Kosten des Krieges: Ökologische Wunden an der "Wüstenhaut"

21. April 2003, 11:00
posten

Biologe: Schäden kleiner als die im Golfkrieg des Jahres 1991 - doch immer noch eine Gefahr

Welche Schäden hat dieser Irakkrieg der Umwelt zugefügt? Sie sind kleiner als die im Golfkrieg des Jahres 1991, meint der Biologe Arne Jernelov - doch immer noch groß genug, um die Gesundheit der Bewohner und Soldaten im Irak ernstlich zu gefährden.

Wien - In einem Beitrag für das Prager "Project Syndicate" hat der Biologe Arne Jernelov, ein Experte der Vereinten Nationen für Umweltkatastrophen, eine erste Bewertung der ökologischen Auswirkungen dieses Irakkrieges unternommen. Jernelov meint, dass eine genaue Analyse noch viel mehr empirischer Daten bedürfe, als derzeit vorliegen. Dennoch traut sich der Experte auf-grund der Erfahrungen, die er im Golfkrieg des Jahres 1991 gewonnen hat, schon jetzt zu, einige triftige Aussagen treffen zu können.

Zerstörte Schicht

So meint er zum Beispiel, dass die Sandstürme, die die Offensive der Alliierten in den ersten Wochen erheblich behindert haben, auf deren eigene Einwirkung zurückzuführen gewesen seien. Über dem Wüstensand, so Jernelov, liege üblicherweise eine aus Lehm und Sand gebildete krustige Schicht, die von den Arabern die "Wüstenhaut" genannt wird. Panzer und sonstige Fahrzeuge, aber auch das massive Bombardement, hätten diese Schicht zum Teil zerstört und so die Sandstürme in den ersten Kriegstagen unmittelbar ausgelöst.

Wesentlich weniger Schaden als 1991 hätten die irakischen Truppen diesmal durch das willkürliche Anzünden von Ölquellen stiften können. Damals waren bis zu 600 Ölquellen in Brand gesteckt worden, dieses Mal waren es lediglich ein wenig mehr als ein Dutzend. Zudem hatte das Saddam-Regime im Jahr 1991, anders als diesmal, erhebliche Mengen Öl in den Persischen Golf eingeleitet: Jernelov spricht von einem Quantum, das 50-mal größer gewesen sei als das, das sich beim Untergang des Tankers "Prestige" im vergangenen Herbst vor der spanischen Küste in den Atlantik ergoss.

Anders als 1991 sei es auch nicht dazu gekommen, dass haufenweise gefährliche Chemikalien nach dem Bombardement von Fabriken und Kraftwerken in die Umwelt ausgetreten seien. Während die Umweltschäden durch absichtlich entflammte Ölquellen auf globaler oder auch nur regionaler Ebene von wenig Bedeutung seien, meint Jernelov, stellten sie durchaus eine Beeinträchtigung für die Gesundheit der Bevölkerung und der Kämpfer im Irak dar.

Vervielfachter Effekt

Metalle, die in die Ölquellen geworfen wurden, um die Lenksysteme der ferngesteuerten Bomben zu stören, hätten den gesundheitsschädigenden Effekt der herumfliegenden Öl- und Rußpartikel noch vervielfacht. Es sei noch zu früh, meint Jernelov, um die Auswirkungen des Krieges auf das Grundwasser und die Schäden, die das abgereicherte Uran von panzerbrechender Munition angerichtet hat, zu bewerten, da die nur beschränkt vorliegende Information eine exakte Einschätzung unmöglich mache. Eines sei freilich sicher: "Egal, welche Regierung der Irak in der Zukunft nun haben wird, sie wird sich auf ökologische Folgekosten einstellen müssen, die noch auch Jahre hinaus eine schwere Verpflichtung darstellen werden." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. - 21. 4. 2003)

Share if you care.