Umringte Spitzentruppe

23. Juni 2010, 18:21
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Ulrich Khuon hat seine erste Spielzeit als Intendant hinter sich. Sie war wider Erwarten kein großer Wurf

Es fehlt Führungsmut - und die Kunst, alte und neue Kräfte zusammenzuführen.

Berlin - Die Erwartungen, die in Ulrich Khuon als Intendant des Deutsches Theaters gesetzt wurden, waren hoch. Hat er doch zuvor das Hamburger Thalia Theater mit Bravour geführt. Trotz großen Einsatzes geriet die erste Saison in Berlin nun aber alles andere als umwerfend. Dabei stand ihm Andreas Kriegenburg als Hausregisseur zur Seite, der nicht zuletzt mit Kafkas Der Prozess Mittel- und Höhepunkt des Berliner Theatertreffens 2009 war.

Khuons Start war nicht triumphal, weil er in kürzester Zeit Joseph Conrads Herz der Finsternis schwerfällig verdüsterte, Kleists Prinz Friedrich von Homburg in roter Seide auskleidete und knöcheltief ins Wasser setzte sowie Shakespeares Hamlet flink verturnen ließ. Weiters zeigte er die Uraufführung von Dea Lohers Diebe und ihr Letztes Feuer aus Hamburg. Dabei wird die Bühne stets von je einer breitgetretenen Idee beherrscht.

Das Problem wird offenkundig: Dem klugen Dramaturgen Ulrich Khuon fehlt Führungsmut, um seine selbstbewussten Regisseure vor Fehlern zu bewahren, die schon im Vorfeld offenbar werden. Darunter litten auch Inszenierungen etwa von Stephan Kimmig, der Schillers Kabale und Liebe in ein Drehwurmhaus mit Sprossen und Leitern als konfuses Fitnesscenter steckt, oder die seltsame Entkernung bis zur Lektüre aus dem Reclamheft, die Nicolas Stemann Brechts Heiliger Johanna der Schlachthöfe angedeihen lässt.

Es ist eher profilneurotisch eigensinnig, Shakespeares Othello mit einer Frau (Susanne Wolff) zu besetzen. Und eine junge Autorin wie Anja Hilling muss man vor einer Regie schützen, die ihr Schwarzes Tier Traurigkeit zum szenischen Hörspiel verkorkst. Auch der unerbittliche Einsatz für junge Autoren wirkt zunehmend bedenklich. Für die neue Saison haben "Klassiker" mit wenigen Ausnahmen zurückzustehen. Schlingensief und Schimmelpfennig, Sibylle Berg und Dietmar Dath gehen vor. Auch das heikle Kunststück, alte und neue Kräfte zu einem Ensemble zusammenzuführen, ist noch nicht gelungen.

Dass das Deutsche Theater zur Spitzengruppe zählt, ist unstreitig, aber nicht unangefochten. Die Schaubühne ist mit Inszenierungen von Thomas Ostermeiers Dämonen, Marius von Mayenburgs Die Nibelungen oder Falk Richters Trust stark aufgerückt. Claus Peymanns Berliner Ensemble bietet nicht viel mehr als solide Schauspielqualität, das Maxim-Gorki-Theater umtriebiges Bearbeitungstheater, und die Volksbühne ist gerade einmal mehr trotz Kurt Krömers pfiffigem Proll-Charme mit Jakob Heins Johnny Chicago am Gefrierpunkt gelandet. (Lorenz Tomerius / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.6.2010)

 

  • Dea Lohers Episoden drama "Diebe"  als turbulentes  Panorama von Andreas Kriegenburg am Deutschen Theater Berlin: Bernd Moss, Katrin Klein und Helmut Mooshammer (v. li.).
 
    foto: arno declair

    Dea Lohers Episoden drama "Diebe" als turbulentes Panorama von Andreas Kriegenburg am Deutschen Theater Berlin: Bernd Moss, Katrin Klein und Helmut Mooshammer (v. li.).

     

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