Sein Geist bleibt - zunächst

18. Juni 2010, 19:39
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"Ausweisung Arigonas ist rechtens", meldete die "Kronen Zeitung", aber es hat sich immer noch "ein Ausweg gefunden"

Ist die Nation gespalten, bedarf es besonderen Fingerspitzengefühls. Wer wird wohl künftig genug davon aufbringen, damit der mediale Dressurakt auch dann gelingt, wenn nicht von vornherein klar ist, auf welche Seite sich die Gunst des Publikums neigt, in der zu stehen die Geschäftsgrundlage des Unternehmens vermutlich auch in Zukunft bleiben wird? Noch funktionieren alle Mitspieler reflexartig, wie der Fall von Arigona Zogaj gezeigt hat, aber wie lange noch? Ausweisung Arigonas ist rechtens, meldete die "Kronen Zeitung" Dienstag das Urteil des Verfassungsgerichtshofes und gab auch gleich die Auslegung vor. Von einer unglücklichen Causa war darin die Rede, aber schließlich leben wir in Österreich, und da hat sich immer noch ein Ausweg durch die Hintertür gefunden. Man nennt das dann menschlich oder Gnade vor Recht.

Verbunden war das mit einem Schuss vor den Bug derer, die jahrelang Menschlichkeit oder Gnade vor Recht forderten. Die mehr als seltsamen und dubiosen Betreuer und Berater im Umfeld von Frau Zogaj täten gut daran, diesmal jeglichen dramatischen Aktionismus zu unterlassen, wie eben Menschlichkeit zu erflehen. Und ein drohender Unterton gegen die Aktionisten blieb nicht aus: Das könnte Arigona die ohnehin geschrumpften Sympathien kosten. Und eine typisch österreichische Lösung wäre dann am Ende auch verspielt.

Dabei hat die Innenministerin eine solche doch eben gefunden, denn für sie ist das Urteil ein klarer Auftrag: Arigona muss Österreich jetzt verlassen. Obwohl das sehr nach einem Ende aussieht, titelte die "Krone" am Mittwoch: Kein Ende im Fall Arigona, was die leidige Ungewissheit, auf welche Seite man fallen soll, prolongieren muss. Da galt es zunächst einmal, beide Seiten zu kritisieren, einerseits die Regierung, die sich hinter der höchstrichterlichen Entscheidung verschanzt, andererseits die Bemühungen derer, die auf eine typisch österreichische Lösung drängen: Die Affäre Zogaj wird zunehmend grotesk. Als ob das noch möglich wäre.

Und der Geist ihres greisen Mentors schwebte über Lesern und seinem Nachfolger in der Lenkung der Rubrik Das freie Wort, und alles lief wie geschmiert. Mir tut die Arigona leid, ächzte ein Leser aus Mödling, fühlte sich aber für dieses Leid reichlich entschädigt, denn: Möge die Familie Zogaj das letzte Opfer dieser Lemuren gewesen sein! Lemuren? Da ist einmal der Pfarrer, der es natürlich gut meint, aber auch ein bisschen in die Medien kommen möchte! Die Rechtsanwälte, die es nicht so gut meinen, aber viel Geld daran verdienen, und schließlich all die Gruppen, die die Republik "wie einen Tanzbären vorführen", und die es in Kauf genommen haben, dass eine Familie daran zugrunde geht.

Die Schuldigen stehen fest. Einen großen Teil der Schuld tragen die Berater, weiß einer, der persönlich auch dafür wäre, dass man der Familie ein Bleiberecht gewährt, aber unsere Frau Innenminister kann dem gar nicht mehr zustimmen, wenn sie ihr Gesicht nicht verlieren will. Wo das Gesicht unserer Frau Innenminister gegen die Zogajs und deren Berater steht, ist klar, dass das österreichische Antlitz nicht verlieren darf. Alles hätte gutgehen können, meinte ein anderer, aber dann tauchten die Gutmenschen aller Schattierungen auf, die die Familie für ihre Zwecke instrumentalisierten. Windige Advokaten, weiß der Teufel, wer die bezahlte, ersannen Einsprüche sonder Zahl, vielleicht eben um zu verhindern, dass Arigona und ihr Clan jetzt wohl auch als Familie vernichtet sind.

Einige Leser haben aber doch ein mulmiges Gefühl. Gute Nacht, Österreich (mein geliebtes)! Ich schäme mich zutiefst, litt ein Akademiker am Donnerstag. Woran blieb unklar, denn einerseits Gute Nacht, ÖVP! Strache kann 's trotzdem besser! Andererseits: Eigentlich sollten wir ja stolz sein auf unsere Innenministerin (sagen die Stammtische von nebenan). Wer käme denn da sonst noch daher . . . Diesen Stolz kann der Postillion des Blattes nicht ganz teilen. Frau Fekters "Empfehlung" zu heiraten wäre anrüchig, entbehrlich, zynisch und vollkommen fehl am Platz, weil heiraten eine ernste Angelegenheit fürs Leben ist.

Welche Hand wird künftig die Volksmeinung so souverän in die richtigen Bahnen lenken, wer wird uns bei einer Melange die große Welt erklären? Er wird fehlen. Das Land steht vor einem Lebenswerk und vor schweren medienpolitischen Entscheidungen. Ehrengrab oder nicht, werden sich manche fragen. (Günter Traxler/DER STANDARD; Printausgabe, 19./20.6.2010)

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