afghanistan endgültig zu seinem Krieg gemacht - eine düstere Aussicht für einen Mann, der ganz anderes für sein Land geplant hatte. (Eric Frey /DER STANDARD, Printausgabe, 25.6.2010)

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