Schulreform lernen

18. Juni 2010, 17:32
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Man kann vom Schulpersonal nicht höchste Leistungen verlangen und seinen gesellschaftlichen Stellenwert auf dem Niveau von Parkwächtern ansiedeln

Schon längst haben wir es aufgegeben mitzuzählen, wenn im Monatstakt neue Reformvorschläge für die österreichische Schule aufgetischt werden. Wir werden noch viele solche Vorschläge auftauchen und verschwinden sehen, ohne dass sich etwas Wesentliches bewegt, solange die Schuldebatte von ideologischen Wachtürmen aus kontrolliert wird und wir erwarten, dass sich die zu Reformierenden selber reformieren werden.

Wo die gröbsten Fehler liegen, ist längst klar: Man kann vom Schulpersonal nicht höchste Leistungen verlangen und seinen gesellschaftlichen Stellenwert auf dem Niveau von Parkwächtern ansiedeln. Die LehrerInnen müssen neben ihrer fachlichen Qualifikation auch eine hohe pädagogische und Sozialkompetenz haben und dürfen nicht zu Exekutivorganen von Verwaltungsakten degradiert werden. Personalentwicklung ist wichtiger als schulfeste Stellen und eine "De-facto-Unkündbarkeit" . Das schließt auch die Möglichkeit der Kündigung mit ein.

Es ist viel zu tun, und wir brauchen einen raschen Systemwandel, wenn wir bei Innovationen und Know-how den Anschluss an andere Länder nicht verlieren wollen. Denn die Qualität der Bildung bestimmt nun einmal auch die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes. Wir können es uns schon aus diesem Grund nicht leisten, dass Kinder, z. B. aus sozial schwachen Familien mit fehlendem familiären Rückhalt ihr Potenzial nicht ausschöpfen können, weil das Schulsystem zu wenig Raum für individuelle Förderung und differenzierte flexible Betreuung bietet.

Die meisten Kinder bringen zu Beginn ihrer Schullaufbahn die nötige Neugier zum Lernen mit. Ihre Lebenswelt ist heute allerdings eine völlig andere als früher und verändert sich noch dazu unglaublich schnell. In Zeiten von Google und Wikipedia ist nicht primär Faktenwissen gefragt. Neue Schwerpunkte müssen in den Bereichen soziale und persönliche Kompetenz, Ressourcen- und Umweltbildung und positive Konfliktkultur gesetzt werden.

Voraussetzungen für den notwendigen Wandel des Schulsystems sind ein besserer Einsatz der vorhandenen finanziellen Mittel, z. B. durch den Abbau von bürokratischen Hürden, ein lebenswertes Lernumfeld in den Schulen selbst und vor allem die richtige Auswahl und Ausbildung von LehrerInnen. Hier sollte ein positiver Kreislauf in Gang gebracht werden: Der Lehrberuf braucht dringend einen Imagekick, die Auswahl muss strenger und die Ausbildung besser werden.

Das alles ist unter den Fachleuten längst geklärt und den Eltern und engagierten Lehrern ein fundamentales Anliegen. Statt daher weiterhin Kommissionen mit Schul-Ayatollahs, Bürokraten aus der Schulverwaltung, GewerkschafterInnen und BehördenvertreterInnen zu beschicken, muss die Gesellschaft endlich lernen, wie man Schulreformen erfolgreich angehen könnte. Dazu drei einfache Vorschläge:

  • Lasst uns von denen, die bei Pisa und anderen Tests erfolgreich sind, lernen.
  • Warum nicht einen Bildungskonvent organisieren, der repräsentativ für die gesamte Gesellschaft ist, von unabhängigen Fachleuten beraten wird und dessen Ergebnisse für die Politik bindend sind.
  • Learning by doing! - Wer akzeptiert, dass die Schule ein lebendiger Organismus ist, muss auch akzeptieren, dass diese die Chance haben muss, sich ständig weiterzuentwickeln.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20.6.2010)

Zur Person

Franz Fischler, promovierter Agronom, war Landwirtschaftsminister und EU-Agrarkommissar. Derzeit ist er Präsident des Ökosozialen Forums.

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