Goldener Darm am goldenen Horn

22. Juni 2010, 18:48
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Kann es sein, dass der Türke zwar ein Freund der Innerei ist - aber meist nicht so, wie sie dem Fidler schmeckt?

Wenn mich eine bekannt kundige Posterin wie "kuchlmensch" auf die Spur von "Schafsdarm, gefüllt mit Lamminnereien" setzt, dann gibt es natürlich kein Halten mehr. Andere halten sich bei dem Gedanken vermutlich den Wanst vor Übelkeit, ich greife freudig zu. Zum Beispiel in Istanbul, präziser Beyoglu, gleich in einer Seitengasse der Istiklal, praktisch mitten in der lauten Fresszone. Zum Beispiel in einem Lokal mit dem schönen Titel "Golden Kokorec", also quasi goldener Darm. Aber nur zum Beispiel und wegen des gediegenen Namens, Kokorec gibt's hier ja praktisch an jeder Ecke.

Gekrösesemmerl

Ich muss sagen: Wenn mir keiner gesagt hätte, dass die superfetten Fleischbrösel, vom heißen Blech geschabt in mein Weckerl, nicht aus dem tiefsten Inneren des Wuscheltieres kommen, ich hätte das durchaus bei oberflächlicher Beknabberung auch für ein Semmerl mit Faschiertem halten können. Und zwar für ein ausgesprochen gschmackiges seiner Art. Im Wissen, welche Werte es tatsächlich enthält, schmeckt's natürlich gleich noch einmal so gut. Die Vegetarierin hielt indes hielt das Gekrösesemmerl (für's Foto) weitestmöglich von sich. Sie wusste, was drin ist.

Leberschädel, Leberseele

Der Türke als solcher hat ja nach meiner Beobachtung durchaus einen Sinn für innere Werte. Da gibt's in der Fressgasse zum Beispiel ein Lokal, das übersetzt "Meine Leber, meine Seele" oder so heißt, würde auch für manchen Branntweiner am Gürtel gut passen. Leider war, davon habe ich ja schon berichtet, just die Leber bei meinem Besuch aus, was mich verschnupft von dannen ziehen ließ. Dann halt kein Kulturhauptstadtvergleich - Leberschädel in Linz gegen Seelenleber in Istanbul. Aber Leber musste schon einmal sein.

"lassen Sie sich von einer/m türkIn, der/die auf essen steht, rumführen und nicht vom lonely planet": Das riet mir Poster/in cg76 nach meinem ersten Istanbul-Bericht ("Something awfully fishy"). Klang vernünftig. Aber ich gehöre halt nicht zu den geselligen Menschen, die in eine andere Stadt fliegen und einfach den oder die nächstbeste Einheimische frage, ob er oder sie "auf Essen stehen" (auch der Körperumfang als Orientierungshilfe kann trügen). Also bat ich den bekennenden Istanbul-Verehrer Jani, Kontakte herzustellen.

Haci Baba

Kemal ist Maler, lebte lange in Wien und inzwischen wieder lange in Istanbul. Ich glaube, er isst ganz gern, auch wenn man ihm das nicht ansieht. Also wohin sollen wir nach dem Atelierbesuch (phew!, finde ich Universaldilettant) essen gehen? Haci Baba, gleich ums Eck, sagt Kemal, bisschen touristisch inzwischen, aber immer noch sehr gut. Haci Baba, das hatte mir vor der Abreise auch Fatih, unser Grafiker empfohlen. Gesundheit, wollte ich da rufen, aber der war jetzt wirklich zu platt.

Bisschen touristisch ist gut. Haci Baba wirkt ein bisschen wie eine türkische Ausgabe von Plachutta, nein, das ist nicht schon Herr Dogudan. Nicht unpraktisch trotzdem, dass die Speisekarte in praktisch alle erdenklichen Sprachen außer Kisuaheli und Shangan übersetzt ist. Das hält den Dilettanten natürlich nicht davon ab, bei der Bestellung ein bisschen daneben zu hauen. Reis-Pilav mit Leber nehme ich als Vorspeise, obwohl eigentlich Beilage, und obwohl eigentlich sehr dezent, aber doch vom vielsprachigen Kellner gewarnt. War dann doch ein bisserl fad alleine, als Beilage aber bestimmt hervorragend. Dafür kann das Lokal nun aber wirklich nichts. Schon eher dafür, dass die gegrillte Leber ziemlich fad und eher trocken ausfiel. Hätten wir das auch abgehakt.

Frau S. wiederum macht sich gerade seit ein paar Monaten in Istanbul heimisch. Also muss sie uns auch ein Lokal zeigen, das sie mag. Weil's schon spät war und wir müde, und die Vegetarierin kein Fleisch, aber noch viel weniger Fisch mag, wurde es ein Lokal unten am Fischmarkt noch eines der Fischlokale im Stadtteil Fatih, übers Goldene Horn von Beyoglu. Frau S. beschrieb das so: "Man nimmt den Dolmus (Minibus) von Taksim Richtung Aksaray und steigt in Fatih Zentrum aus. Von dort geht man dann noch ca 10 Minuten zu Fuß zu den Lokalen." Nachsatz: "Aber wer Istanbul nicht kennt, kann damit nicht viel anfangen, oder?" Ich kann sagen, auch nach zwei Besuchen in Istanbul würd ich die Lokale damit nicht finden. Und an dem Tag waren wir eh zu müde.

Hirn und Niere

Also das Beyoglu Ocakbasi in der Bekar Sokagi, der Straße der Unverheirateten (Frau S. stuckte gerade für ihre Türkischprüfung, merkt man praktisch gar nicht), in Beyoglu, auch eine Seitenstraße der Istiklal. Kleine Lahmacun, Pizzchen quasi, kommen unaufgefordert als Gruß aus der Küche, sehr nett und fein zudem. Die Vegetarierin jubiliert über einen wirklich guten Gemüseteller. Ich werde meinem Ruf gerecht und bestelle die gegrillten Nieren - okay, aber kein Höhepunkt meiner kulinarischen Erfahrungen.

Eine Gelegenheit für innere Werte hab ich dann freiwillig ausgelassen: Im Meze-Angebot im Yakup 2 ((35 Asmalı Mescit Sokak), einer Empfehlung von Ahmed, auch Maler, und Kemal, auch in Beyoglu, lachten mich auch ein paar Lammhirne an. Ich lächelte zurück, aber bevor ich ihnen zublinzeln konnte, fiel mir gerade noch rechtzeitig ein, dass ich die Vegetarierin eh viel zu viel anschauen lasse. Und entschied mich für eingesalzenen Fisch - olfaktorisch vielleicht auch nicht das Netteste, zugegeben, aber immerhin optisch unauffällig. Und Lammhirn satt hatte ich ohnehin schon einmal beim Libanesen, mit Hirn soll man ja nicht übertreiben. Da fällt mir ein - ich hab da noch eine roh marinierte Leber im Le Cedre offen - gibt's das eigentlich noch?

In Istanbul aber beschleicht mich langsam ein Verdacht: Isst der Türke zwar gerne Innereien, aber halt nicht wirklich so, wie sie der Fidler mag? Mit einer goldenen Ausnahme von der Regel natürlich - Kokorec!

Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

  • Die Nieren im Beyoglu Ocakbasi. Kenne bessere.
    foto: harald fidler

    Die Nieren im Beyoglu Ocakbasi. Kenne bessere.

  • Goldig, der Darm aus dem Golden Kokorec
    foto: harald fidler

    Goldig, der Darm aus dem Golden Kokorec

  • Ein Blick ins Refik, wo Fidler aufs Lammhirn verzichtete.
    foto: harald fidler

    Ein Blick ins Refik, wo Fidler aufs Lammhirn verzichtete.

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